Mindestlohn : Bäckerlöhne steigen, Preise auch

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Gewerkschaftskritik: Viele Betriebe zahlen weniger als 6,22 Euro je Stunde / NGG fordert 8,50 Euro ab 2015 / Innung will Aufschub bis 2017

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25. März 2014, 07:18 Uhr

Lohnhoffnung für Angestellte in der Backstube, Frust bei Arbeitgebern, höhere Preise für Kunden: Die Beschäftigten in der Backwarenbranche in MV können in den kommenden Monaten mit deutlich höheren Löhnen rechnen, müssen aber voraussichtlich noch bis 2016 auf Gehälter mit einem Mindestlohnniveau von 8,50 Euro warten. Nach monatelangen ergebnislosen Verhandlungen mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) über neue Tarife in MV drängt die Bäckerinnung des Landes auf einen Vertragsabschluss für einen bundesweit einheitlichen Grundlohn in der Branche. Die Innung in MV habe den Zentralverband aufgefordert, eine entsprechende Vereinbarung abzuschließen, teilte Thomas Müller, Landesinnungsmeister des Bäckerhandwerks in MV gestern mit. Ein Stufenplan sieht vor, die Bezahlung in der untersten Lohngruppe noch in diesem Jahr auf 7,50 Euro je Stunde anzuheben. Im kommenden Jahr sollen 8 Euro, 2016 dann 8,50 und ab 2017 schließlich 8,75 Euro gezahlt werden.

Ein Zuschlag scheint überfällig: In den Backstuben werden mit die niedrigsten Löhne bezahlt, kritisierte die Gewerkschaft NGG. In den Innungsbetrieben seien Einstiegslöhne von 6,22 Euro, in den Großbäckereien von 7,29 Euro vereinbart, erklärte NGG-Geschäftsführer Jörg Dahms. Die Tarife gelten allerdings nur für weniger als die Hälfte der etwa 250 Betriebe in der Branche. So werde in etlichen Backstuben noch weniger bezahlt, meinte Dahms.

Mit dem von der Bundesregierung für 2015 angekündigten Mindestlohn geraten die Bäcker nun in die Bredouille: Arbeitgeber und Gewerkschaften beschuldigen sich bislang gegenseitig, die seit Monaten laufenden Tarifverhandlungen auf Landesebene zu blockieren. Eine Zustimmung für einen flächendeckenden Grundlohn in der Branche steht aber von anderen Landesinnungen noch aus. Ohne Einigung müssten die Bäcker in MV voraussichtlich bereits ab 2015 Löhne von mindestens 8,50 Euro zahlen. Der Abschluss eines allgemeingültigen Branchenvertrages würde ihnen nach den Ausnahmevorschlägen der Bundesregierung einen zweijährigen Aufschub einräumen.

Die Gewerkschaft sieht die Lohnpläne der Landesinnung skeptisch: Die Beschäftigten müssten von ihrer Arbeit auch leben können, meinte Dahms. Die NGG fordere daher, die Löhne bereits ab 2015 auf Mindestlohnniveau anzuheben. Das könnten die Betriebe nicht leisten, vor allem im Osten, hielt Müller dagegen. Auch die Unternehmen wollten ihre Mitarbeiter „so gut wie möglich bezahlen“. Die Marktsituation gebe aber nicht mehr her.

Unabhängig vom Ausgang der Gehaltsverhandlungen müssen sich die Kunden in den nächsten Monaten auf höhere Preise einstellen. „Das lässt sich nicht verhindern“, meinte Innungschef Müller. Anders seien die steigenden Löhne nicht zu bezahlen. Der jetzt auf den Weg gebrachte gesetzliche Mindestlohn verstoße gegen die Tarifautonomie und werde „eine Preisexplosion“ im Ernährungsbereich auslösen. Die Branche rechne mit Preissteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent. Damit würde der Lohnzuwachs für die Beschäftigten wieder aufgezehrt. Müller: „Die großen Verlierer werden wir alle sein.“ Darüberhinaus gerate das Bäckerhandwerk noch weiter unter Druck: Während die Backindustrie die Chance habe, durch einen stärkeren Maschineneinsatz die Kosten zu minimieren, könne das Handwerk mit der vielen Handarbeit in den Backstuben kaum ausweichen. Dem Druck könnten zahlreiche der noch 220 Handwerksbetriebe in MV nicht standhalten. „Weitere Betriebe werden schließen müssen“, so Müller. In den vergangenen 13 Jahren seien bereits 260 Unternehmen verlorengegangen.

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