Schwerin : Wirbel um Schwesigs Schulwahl

Manuela Schwesig  kennt von Berufs wegen alle Schweriner Schulen. Das Foto entstand 2015 beim Besuch der Heinrich-Heine-Schule. In diese staatliche Grundschule ging bis zum Sommer auch ihr Sohn.
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Manuela Schwesig kennt von Berufs wegen alle Schweriner Schulen. Das Foto entstand 2015 beim Besuch der Heinrich-Heine-Schule. In diese staatliche Grundschule ging bis zum Sommer auch ihr Sohn.

Misstrauen in das staatliche Schulsystem? Am Privatschulbesuch des Sohnes der Ministerpräsidentin scheiden sich die Geister

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05. September 2017, 19:55 Uhr

In der Landeshauptstadt war es schon länger bekannt, heute hat es auch der NDR publik gemacht: Der Sohn von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) besucht , seit er in die 5. Klasse gekommen ist, eine Privatschule in Schwerin. Die Eltern begründen ihre Entscheidung damit, dass diese Schule die einzige weiterführende im Wohngebiet der Familie und damit am nächsten ist.

Regierungssprecher Andreas Timm erklärte heute gegenüber unserer Redaktion, dass Frau Schwesig aus ihrer Tätigkeit alle Schulen in Schwerin kenne und die dort geleistete Arbeit sehr schätze – unabhängig davon, ob sich diese in staatlicher oder in freier Trägerschaft befinden. „Die Frage, auf welche Schule das eigene Kind geht, ist eine persönliche Entscheidung. Der Sohn von Frau Schwesig hat bislang eine staatliche Grundschule besucht. Ein Schulwechsel zur fünften Klasse wurde für alle Kinder nötig, da die Grundschule mit der vierten Klasse endet. Er wird künftig wie andere Kinder auch eine Schule in freier Trägerschaft besuchen.“

Schwesigs Sohn gehört damit zu den elf Prozent aller schulpflichtigen Mädchen und Jungen im Land, die eine von 77 Schulen in privater Trägerschaft besuchen. Nur in Bayern ist der Anteil der Privatschüler noch größer.

Gründe für den Zulauf zu Privatschulen gibt es viele. Für manche Eltern geben besondere pädagogische Konzepte den Ausschlag für ihre Entscheidung. Für andere ist, wie im Fall Schwesig, der Weg zur Privatschule schlicht kürzer als der zur nächstgelegenen staatlichen. Nach der Grundschule entscheiden sich eine Reihe von Eltern aber auch ganz bewusst für eine Privatschule, weil ihrem Kind dort die schulartenunabhängige Orientierungsstufe – und damit eine weitere Umschulung – vor dem Wechsel zum Gymnasium erspart bleibt.

Für die Linke ist Schwesigs Entscheidung Ausdruck ihres Misstrauens in das staatliche Schulsystem. Der NDR zitierte Fraktionsvorsitzende Simone Oldenburg, dass die Ministerpräsidentin versuche, den Bildungserfolg ihres Kindes über eine Privatschule sicherzustellen, statt die öffentlichen Regionalschulen nach dem Kaputtsparen der vergangenen Jahre besser auszustatten. Offenbar seien die Defizite in der Regionalschule so groß, dass sie diese ihrem Kind nicht zumuten wolle. Das Einkommen der Eltern entscheide hier über die Chancen der Kinder, konstatierte Oldenburg.

Eine Argumentation, die selbst der AfD zu weit ging. „Niemand sollte Ministerpräsidentin Schwesig vorwerfen, dass sie ihr Kind auf eine Privatschule schickt. Das ist ihre eigene persönliche Entscheidung“, betonte Fraktionschef Leif-Erik Holm. Allerdings kritisierte er den „beklagenswerten Zustand“ des Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern: Unterrichtsausfall, verfallende Schulen, Lehrermangel, Inklusionschaos und zu große Klassen. „Offensichtlich gibt es da einen Zusammenhang.“ so Holm.

Darf die Ministerpräsidentin das?

Pro: Jeder hat das Recht auf freie Schulwahl 

Die Aufregung im Land ist groß:  Manuela Schwesig schickt  ihren Sohn auf eine Privatschule. Unverständlich der öffentliche Aufschrei, wenn man bedenkt, dass Privatschulen in MV zur Schullandschaft dazugehören.    Zudem haben  Eltern hier das Recht,  frei zu wählen, auf welche Schule  ihr  Nachwuchs gehen soll. Warum  darf Schwesig davon nicht genauso Gebrauch machen, wie jeder andere auch? 

Gründe für  ihre  Wahl gibt es  viele.   So ist die Privatschule die nächste weiterführende  Schule im Wohnviertel der Ministerpräsidentin. Wer kann es Schwesig verdenken, dass sie sich, um   einen  vollen Terminkalender  und  Familienleben unter einen Hut zu bringen, für eine  Schule in der Nähe entschieden hat? Zumal ihr Sohn schon im gleichen Stadtviertel  eine  Grundschule besuchte, übrigens eine staatliche.

Mit ihrer Wahl umgeht Schwesig auch  ein weiteres  Problem: Wer sein Kind   nach der Grundschule nicht auf eine Privatschule oder auf eines der Gymnasien mit spezieller Ausrichtung schickt, der nimmt einen zweiten Schulwechsel nach Klasse sechs in Kauf.   Vielleicht wollte Schwesig das ihrem Sohn ersparen? Letztlich wird sie ihre Entscheidung als Mutter getroffen haben – und nicht als Politikerin!

Kontra: Jede Entscheidung ist symbolisch

Auch Politiker sind Menschen. Mit einer schützenswerten Privat- und Intimsphäre.  Aber Politiker sind auch besondere Menschen, weil sie eine  herausgehobene Stellung haben. Weil sie in der Öffentlichkeit stehen, sich selbst dort hinbegeben – und zwar für eine Programmatik.  Daraus folgt eine Vorbildrolle, ob gewollt oder nicht.  Alles, was sie tun oder unterlassen, hat  symbolischen Charakter.

So  auch die  Schulwahl für die eigenen Kinder. Rechtlich völlig in Ordnung, auch moralisch nicht anzuzweifeln. Und doch ein Symbol: Wenn die Ministerpräsidentin ihr Kind in eine Privatschule schickt - und sei es wegen  kurzer Wege - ist das eine Aussage. Mindestens die, dass die  öffentliche Schule zu weit weg ist. Was sollen Eltern und Kinder auf dem Lande  sagen? Welches Argument  für die Privatschule auch angeführt würde - es wäre  Ausdruck für  Makel, die man an der Alternative  sieht.

Deshalb wäre es das stärkere Symbol, hätten die Schwesigs ihr Kind demonstrativ in einer öffentlichen Schule angemeldet. Als täglichen Anreiz für die eigene Schulpolitik. Und wenn es stimmt, dass einige SPD-Politiker die Orientierungsstufe selbst nicht mögen, aber daran festhalten, weil sie nun mal Parteiprogramm sei - dann sollten sie schnellstens  ihr Programm überarbeiten.

„In die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern wurde in den zurückliegenden Jahren erheblich investiert. Lehrer und Lehrerinnen leisten dort eine hervorragende Arbeit“, hält SPD-Fraktionschef Thomas Krüger dagegen. Laut Regierungssprecher Timm sind die Landesausgaben für Schulen seit 2011 auf 960 Millionen Euro und damit um 24,9 Prozent im Jahr 2017 angestiegen. Bei den regionalen Schulen lag der Zuwachs sogar bei 38,7 Prozent. Auch Schulen in privater Trägerschaft würden durch das Land gefördert. Beide, staatliche Schulen und solche in freier Trägerschaft, gehörten zum Schulsystem in MV. Es wäre deshalb falsch, sie gegeneinander auszuspielen.

„Politisch heikel“ nennt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, Schwesigs Schulwahl. Die Politikerin könne – wie andere auch – im Privatleben frei entscheiden. Aber: „Die Regierungschefin hat in die öffentlichen Schulen Mecklenburg-Vorpommerns offenbar wenig Vertrauen“, konstatiert Meidinger. Das sei ein „fatales Zeichen“. Schwesig hätte Kultusministerin Birgit Hesse (SPD) damit keinen Gefallen getan.

Die hält die Debatte indes für „an den Haaren herbeigezogen“, es sei „geschmacklos, da Kinder mit hereinzuziehen“. Wenn Linken-Fraktionschefin Oldenburg Defizite an staatlichen Schulen unterstelle, sei dies ein Schlag ins Gesicht der Schulträger und der engagierten Lehrerinnen und Lehrer. Es sei aber auch eine bewusste Negierung des 50-Millionen-Programms der Landesregierung, mit dem diese die Schullandschaft vorangebracht hätte.

Das neue Schuljahr, so konstatierte Hesse, sei „geräuschlos“ gestartet. Um eine reibungslose Unterrichtsversorgung zu garantieren, habe das Land 408 neue Lehrerinnen und Lehrer eingestellt. Bereits sechs Wochen vor den Sommerferien hätten die Schulen auch die entsprechenden Stundenzuweisungen für das neue Schuljahr erhalten, um verlässlich planen zu können.

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