zur Navigation springen

Filmfest-Krise : „Wir wollten eigentlich noch reden"

vom

Torsten Jahn hat die Position des Künstlerischen Leiters abgeschafft und will das Filmkunstfest künftig von einer Programmredaktion leiten lassen. Das sei Unsinn, sagen Filmemacher und Branchenkenner.

svz.de von
erstellt am 09.Jan.2012 | 06:26 Uhr

Schwerin | Kritik von Regisseuren und Filmjournalisten an den neuen Organisationsstrukturen des Filmkunstfestes, scharfe Vorwürfe vom ehemaligen Künstlerischen Leiter Stefan Fichtner, der nicht in herabgesetzter Stellung in der neuen "Programmredaktion" arbeiten will (wir berichteten) - es kommt zur Zeit knüppeldick für Torsten Jahn, Geschäftsführer der Filmkunstfest-Dachgesellschaft FilmLand gGmbH. Er bedaure es sehr, dass ein so erfolgreiches Festival nun wieder in der Kritik stehe, sagt Jahn nun gegenüber unserer Zeitung.

Zumal die Heftigkeit der Vorwürfe von Seiten Fichtners doch eine Überraschung sei, so Jahn: "Eigentlich sind wir in den Verhandlungen sehr auf Herrn Fichtners Wünsche eingegangen." Künstlerischer Leiter habe der nicht bleiben können, so Jahn, möglich gewesen wäre aber "eine Stellung in der Programmredaktion mit herausgehobenen Aufgaben". Dieses Angebot habe im Raum gestanden, "und eigentlich hatten wir noch einmal darüber reden wollen".

Aber warum muss die Position des Künstlerischen Leiters abgeschafft werden? Hat Fichtner schlecht gearbeitet? "Wir hätten ihn ja nicht eingeladen, weiter am Filmfest mitzuarbeiten, wenn er schlecht gearbeitet hätte", betont Torsten Jahn: "Wir sind sehr verantwortungsvoll mit Stefan Fichtner umgegangen."

Fichtner selbst - er war erst vor dem Filmfest 2011 als Künstlerischer Leiter angetreten, hatte gegenüber unserer Zeitung von einer "Demontage" seiner bisherigen Position gesprochen - weshalb er sich nun nicht zum "Erfüllungsgehilfen" von Torsten Jahn machen lassen wollte.

So oder so: Kann ein Filmkunstfest überhaupt ohne Künstlerischen Leiter erfolgreich sein? Durchaus, meint Jahn, schließlich habe das Team der Filmland-Gesellschaft bewiesen, dass es ein gutes Festival organisieren könne. "Natürlich brauchen Filmemacher Anprechpartner - aber das ist in der neuen Redaktion ja auch gegeben." Die Veränderungen seien das Ergebnis eines Prozesses, der sich in den vergangenen zwei Jahren abgespielt habe und in dem sich die nun auch offiziell eingerichtete Programmredaktion herauskristallisiert und bewährt habe. Schließlich übt Jahn doch etwas Kritk an dem nun ehemaligen Künstlerischen Leiter: "Stefan Fichtner war ja nicht immer so präsent in Schwerin."

Das sei aber wichtig - zumal das Filmkunstfest mit den Reihen "On Tour" oder der Kirchen-Reihe "Starke Stücke" längst die Grenzen der Landeshauptstadt und der einen Woche im Mai überschritten habe. "Das Filmkunstfest findet mittlerweile ja sozusagen das ganze Jahr über statt."

Unklar ist allerdings offenbar noch, ob und wie sich Regisseur Christian Schwochow engagieren wird. Die Filmland-Gesellschaft hatte den gebürtigen Rügener und vielfach ausgezeichneten Filmemacher als neuen "Festivalbotschafter" verkündet. Auf Nachfrage unserer Zeitung trat Schwochow jetzt dem Eindruck entgegen, er werde als eine Art Künstlerischer-Leiter-Ersatz agieren. "Davon war nie die Rede. Es ging immer nur um eine Beraterfunktion", so Schwochow. Er sei nach wie vor der Meinung, dass ein Festival einen Künstlerischen Leiter braucht. Und bei den ersten Gesprächen mit dem Filmkunstfest-Team sei es nie darum gegangen, diese Position abzuschaffen, so Schwochow. Er werde nun Gespräche mit dem Filmkunstfest führen und er hoffe, dass Ruhe in die Diskussion kommt. Schwochow: "Ich bin etwas baff. Wo bin ich da nur reingeraten?"

Christian Schwochow sei informiert gewesen, dass man organisatorische Veränderungen und vor allem eine Programmredaktion plane, sagt FilmLand-Geschäftsführer Torsten Jahn: "Allerdings war auch er von der Heftigkeit der Reaktionen in der Presse überrascht." Wie er selbst.

Zumal, darauf legt Jahn Wert, die Installation eines Festivalbotschafters ganz unabhängig von den Veränderungen rund um den Künstlerischen Leiter gewesen sei. "Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Einrichtung der Programmredaktion und der Einführung eines Festivalbotschafters", betont der Filmland-Geschäftsführer. Es sei nie so gedacht gewesen, dass der Botschafter den Künstlerischen Leiter ersetzen soll.

Nach Informationen unserer Zeitung hat angesichts der Veränderungen Katrin Sass ("Goodbye, Lenin"), Ehrenpreisträgerin aus dem vergangenen Jahr, nun angesichts der Veränderungen ihre Jury-Teilnahme in Frage gestellt. "Das stimmt, sie hat darüber nachgedacht, nicht zu kommen", bestätigt Filmland-Sprecherin Michaela Skott. Man sei aber mittlerweile im Gespräch, und eine Absage sei keineswegs ausgemachte Sache. Das ließ auch Katrin Sass über ihre Agentur bestätigen. Allerdings seien "Terminprobleme" der Hintergrund.

Auch mit Andreas Dresen sei er in Kontakt, sagt Torsten Jahn. Der Kult-Regisseur hatte gegenüber unserer Zeitung seine Sorge über die Entwicklungen beim Filmkunstfest ausgedrückt. Jahn zu den Gesprächen: "Da ist das Tischtuch keineswegs zerschnitten."

Überhaupt müsse jetzt wieder das nächste Filmkunstfest im Fokus stehen, betont Jahn: "Es geht nämlich bei den Veränderungen nicht um Macht oder so, sondern darum, die Filmland-Gesellschaft und das Filmkunstfest zukunftssicher aufzustellen. Es geht darum, für die Menschen in diesem Land Kultur möglich zu machen."


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen