Future Kids Schwerin : „Wir wollen Weltbürger erziehen“

„Perfect“: Van Nhi tupft ein leuchtendes „green“ auf eine Pappe.
1 von 3
„Perfect“: Van Nhi tupft ein leuchtendes „green“ auf eine Pappe.

Bilinguale Kita „Future Kids“ im Schweriner Plattenbaugebiet bietet exotisches Angebot im Land / Kinder tauchen ins „Sprachbad“

svz.de von
09. Dezember 2014, 08:07 Uhr

Vivien, Van Nhi und Maxim tupfen leuchtendes „green“ auf eine große Pappe. Andere Kinder verteilen mit einem „sponge“ großflächig „blue“ und „pink“. Das wird die Kulisse für das Theaterstück „Colours on stage“, wie Erzieherin Mona Gonzales erklärt. Das bunte Farbenspiel gehört zum täglichen Kunstangebot in Schwerins bilingualer Kindertagesstätte „Future Kids“. Die im Mai 2011 im Plattenbaugebiet Dreesch eröffnete Einrichtung ist die einzige mehrsprachige Kita in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt und laut Bildungsministerium nach einem Rostocker Kindergarten erst die zweite mehrsprachige Kita im Land. Mehrsprachige Bildungsangebote stecken im Nordosten noch tief in den Kinderschuhen.

Neben den beiden Kitas, die sich der spielerischen Vermittlung mehrerer Sprachen verschrieben haben, gibt es laut Kultusministerium nur eine Grundschule in Laage bei Rostock mit bilingualem Unterricht sowie mehrsprachiges Lernen an fünf Gymnasien und drei Privatschulen.

„Wir sind auf der Welt Exoten mit unserer Einsprachigkeit“, sagt Heike Ihde, Leiterin der Schweriner „Future Kids“.  Dabei sei längst nachgewiesen, dass mehrsprachige Erziehung von klein auf die Intelligenz steigere. Spielerisch lernten die Kinder Englisch, seien aber auch in der deutschen Sprache weiter als Gleichaltrige, sagt Ihde. Im „Sprachbad“ ohne Unterricht würde nicht nur das Sprachzentrum der Jüngsten erweitert, auch die Lernfähigkeit werde frühzeitig gefördert. Gerade Kinder aus ärmeren Familien oder Elternhäusern mit Migrationshintergrund würden in ihrem Selbstvertrauen gestärkt, ist die Pädagogin überzeugt.

Der 3,5 Millionen Euro teure Kita-Neubau ersetzt zwei alte Kindergärten im größten Plattenbaugebiet der Stadt. Bewusst hat Schwerin die bilinguale Bildungsstätte dort gebaut, wo die Einkommen eher niedrig und Bedingungen für Kinder eher schlechter sind. Hier lebt fast jeder vierte Schweriner, jeder fünfte der 23 000 Dreesch-Bewohner hat einen Migrationshintergrund. Viele Einwanderer stammen aus Russland oder anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, aus Asien oder Afrika. Der Kultur- und Sprachenmix spiegelt sich bei den „Future Kids“ wider. Ein Drittel der 178 Krippen- und Kindergartenkinder kommt aus Migrantenfamilien, die zu Hause ihre Muttersprache pflegen.

In der Kita werden Deutsch und Englisch parallel genutzt, jede zweite Erzieherin spricht nur Englisch. „Wir haben hier verschiedenste Nationen, eine echte kulturelle Bereicherung“, meint Heike Ihde. „Wir wollen Weltbürger erziehen“, sagt sie. „Migration – die leben wir einfach.“ Die anfängliche Skepsis einiger Eltern habe sich rasch gelegt.

Nils und Martina Panknin, Eltern der dreijährigen Vivien, arbeiten als Hauswirtschafterin beziehungsweise Techniker und beherrschen selbst keine Fremdsprache. „Englisch brauchen Kinder von heute. Je früher sie damit beginnen, umso besser“, sagt die Mutter. Seine Tochter sei viel aufgeschlossener geworden und auch im Deutschen immer einen Schritt voraus, sagt der Vater. Er wolle an der Abendschule selbst Englisch belegen, um mitreden zu können.

Die „Future Kids“ vom Dreesch könnten es schaffen, Klischees aufzubrechen, sagt Anke Preuß, Geschäftsführerin der Kita gGmbH, Träger der Schweriner Kindertagesstätten. Vorurteile über angeblich bildungsferne Familien in sogenannten sozialen Brennpunktgebieten stimmten so nicht, betont Preuß. Bedauerlich sei nur, dass keine staatliche Schule in Schwerin das Konzept der Kita fortführt und bilingualen Unterricht anbietet, so Preuß.

An Schule denken die Dreijährigen der „Future Kids“ noch lange nicht. Für ihr Theaterprojekt setzen sie weiter mit Schwämmen bunte Farbkleckse auf Pappwände. Dazu plappern sie munter Deutsch und Englisch, auch mal Russisch oder Vietnamesisch. Van Nhi färbt geduldig die letzten weißen Stellen der großen Pappe grasgrün ein. „Perfect“, lobt Mona Gonzales. „Thank you very much!“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen