„Wir wollen rechtzeitig zur Stelle sein“

In den 90er-Jahren herrschte noch große Sprachlosigkeit zwischen Brandenburg und Polen, sagt Ministerpräsident Matthias Platzeck im Interview mit unserer Zeitung. Er reist für drei Tage ins Nachbarland. Foto: dpa
In den 90er-Jahren herrschte noch große Sprachlosigkeit zwischen Brandenburg und Polen, sagt Ministerpräsident Matthias Platzeck im Interview mit unserer Zeitung. Er reist für drei Tage ins Nachbarland. Foto: dpa

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08. Juli 2012, 07:50 Uhr

Drei Tage ist Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in dieser Woche in Polen unterwegs. Benjamin Lassiwe sprach mit dem Ministerpräsidenten über das Verhältnis von Brandenburg und Polen und seine Erwartungen an den Besuch.

Herr Ministerpräsident, wie steht es um die Nachbarschaft von Brandenburg und Polen?

Platzeck: Wenn ich zunächst einmal zurückblicken darf: Noch bis Anfang der 1990er-Jahre herrschte zwischen Brandenburg und Polen eine große Sprachlosigkeit. Es gab wenig wirkliche Anknüpfungspunkte und kaum Zusammenarbeit.Wir haben große Hoffnungen gehabt - aber zunächst war harte Arbeit erforderlich, um das Eis zu brechen. Heute sind die Verkehrsanbindungen deutlich besser, etwa die neue Autobahn nach Poznan. Auch beim Zugverkehr hat sich was getan. Wir haben die Oderpartnerschaft ins Leben gerufen, wo wirklich Bindekraft entsteht zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Berlin und den vier Anrainer-Wojewodschaften. Es gibt Erscheinungen, mit denen wir nie gerechnet hätten: Dass viele junge polnische Familien nach Brandenburg ziehen, beschreibt eine Entwicklung, die man nur als erfreulich bezeichnen kann.

Die polnischen Familien, von denen Sie sprachen, ziehen in die Uckermark, pendeln aber weiter nach Stettin. Reicht das aus?

Zunächst einmal bin ich froh, dass Stettin seine Wirkung als natürliches Oberzentrum im Nordosten der Region wieder zu entfalten beginnt. Ich finde es wunderbar, dass so viele junge Polen mit ihren Kindern in den Norden unseres Landes kommen. Das stärkt auch unsere Kindergärten und Grundschulstandorte. Natürlich fahren noch viele dorthin zur Arbeit, aber: Wir werden auf unserer Reise in Poznan auch um polnische Investitionen in Brandenburg werben. Immerhin stellen die vier Wojewodschaften, die zur Oderregion gehören, ein Viertel der polnischen Wirtschaftskraft. Deswegen wollen wir potenzielle Investoren einladen, um sie für den Standort Brandenburg zu begeistern. Es brummt in Polen und die ersten Unternehmen denken an Expansion. Da wollen wir als Brandenburger rechtzeitig zur Stelle sein.

Müssen die potenziellen Investoren nicht eher Angst um ihre Maschinen haben? Wie sehen Sie das Thema Grenzkriminalität - und welche Rolle spielt es auf Ihrer Reise?

Im letzten Halbjahr hat sich in Punkto Sicherheit eine Menge getan. Die Zusammenarbeit mit Polen ist Stück für Stück effektiver und besser geworden. Man darf ja nicht vergessen, dass das keine Gelegenheitsdiebe, sondern hochprofessionelle Banden aus dem Osten Europas sind. Wir haben in der direkten Reaktion damals gesagt: Drei Hundertschaften gehen in den Grenzraum. Von der Tendenz her zeigt es sich, dass diese und andere Maßnahmen beginnen, Wirkung zu zeigen.

Trotzdem ist das ein Provisorium: Die Hundertschaften der Bereitschaftspolizei existieren doch für etwas Anderes, als für den Dauereinsatz an einer Stelle...

Sie sind dazu da, um besonderen Situationen zu begegnen. Aber erstens werden wir Stück für Stück hinter die Strukturen dieses organisierten Bandendiebstahls kommen. Es ist zum Beispiel gelungen, die ersten Werkstätten auszuheben, wo die Autos verarbeitet werden. Und zweitens ist das Ganze auch vom Wohlstandsgefälle getrieben. Wenn Polen heute nach Brandenburg kommen, und sich hier niederlassen - dann spürt man doch, hier gleicht sich allmählich etwas an. Dieser Prozess wird auch vor der EU-Außengrenze nicht halt machen.

Wenn sich jetzt schon etwas ausgleicht: Wie wird dann das Verhältnis zwischen Brandenburg und Polen in zehn Jahren aussehen? Was wünscht sich Matthias Platzeck?

Ich wünsche mir, dass an Neiße und Oder ein Raum entsteht, in dem es ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen gibt. Wo Deutsche und Polen auf der jeweils anderen Seite der Grenze arbeiten und wohnen, wo die Wirtschaftsentwicklung deutlich spürbar wird und sich eine Dynamik in der Region entwickelt - zwischen Rostock und Breslau, Potsdam, Berlin und Posen, Stettin und Dresden. Ich wünsche mir, dass unsere Region an der Oder eines Tages mit der am Rhein vergleichbar wird, wo man sagt: Auf beiden Seiten des Flusses brummt es.

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