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Schweriner Pilger in der Türkei in Haft : „Wir wissen den Haftgrund nicht“

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Aus der Onlineredaktion

Bangen um Schweriner in türkischem Lager. Politik drängt auf Freilassung

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Sie gibt die Hoffnung nicht auf: „Ich bin sicher, dass er wieder nach Hause kommt“, meint die Ehefrau des seit fünf Monaten in der Türkei in Haft sitzenden Schweriner Pilgers David B. gestern: „Nur wann, das weiß keiner.“ Am Wochenende war bekannt geworden, dass ihr Ehemann bereits seit April von türkischen Behörden festgehalten wird. Warum, das ist für die Familie B. nach wie vor unklar: Es hieß, er hätte südlich der Stadt Antakya Sperrgebiet betreten, erklärte die Schwerinerin. Das habe er aber nicht getan, hätte ihr Mann in Telefongesprächen versichert. Und so bleibt die Ungewissheit: „Wir wissen den Haftgrund nicht.“

Der Fall belastet das ohnehin angespannte Verhältnis Deutschlands zur Türkei zusätzlich: David B. war im November vergangenen Jahres einen Tag nach Totensonntag aufgebrochen, erzählte seine Frau – allein und ohne Geld auf dem Weg nach Jerusalem über Polen und Bulgarien. „Ostern dieses Jahres wollte er an der Klagemauer stehen.“ Zuvor habe sich ihr Mann mehrere Jahre damit beschäftigt, einen Pilgerweg auf der Suche nach sich selbst und Gott zu gehen, erklärte die Schwerinerin und wandte sich gegen anderslautende Berichte, er habe mit seinem Pilgergang auf das Schicksal von Minderheiten aufmerksam machen wollen: „Sein persönliches Anliegen war ein großes Gebet mit den Füssen für Frieden und Völkerverständigung.“ Dabei habe David B. der Mitmenschlichkeit vertraut, erzählt sein Frau – und wurde im Süden der Türkei in der Provinz Hatay von den türkischen Behörden enttäuscht. Nicht von den Menschen in der Türkei, mit denen habe er auf seinem Weg immer gute Erfahrungen gemacht, habe ihr Mann am Telefon erzählt, nachdem er von den Sicherheitsbehörden im so genannten Rückbeförderungszentrum in Hatay festgesetzt worden war.

Derzeit befindet sich David B. in einem Abschiebelager in Erzurum im Osten der Türkei. Er werde vernünftig behandelt, erklärte seine Ehefrau. Das Auswärtige Amt und die Botschaft in Ankara würden den Schweriner konsularisch betreuen und seien in Kontakt mit den zuständigen türkischen Stellen, teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes gestern mit.

Einem Bericht zufolge sei der Fall gegenüber der türkischen Seite bereits auf hochrangiger Ebene angesprochen worden. Zu den Tatvorwürfen machte das Amt keine Angaben. Und so bleibt vorerst das Bangen um den Vater mehrerer Pflegekinder: „Wir vermissen ihn sehr“, sagt seine Frau. Schwere Zeiten für sie und die Kinder, für die vorerst nur das wöchentliche, nur wenige Minuten dauernde Telefongespräch bleibt.

Indes drängten Regionalpolitiker in MV und die Nordkirche auf eine Freilassung des 54-Jährigen: „Ich bin in großer Sorge um den inhaftierten Schweriner und verurteile die inzwischen fünfmonatige Inhaftierung auf das Schärfste“, erklärte Schwerins Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD): Er sei sich sicher, dass die Diplomaten alles unternehmen würden, um die baldige Freilassung des Schweriners zu erwirken.

Auch im Stadtparlament stieg der Druck: Der Stadtvertreter der Aktion Stadt und Kulturschutz (ASK), Karsten Jagau, forderte, eine Sondersitzung der Stadtvertretung einzuberufen, um eine gemeinsame Erklärung abzugeben. „Es ist nicht hinnehmbar, wenn ein Bürger unserer Stadt über mehrere Monate hinweg, festgehalten wird“, so Jagau und drängte auf Aufklärung. Sollten die Gründe für die Inhaftierung unzureichend sein, müsse vom Stadtparlament „die Forderung nach einer Freilassung deutlich kommuniziert werden“, machte Jagau in einem Schreiben an den Oberbürgermeister deutlich.

Auch die SPD-Stadtfraktion forderte Aufklärung. Die Landesregierung verwies darauf, zuerst sei der Fall Sache der Bundesregierung. Gestern habe man sich beim Bund informiert, sagte Regierungssprecher Andreas Timm.

Sorge auch in der Nordkirche: „Wir hoffen gemeinsam mit der Familie und den Freunden des in der Türkei inhaftierten Schweriner Pilgers, dass die Bemühungen der zuständigen deutschen Behörden Erfolg haben werden und er so bald wie möglich wieder nach Hause zurückkehren kann“, erklärte Kirchensprecher Stefan Döbler. David B. hatte – so ist es Brauch – am Beginn seines Weges in einer mecklenburgischen Kirchengemeinde einen Pilgersegen empfangen. Die Gemeinde halte auch jetzt Kontakt zu seiner Familie und unterstütze sie, so Döbler.  

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