zur Navigation springen

Grünen-Fraktionschef Jürgen Suhr im Interview : „Wir werden munter weitermachen"

vom

In den Sommerinterviews befragt unsere Redaktion Spitzenpolitiker in MV. Mit Oppositionsführer Jürgen Suhr, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, sprachen Max Stefan Koslik und Marlis Tautz.

svz.de von
erstellt am 07.Aug.2012 | 10:34 Uhr

In den Sommerinterviews befragt unsere Redaktion Spitzenpolitiker in Mecklenburg-Vorpommern. Mit Oppositionsführer Jürgen Suhr, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, sprachen Max Stefan Koslik und Marlis Tautz.

Herr Suhr, wie bewegt sich der grüne Fraktionschef durchs Land?

Suhr: Ich habe kein Auto, sondern fahre Rad und Bahn. Die Fraktion hat Klappfahrräder angeschafft. Das hat den großen Vorteil, dass diese zusammengeklappt im Zug als Gepäckstück gelten und man kein zusätzliches Geld zahlen muss. Sie sehen mich also regelmäßig auf den Bahnhöfen von Schwerin und Stralsund, meiner Heimatstadt, das Rad zusammenlegen und in den Zug transportieren.

Folgen Ihre sechs Fraktionskollegen diesem Beispiel?

Wir haben zwei weitere Klappräder und ein Fahrrad mit Elektroantrieb. Es schafft etwa 80 Kilometer und ist relativ flott unterwegs, mit 45 km/h.

Wo haben Sie in diesem Jahr Ihren Urlaub verbracht?

Unsere Familie macht inzwischen immer eine Woche Urlaub in NRW, hier leben meine Eltern und Schwiegereltern, allesamt inzwischen deutlich über 80. Danach haben wir Freunde in Holland, in Limburg, besucht. Wir trinken Wein, philosophieren nächtelang über den Sozialismus und gehen wie immer ohne Ergebnis in bester Stimmung auseinander. Zum Schluss konnten wir noch ein paar Tage zu Hause verbringen, als das Wetter richtig gut war, mit Paddeln auf der Peene, Radtouren und ein paar Strandtagen an unserem Stammplatz in der Nähe von Zingst.

Beschäftigen Sie sich auch im Urlaub mit Politik?

Ich beschäftigte mich im Urlaub niemals freiwillig mit Politik, außer, dass ich Zeitung lese, und zwar mit Genuss viel länger als sonst. Ich versuche, wirklich abzuschalten. Mein Lieblingsmensch - meine Frau - passt im Übrigen recht genau da rauf auf, dass es auch Urlaub bleibt.

Können Sie generell gut abschalten?

Ja. Wenn ich will, schon im Zug, wenn ich nach Hause fahre. Allerspätestens wenn ich da bin. Das konnte ich schon immer, selbst nach Landtagssitzungen, in denen es richtig heftig zur Sache ging.

Das Premieren-Jahr der Grünen im Landtag ist vorüber. Was gibt’s zu mosern?

Eine einzelne Situation fällt mir da nicht ein. Ich habe mich immer dann geärgert, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich, dass die Fraktion nicht gut war, dass wir hätten besser sein können. Ich möchte, dass wir immer gut vorbereitet unsere Positionen vertreten. Wenn das nicht gelingt, ärgere ich mich. Aber ich trage es nicht mit mir herum.

Womit waren Sie zufrieden?
Dass wir mit sehr, sehr übersichtlichen Anlaufschwierigkeiten in sehr, sehr kurzer Zeit gut angekommen sind. Ich glaube, es ist uns gelungen, im Parlament als ernst zu nehmende Kraft akzeptiert zu werden und dass wir auch inhaltliche Akzente setzen konnten.

Stichwort Ankommen: Die Sitzordnung im Parlament, die Platzierung der Grünen zwischen CDU und NPD, hatte anfangs massive Verstimmung ausgelöst.

Ja, das war eine der ersten Auseinandersetzungen. Wir haben daraus gelernt. Meiner Meinung nach sollten wir im politischen Raum bewusst entscheiden, wann wir mit einer Auseinandersetzung nach außen gehen und wann nicht. Die Messlatte muss immer sein: Interessiert das? Die Sitzordnung war so eine klassische Sache, die meines Erachtens Bürgerinnen und Bürger wenig interessiert hat. Es ging vor allem um das Selbstverständnis der einzelnen Fraktionen und darum, wer sich durchsetzt. Aus heutiger Sicht würde ich die Debatte intern austragen.

Das Leid der Opposition besteht darin, mit Anträgen immer wieder an den Stimmen der Koalition zu scheitern. Ärgert Sie das?

Och, wir werden da munter weiter machen, das Recht der Anfragen nutzen, Anträge stellen und Gesetzesinitiativen einbringen. Ich glaube aber, dass es diesem Landesparlament gut tun würde, bestimmte Rituale auf den Prüfstand zu stellen. Zum Beispiel, ob die Entscheidung für oder gegen Anträge oder Gesetzesinitiativen immer davon abhängen muss, wer sie einbringt statt davon, was drin steht. Es sollte keinem ein Zacken aus der Krone brechen, wenn er eingesteht, dass ein konkurrierender demokratischer Wettbewerber eine gute Idee hatte. Mir bricht auch kein Zacken aus der Krone, die Arbeit dieses oder jenes Ministers zu loben, wenn das gerechtfertigt ist.

Was würden Sie denn Ministerpräsident Sellering fürs zweite Jahr seiner Amtszeit auf den Weg geben?

Mir dauert es deutlich zu lange, bis sich im Bildungsbereich etwas tut. Es ist eine der größten Enttäuschungen, die ich bisher mit dieser Landesregierung erlebt habe, dass es lediglich die Ankündigung gibt, erst im Doppelhaushalt 2014/2015 Geld in die Hand zu nehmen. Es ist überfällig, Klassenstärken zu reduzieren, Anreize zu schaffen, damit Lehrer in dieses wunderschöne Bundesland kommen, freie Schulen als gleichberechtigt zu akzeptieren und zu behandeln. Der zweite Bereich ist die Energiewende. Ich denke, da sollte die Landesregierung schneller handeln. Was im Moment passiert, fühlt sich träge an.

Erwin Sellering zeigt bei dem Thema auf den Bundesumweltminister. Wer muss sich denn nun bewegen?

Ich würde es extrem erfreulich finden, wenn sich Bund und Land bewegen. Dann könnte man richtig was erreichen. Der neue Bundesumweltminister aber bewegt sich nicht nur nicht, sondern stellt inzwischen sogar Ziele infrage, was für die Energiewende tödlich ist. Dennoch halte ich es für falsch, als Landespolitiker auf den Bund zu schimpfen. Es wäre richtig, vor der eigenen Tür zu kehren. Es gibt viele Ansatzpunkte für ein entschlosseneres Handeln: Eignungsräume, Speichertechnologien, Netzausbau.

Zu guter Letzt, Herr Suhr, verraten Sie uns noch einige Dinge, die Ihr grünes Gewissen verraten!

Ach, wissen Sie, es gibt sicher viele andere, die in ihrem Verhalten deutlich vorbildlicher sind. Natürlich trennen wir zu Hause den Müll, aber das ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit, klar haben wir mehrere Komposthaufen, im Kühlschrank sind Bio-Eier und Steak vom Biobauern, an der Hauswand ranken Efeu und wilder Wein. Grundsätzlich stören mich aber Haltungen, wenn es zu dogmatisch wird.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen