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25 Jahre Lichtenhagen - Teil 2 : „Wir waren doch nur Menschen“

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Aus der Onlineredaktion

Gefangen im brennenden Hochhaus – Pham Thi Tuyet über die spektakuläre Flucht

von
erstellt am 23.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Mit einem großen Stapel Zeitungsartikel unter dem Arm kommt Pham Thi Tuyet in das neu eröffnete vietnamesische Restaurant „Sen Vina“. Sie scheint abgehetzt. Die Haare sind vom Wind zerzaust, die Augen wirken müde. Schon so lange versucht sie zu aufzuarbeiten, was ihr vor 25 Jahren widerfahren ist. Pham Thi Tuyet ist eine Überlebende. Als am 24. August 1992 in Rostock–Lichtenhagen das Sonnenblumenhaus in Flammen stand, saß sie auf dem Scheiterhaufen. Doch sie rannte dem Tod davon.

Pham Thi Tuyet kam 1984 als sogenannte Vertragsarbeiterin nach Deutschland. In den 1980er-Jahren holte die DDR knapp 60000 Vietnamesen ins Land. Der Aufenthalt in dem sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat war auch für Pham das große Los und „eine Chance ins Ausland zu kommen“. Vorbereitet wurde sie auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Ferne jedoch nicht. Die Betriebe, in denen die Vietnamesen eine Anstellung fanden, mussten zwar eigene Wohnheime und Betreuer für ihre ausländischen Kollegen bereit stellen, doch zu einer Integration kam es nur selten. „Wir haben zwei Monate deutsch gelernt. Mehr nicht“, erinnert sich Pham. Durch ein Städteabkommen der Hansestadt Rostock mit der vietnamesischen Hafenstadt Hai Phòng bekam sie einen Job als Küchenhilfe im Rostocker Überseehafen. Damit gehörte sie zu einer Truppe von insgesamt 160 Vietnamesen, die zur selben Zeit über diese Verbindung in die DDR gelangte. „Zu unserer Gruppe gehörten nur 15 Frauen. Und die arbeiteten alle in der Küche.“ Zu den deutschen Kollegen hatte sie keinen Kontakt. Die vietnamesischen Arbeitskräfte blieben unter sich.

„Wir haben 450 Ostmark verdient. Das war sehr viel Geld. Die Miete hat nur 30 Ostmark gekostet und Lebensmittel waren billig“, sagt Pham Thi Tuyet. Im Sonnenblumenhaus lebte sie in einer Zwei-Raum-Wohnung. „Wir waren zu viert und teilten uns jeweils zu zweit ein Zimmer. Für uns waren das Luxus-Wohnungen.“ Die Mecklenburger Allee wurde ihr Zuhause. Ein Zuhause, in dem sie beinahe verbrannte.

Pham Thi Tuyet versteckte sich hinter den Gardinen ihrer Wohnung, als in Rostock–Lichtenhagen vier Tage lang Pogromstimmung herrschte. Als Molotow-Cocktails und Brandsätze flogen. Als ausländerfeindliche Parolen ihr die Luft abschnürten. Als Fensterscheiben unter der Wucht des Wutes zersplitterten und sie um ihr Leben fürchtete. Damals war Pham Thi Tuyet im achten Monat schwanger. Sie erwartete einen Sohn. „Am 22. August sind wir morgens noch spazieren gegangen, am 24. August haben wir uns nicht mal mehr getraut, aus dem Fenster zu gucken.“

Während der Krawalle in Lichtenhagen saßen knapp 120 Vietnamesen in Haus 19 des Plattenbaus mit der Sonnenblumenfassade fest. Niemand hat daran gedacht, sie zu evakuieren.

Chronologie: Eskalation der Gewalt

10.12.1990

Es treffen die ersten 120 Asylbewerber in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen ein, darunter 20 Erstbewerber und 98 bereits in den alten Ländern registrierte und per Quote zugewiesene Flüchtlinge.

1991

Rund 1800 Asylsuchende durchliefen die ZAST. In den Kommunen tauchen die ersten Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Bewohner auf. In der ZAST beginnt sich der Bewerberstrom zu stauen.

1992

Im Frühjahr steigen die Zahlen sprunghaft an, insbesondere durch den unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Rumänien. 50 bis 70 Asylbewerber stehen täglich vor der Tür.

Etwa 200 Menschen, zumeist Roma, lagern auf dem Rasen vor der ZAST. Ein Zeltlager am Stadtrand von Rostock wird errichtet. Im Juni-Monatsbericht des Innenministeriums heißt es: „Die in der Gemeinschaftsunterkunft Rostock-Hinrichshagen aufhältigen ausländischen Flüchtlinge konnten durch die ZAST statistisch nicht erfasst werden.“

Juni 1992

Im Juni stehen 394 Quoten-Bewerbern 1364 Erstbewerber gegenüber.

In Lichtenhagen wächst der Unmut der Bevölkerung. Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD): „Wir hatten ernsthafte Hinweise aus der Bevölkerung, dass es in den nächsten Tagen kracht.“

22. August 1992

Gegen 20 Uhr: Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle  befindet, versammeln sich rund 1000 Menschen. Etwa 300 bis 400 von ihnen beginnen, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen. Anwohner feuern  Randalierer an. Nur wenige Polizisten sind vor Ort, werden selbst angegriffen und ziehen sich daraufhin zurück.

Später Abend und in der Nacht:  Die Polizei stockt ihre Einsatzkräfte auf etwa 150 Beamte auf, kann die Lage aber nicht entschärfen. Gegen 2 Uhr morgens treffen zur Verstärkung Wasserwerfer aus Schwerin ein, aber erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff.

23. August 1992

Gegen Mittag rotten sich erneut Gewalttäter vor dem Sonnenblumenhaus zusammen. Sie erhalten Unterstützung von bundesweit bekannten Rechtsextremen, so etwa vom berüchtigten Neonazi Christian Worch.

Nachmittag und Abend: Am Nachmittag greifen die zumeist jugendlichen Täter erneut die Aufnahmestelle und das Wohnheim an. Bis 20 Uhr haben sich rund 800 Gewalttäter versammelt.

Später Abend und Nacht: Die Angriffe mit Steinen und Molotowcocktails gehen weiter. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, landesweiten Alarm aus. Um 2 Uhr nachts können Polizisten aus Hamburg sowie Beamte des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen.

24. August 1992

Nachmittag: Rostock-Lichtenhagen beruhigt sich. Die ZAST wird geräumt, der Stein des Anstoßes.

Abend: Jetzt eskaliert die Lage. 1000 Gewalttäter randalieren am Sonnenblumenhaus, werfen Steine und Brandsätze. Dahinter 3000 Schaulustige. Es fängt an  zu brennen.

Später Abend und in der Nacht: 150 Menschen sind in Aufgang 19, dem Wohnheim der Vietnamesen, eingeschlossen. Das Feuer arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk hoch. Die Polizei zieht sich zurück.

25./26. August 1992

Die Ausschreitungen  gehen weiter. Rechte und Anwohner lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Erst am Mittwoch gegen zwei Uhr morgens ist die Lage unter Kontrolle.

Wer die Möglichkeit hatte, woanders unterzukommen, habe frühzeitig die Tasche gepackt. So auch Huynh Than Son. „Der Hass richtete sich nicht nur gegen die Asylbewerber. Er richtete sich gegen die Ausländer. Und wir waren Ausländer“, sagt er heute. „Das haben wir an diesen Tagen begriffen.“ Auch Huynh Than Son kam 1984 nach Deutschland. Am 22. August zog er mit seiner Familie für ein paar Tage zu Freunden. Pham Thi Tuyet hatte nicht so viel Glück. Sie und ihr damaliger Partner kannten niemanden. „Also beschlossen wir in der Gruppe zu bleiben.“

Mit dem Ende der DDR mussten zahlreiche Gastarbeiter Deutschland wieder verlassen. Pham jedoch erhielt eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. „Wir waren auf uns alleine gestellt. Jeder hat sich nur noch um sich selbst gekümmert.“ Ein Großteil der ehemaligen Vertragsarbeiter blieb im Sonnenblumenhaus wohnen. Bis zu jenen Tagen im August 1992 hätten sie keinen Grund gehabt, sich eine andere Unterkunft zu suchen.

Pham Thi Tuyet wohnte im sechsten Stock. Am Abend des 24. August sei die Anspannung kaum zu ertragen gewesen. Der Mob vor der Tür wurde minütlich größer und lauter, berichtet sie. Er wuchs mit dem Hass gegen die „Fremden“. Der Rassismus offenbarte seine grausame Fratze, grölte „Jetzt geht’s los“ und „Wir kriegen euch alle“.

„Ich hatte Angst“ – Angst um das eigene Leben, Angst um das ungeborene Baby, sagt die Rostockerin. Spätestens als sich der Rauch aus dem Erdgeschoss in den oberen Etagen ausbreitete, hätte sie den Ernst der Situation verstanden. „Ich habe in dem Moment nicht an den Tod gedacht. Ich habe einfach funktioniert.“ Gemeinsam mit dem damaligen Ausländerbeauftragten der Stadt, Wolfgang Richter, und einem Fernsehteam des ZDF, flüchteten die Vietnamesen in die elfte Etage – und standen dort vor einer verschlossenen Tür. Die Treppe dahinter führte über das Dach in die Freiheit, raus aus dem Brennkessel. „Wir haben geweint und waren verzweifelt. Es hat niemand verstanden, was da mit uns passiert und warum es passiert.“

Pham Thi Tuyet wirkt nachdenklich. Sie möchte das Erlebte gerne vergessen. Wäre es doch nur nicht Teil der eigenen Lebensgeschichte. Sie nippt an einem grünen Tee und erzählt, dass es schließlich einem ihrer Landsleute gelungen sei, die Eisentür zum Dach mit einer Brechstange aufzubrechen. „Wir sind über das Nachbarhaus geflüchtet. Eine Deutsche gab uns Kekse und Apfelsaft“, erinnert sie sich. Im Bus sei die Gruppe anschließend in eine Turnhalle gebracht worden. „Fast alle haben sich unter den Sitzen versteckt. Ich konnte nicht. Ich war ja schwanger.“

Nach den Anschlägen wurde die Gruppe für eine Woche in einem Kindergarten einquartiert. „Als wir zurückkamen, waren unsere Wohnungen unverändert“, sagt Pham Thi Tuyet. Dennoch war nichts mehr wie es einmal war. „Die unteren Etagen waren zerstört. Es sah aus wie nach einem Krieg.“ Auch wenn niemand zu Tode kam.

 

Bis kurz nach der Geburt ihres Sohnes wohnte Pham Thi Tuyet im Sonnenblumenhaus. Im Oktober 1992 zog die Familie in ein anderes Viertel – noch bevor der Junge laufen konnte. Viet Phan Do wuchs behütet auf. Er hat Abitur gemacht und ging nach Berlin, um Schauspiel zu studieren. „Ich habe zwei Söhne. Der zweite wurde 1999 geboren und macht im nächsten Jahr seinen Schulabschluss.“ Nach den Ereignissen von Lichtenhagen hat Pham Thi Tuyet mehrfach versucht, sich selbstständig zu machen. Zunächst mit einem kleinen Imbiss, in dem sie Pommes und Bratwurst verkaufte, anschließend mit einer Schneiderei. „Die deutsche Sprache ist für uns immer noch sehr schwierig. Deshalb bekommen wir keine anderen Jobs als in der Küche, im Nagelstudio oder in einer Schneiderei.“

Seit 2005 hat Pham Thi Tuyet ihren Laden in Kritzmow bei Rostock. Abendkleider hängen zwischen Sweatshirts und Polohemden. Das Geschäft laufe nicht mehr so gut wie früher. Die Kunden kämen nur noch, um ihre Kleidung ändern zu lassen. Die meiste Zeit sitzt Pham Thi Tuyet deshalb an ihrer Nähmaschine – ganz allein. Seit 33 Jahren lebt die gebürtige Vietnamesin inzwischen in Deutschland. In Rostock habe sie immer mehr gesehen als ein brennendes Haus. Dennoch: Den Hass von damals hat sie nie verstanden. „Wir waren doch nur Menschen“, sagt sie leise – mit einem Blick durch ihre müden Augen.

 

Der Verein: Unter einem Dach

Nach den rassistischen Ausschreitungen  in Lichtenhagen beschlossen die in Rostock lebenden  Vietnamesen, den Kontakt zu deutschen  Einwohnern zu suchen. Aus diesem Grund  gründeten sie 1992 den Verein Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach, in dem die vietnamesische Kultur auch heute noch eine besondere Rolle spielt.  25 Jahre nach den Übergriffen  engagieren sich in dem Verein  Migranten verschiedener Herkunft sowie Einheimische, um gemeinsam interkulturelle  Angebote   zu gestalten.Besondere Schwerpunkte des Engagements liegen in der sprachlichen Qualifizierung, der sozialen Integration Zugewanderter, in der Begegnung von Zugewanderten und Einheimischen sowie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit mit besonderem Bezug zum Land Vietnam.   Seit 2002 ist   der Verein  zudem als  staatlich anerkannter Bildungsträger aktiv. Zu den Zielen der allgemeinen und politischen Weiterbildung zählen auch der Abbau von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit. Insgesamt bemüht sich Diên Hông  um ein besseres Zusammenleben  zwischen Deutschen und Zugewanderten. Am 16. September feiert der Verein seinen 25. Geburtstag im Waldemarhof in Rostock.
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