DDR-Jugendwerkhöfe : „Wir waren die Positionslampen“

Die Zeit im Jugendwerkhof belastet die meisten Ex-Insassen bis heute.
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Die Zeit im Jugendwerkhof belastet die meisten Ex-Insassen bis heute.

Ob als Streckenläufer in der Landwirtschaft oder in der Gluthitze von Stahlwerken: Jugendwerkhöfe setzten in der DDR auf „Erziehung zur und durch Arbeit“

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20. Juni 2017, 11:55 Uhr

Volkmar ist 16, als er Mitte der 70er-Jahre versucht, in einem Zug die DDR zu verlassen – er will nur noch weg. Schon als Siebenjähriger war der Junge als vermeintlich Schwererziehbarer in das Spezialkinderheim in Krassow (Kreis Wismar) gekommen. Dort wurde er in eine Arrestzelle gesperrt und mit seiner Angst alleingelassen. Er erlebte Gewalt und musste schon als Kind auf den umliegenden Feldern arbeiten. Eine Erfahrung, die prägte. Die vier Jahre in Krassow, so sagt er später, hätten ihm seine Kindheit geraubt.

Als die Republikflucht misslingt, wird Volkmar in den Jugendwerkhof Olgashof (Kreis Wismar) gesteckt. Wie die anderen Jungen dort, wird er als Arbeitskraft an eine LPG „vermietet“. „Was man gemacht hat, aus jetziger Sicht waren das Arbeiten, die kein Anderer gemacht hat. Es war eine Beschäftigung, es war auch schon erniedrigend gewesen“, erinnert er sich. Teilweise mussten die Jungen im Wald arbeiten, im Frühjahr Steine sammeln, im Sommer Stroh einbringen und im Herbst Rüben ernten. Vor allem im Sommer wurde gearbeitet, bis es dunkel wurde. „Da gab es keine Schule“, erinnert sich Volkmar, der, obwohl es sie offiziell gab, ohnehin nicht von einer Berufsausbildung im Jugendwerkhof sprechen mag – er bekam nach den 18 Monaten dort lediglich ein Abschlusszeugnis für Jugendliche ohne Lehrberuf.

Am schlimmsten war es, als er als Streckenläufer eingesetzt wurde. Mit einem Schild musste er sich dann am Rand eines Feldes aufstellen, das aus der Luft besprüht wurde. War das Agrarflugzeug über ihn hinweggeflogen, musste er mit seinem Schild eine bestimmte Schrittzahl weiterlaufen. „Dann drehte der Flieger und kam wieder und hat gewusst, wo er schon fertig war“, erinnert sich Volkmar. „Wir waren die ,Positionslampen‘.“

Alles, was auf die Felder gesprüht wurde, bekamen auch die Streckenläufer ab. Das „Zeug“ hätte auf der Haut gejuckt und gestunken, einen richtigen gelblichen Film hätte es hinterlassen, der abends nur mit Mühe wieder abzuschrubben war, so Volkmar. Schutzbekleidung gab es keine, er hätte notdürftig versucht, wenigstens sein Gesicht mit einem Tuch oder dem Hemd abzudecken.

Anke Dreier-Horning hat sein Schicksal und das von vier anderen ehemaligen Jugendwerkhofs-Insassen genutzt, um exemplarisch die „Erziehung zur und durch Arbeit“ in den Jugendwerkhöfen der ehemaligen DDR-Nordbezirke aufzuarbeiten. 25 dieser Einrichtungen gab es in der gesamten Republik, zwischen 2500 und 3000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren konnten dort zeitgleich untergebracht werden. Im Durchschnitt blieben sie 18 Monate, mit der Volljährigkeit endete der Aufenthalt im Jugendwerkhof.

In den drei früheren Nordbezirken gab es sieben solcher Einrichtungen, im ehemaligen Bezirk Schwerin in Rühn (Kreis Bützow), im Bezirk Rostock in Reinstorf, Kletzin und Olgashof (alle Kreis Wismar) und im Bezirk Neubrandenburg in Gerswalde (Kreis Templin) sowie in Vollrathsruhe und Alt Gaarz (Kreis Waren/Müritz). Die Insassen mussten vorrangig in der Landwirtschaft arbeiten, aber zum Beispiel auch in Wismar auf der Werft.

In den Jugendwerkhof kamen vor allem Jugendliche mit Disziplinschwierigkeiten, erklärt Anke Dreier-Horning, die das Deutsche Institut für Heimerziehungsforschung leitet. Zu den Insassen gehörten Schulschwänzer, Arbeitsbummler, aber auch Mädchen und Jungen, die ganz einfach Probleme im Elternhaus hatten – oft, wenn ein Elternteil einen neuen Partner mitbrachte. Teilweise hatten die Jugendlichen auch kleinere kriminelle Handlungen begangen. Und es gab Fälle politischer Verfolgung.

Sie alle sollten in den Jugendwerkhöfen durch und zur Arbeit erzogen werden. Doch einen Beleg dafür, dass das gelang, gibt es nicht. „Heute würde man so etwas evaluieren, in der DDR passierte das über Jahrzehnte nicht“, erklärt Dreier-Horning. „Man muss sich schon fragen, ob das nur ein Versagen war und man es nicht geschafft hat, in den Jugendwerkhöfen ordentliche Strukturen aufzubauen und Kontrollen zu installieren, oder ob man das gar nicht gewollt hat.“

Aus heutiger Sicht gibt es eine ganze Reihe von Kritikpunkten. Als einen ganz wichtigen nennt Dreier-Horning die bewusste Entwurzelung der jungen Leute, die nicht nur aus ihrem sozialen Umfeld gerissen wurden. Sie wurden auch aus der Schule bzw. Ausbildung genommen. Sehr viele Betroffene verfügen deshalb, wenn überhaupt, nur über einen 8.-Klasse-Abschluss.

Auch bei der beruflichen Qualifizierung lag vieles im Argen. So entschied allein der Standort des Jugendwerkhofs, dem Jugendliche zugewiesen wurden, darüber, welche Tätigkeiten von ihnen ausgeübt werden konnten – persönliche Neigungen und Interessen blieben unberücksichtigt. Nicht selten mussten die Insassen körperlich schwere, gesundheitsschädliche, monotone oder auch unangenehme Arbeiten verrichten, zu denen sich in den Betrieben niemand freiwillig bereitfand. Wenn überhaupt eine Berufsausbildung stattfand, wurden die Jugend-werkhofsinsassen zum Beispiel Dauerbackwarenhersteller – „was wollte man damit nach der Entlassung machen?“, fragt Dreier-Horning.

Selbst Kontrolleure der ABI, der Arbeiter- und Bauern-Inspektion, bemängelten zu DDR-Zeiten, dass die berufstheoretische und -praktische Ausbildung nicht ausreichte, da die Jugendlichen überwiegend zur Sicherung von Planaufgaben und ausbildungsfremden Hilfsarbeiten eingesetzt wurden. „Dass schmächtige 14-Jährige schwere Betonschwellen wuchten, in die Gluthitze von Stahlwerken oder Ziegelbrennöfen geschickt werden, um Schlacken zu entfernen, zu mauern und gebrannte Ziegel herauszuholen, Jauchegruben ausschöpfen, mit bloßen Händen in ätzenden Laugen arbeiten müssen, mag man sich nicht vorstellen und beschämt auch im Nachhinein“, meint Mecklenburg-Vorpommerns Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher. Von der Arbeit in Jugendwerkhöfen berichten Betroffene ihr oder auch den in ihrer Behörde angesiedelten Mitarbeitern des Fonds Heimerziehung seit vielen Jahren sehr eindrücklich. Die Zeit im Jugendwerkhof wurde und wird von den meisten der ehemaligen Insassen als Zwangsarbeit, Ausbeutung und Disziplinierungsinstrument wahrgenommen – kurzum: als Unrecht, das ihnen angetan wurde.

Auch wenn es dort vermeintlich um die Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten ging, setzen die Methoden in den Jugendwerkhöfen vielmehr unter dem Motto „Kollektiverziehung“ auf deren Demontage, betont Anke Dreier-Horning. Lob gab es selten, Strafen dafür schon für Kleinigkeiten – sie reichten vom Taschengeldentzug über Ausgehverbote am Wochenende bis zu Arreststrafen oder im schlimmsten Fall bis zur Einweisung in den geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau.

Rechtlich standen die Werkhofs-Insassen weit unter Lehrlingen: Urlaub und Entgeltfortzahlung bei Krankheit gab es für sie nicht. Bezahlt wurden sie nach einem Jugendwerkhoftarif, doch letztlich hing es vom Werkhofs-Direktor ab, wie viel Geld beim Jugendlichen ankam. Auch die Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen erfolgte willkürlich, so Dreier-Horning – nicht wenige ehemalige Insassen merken das heute an fehlenden Rentenpunkten.

Da sie 18-jährig höchstens mit dem Nachweis einer Teilberufsausbildung aus dem Jugendwerkhof entlassen wurden, hatten die meisten Ex-Insassen auch später kaum berufliche Perspektiven. Die sozialen Folgen spüren sie bis heute. Und auch unter der Stigmatisierung als „Kleinkriminelle“ leiden viele Betroffene immer noch. Anke Dreier-Horning kennt mehrere Fälle, in denen Betroffene bis heute nicht einmal ihren engsten Angehörigen von ihrer Zeit im Jugendwerkhof erzählt haben. „Da hat die DDR-Propaganda wirklich ganze Arbeit geleistet“, meint die Erziehungswissenschaftlerin.

Volkmar, der 1988 aus der DDR ausgebürgert wurde, hat deshalb niemals klären lassen, welche gesundheitlichen Folgen die Kontaminierung mit Pflanzenschutzmitteln für ihn hatte. Dabei, so Anke Dreier-Horning, leidet er bis heute unter körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen.

Fonds Heimerziehung

Ein Ergebnis der Debatte über Menschenrechtsverletzungen in Heimen für Kinder und Jugendliche in Ost und West ist seit 2012 die Einrichtung des Fonds Heimerziehung. Nahezu 28 000 ehemalige Kinder und Jugendliche haben sich innerhalb der Meldefrist bis 30. September 2014 für den Fonds „Heimerziehung in der DDR“ gemeldet, darunter fast 4000 bei der Anlauf- und Beratungsstelle für das  heutige Mecklenburg-Vorpommern.

Insgesamt waren zwischen 1949 und 1990 etwa 500 000 Kinder und Jugendliche in der DDR in Heimen der Jugendhilfe untergebracht,   für   viele  wurden  diese  Einrichtungen z u einem zweiten Zuhause.  Von  einem Teil  der  135 000 in  Spezialheimen   untergebrachten  Kindern  und  Jugendlichen  gibt  es   allerdings  auch  Berichte  über  Repressalien. In den  drei  DDR-Nordbezirken waren  60 000 Kinder und Jugendliche in Heimen  untergebracht, davon 16 000 in Spezialheimen.

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Veranstaltung: Studienergebnisse  vorgestellt

Die Arbeit in den Jugendwerkhöfen und das System der Spezialheime sind Thema einer Veranstaltung der Landesbeauftragten für MV für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, am  Mittwoch,   dem 21. Juni 2017, um 18 Uhr in der Geschäftsstelle der Landesbeauftragten in Schwerin (Bleicherufer 7, Eingang links neben dem Kino). Der Eintritt ist frei.

Vorgestellt wird die neue Studie „Streckenläufer. ‚Erziehung zur und durch Arbeit‘ in den Jugendwerkhöfen der ehemaligen Nordbezirke der DDR“ aus der Schriftenreihe der Landesbeauftragten. Die Autorin Anke Dreier-Horning wird das Konzept der „Arbeitserziehung“ in den historischen Kontext des DDR-Heimsystems einordnen. Daneben wird der in der DDR verbotene Dokumentarfilm „Jugendwerkhof“ von Regisseur Roland Steiner über den Jugendwerkhof Hummelshain   im  DDR-Bezirk  Gera von 1982 gezeigt.

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