Milchbauern sind sauer : „Wir sind die Restgeldempfänger“

Heidi Döscher und Brigitte Roost-Krüger fordern einen Grundpreis zwischen 40 und 50 Cent pro Kilogramm Milch.
Heidi Döscher und Brigitte Roost-Krüger fordern einen Grundpreis zwischen 40 und 50 Cent pro Kilogramm Milch.

Die Agrargemeinschaft Holthusen leidet unter der Milchkrise: Der Preisverfall bedroht ihre Existenz - ihre Leidenschaft zum Beruf bleibt davon aber unberührt

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25. August 2015, 08:00 Uhr

„Ich glaube, es hat kaum noch ein Milchbauer Geld auf dem Konto“, betont Brigitte Roost-Krüger von der Agrargemeinschaft Holthusen angesichts der nunmehr dritten Milchkrise in sechs Jahren. „Es ist eine Frage der Zeit, wie lange wir überhaupt noch durchhalten“, sagt die 59-Jährige. „Ich fürchte, dass die Krise lange andauern wird“, ergänzt Kollegin Heidi Döscher.

Der Preisverfall bei der Milch ist existenzbedrohend für alle Milchviehbetriebe. Es betrifft kleine Landwirte genauso wie große Erzeuger. Derzeit verdient die Agrargemeinschaft Holthusen an einem Liter Milch etwa 24 Cent. Um die steigenden Kosten wie Energie und Futtermittel zu decken und den sinkenden Einnahmen entgegenzuwirken, fordern die Landwirtinnen einen Grundpreis zwischen 40 und 50 Cent pro Kilogramm Milch von den Molkereien.

Täglich fließen bis zu 4500 Liter Milch, die alle zwei Tage von den Molkereien abgeholt werden. „Wir stehen am Ende der Kette. Der Handel nimmt sich, was er braucht und wir sind die Restgeldempfänger“, hebt Brigitte Roost-Krüger hervor. „Uns fehlen 16 000 Euro pro Monat. Es ist wirklich traurig, beim Aufstehen schon zu wissen, dass 500 Euro täglich einfach weg sind.“

Ihre Leidenschaft für die Milchviehwirtschaft bleibt von der Milchkrise aber unberührt. „Es ist der schönste Beruf, den ich je für mich gewählt habe. Meine Liebe zu Natur und Tier haben mich geprägt“, erzählt Brigitte Roost-Krüger, die nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Rinderzüchter Tierproduktion in Rostock studiert hat. Heute ist sie Geschäftsführerin der Agrargemeinschaft Holthusen. Auch Kollegin Heidi Döscher kann sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Vorgeprägt durch Eltern und Großeltern entschied sich die 52-Jährige damals nach ihrer Ausbildung zum Zootechniker für das Studium der Tierproduktion. Als Herdenmanagerin ist sie heute bei der Agrargemeinschaft Holthusen tätig.

365 Tage im Jahr sind Brigitte Roost-Krüger und Heidi Döscher in Bereitschaft. Besonders schöne Momente erleben sie, wenn zum Beispiel Kälber geboren werden. „Da freut man sich. Wir haben ja auch eine persönliche Bindung zu den Tieren“, sagt Heidi Döscher. „Einige Tiere erhalten sogar Namen“, fügt Brigitte Roost-Krüger schmunzelnd hinzu.

Derzeit werden etwa 200 Kühe in Holthusen gehalten und betreut. Alle Tiere können sich im Stall frei bewegen, am Futtertisch fressen und in den Ausläufen oder auf der Weide entspannen. „Zwischendurch werden unsere Kühe zweimal am Tag in einem Tandem-Melkstand gemolken.“

Wegen des starken Verfalls der Milchpreise wagte die Agrargemeinschaft den Einstieg in die Direktvermarktung in Form einer Milchtankstelle. Dort können sich Verbraucher die Rohmilch für 80 Cent pro Liter abzapfen. „Wir trinken nur noch Rohmilch. Ich mag gar nicht mehr die homogenisierte Milch aus dem Supermarkt trinken. Rohmilch hat einen einmaligen Geschmack“, wirbt Heidi Döscher. Darüber hinaus versucht der Bauernhof, möglichst viel Rohmilch selbst zu veredeln. So produziert der Hof Speiseeis aus hofeigener Milch, das eigenen Eiscafé angeboten wird. Ob Löwenzahnblütenhonig, Süssholz-Eis oder Rote-Rübe-Joghurt – die Liste der Eissorten ist lang. Auch in einigen Schweriner Supermärkten ist das Bauernhofeis inzwischen gelistet.

Dass sich Brigitte Roost-Krüger und ihre Mitarbeiter gestern an der Demonstration in der Landeshauptstadt beteiligten, ist für sie selbstverständlich. „Die Situation ist ernst. Wir haben natürlich schon eine gewisse Erwartungshaltung an die Politiker, wie wir aus der Milchkrise herauskommen können“, sagt die Landwirtin. Sie ist zudem gespannt, ob die EU-Agrarminister beim Sondergipfel zur Milchmarktkrise am 7. September in Brüssel den Ernst der Lage erkennen. Auch von Norddeutschlands größter Fachmesse MeLa in Mühlengeez ab 10. September erwarten die Milchbauern deutliche Signale. Schließlich seien die Bedingungen für die Landwirte sehr unterschiedlich. „Unserer Region zählt zu den benachteiligten Gebieten mit leichten und sandigen Böden. Das ist für die Feldwirtschaft ein großes Problem“, so Brigitte Roost-Krüger. Ihre Forderungen nach einer Grünlandprämie wurden bisher nicht erhört.

Umso mehr machte die 59-Jährige ihrem Unmut bei der Demonstration Luft. „Es kann doch nicht sein, dass sogar ein Liter Mineralwasser mehr kostet als ein Liter Milch“, sagt Heidi Döscher und ergänzt: „Im Supermarkt kostet ein Liter Milch nur 55 Cent. Es ist einfach nur traurig.“

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