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Deutschlands größtes Opan-Air-Theater beginnt : "Wir sind alle Störtebeker"

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Deutschlands größtes Open Air-Theater Störtebeker beginnt am Sonnabend mit einem neuen Zyklus: "Störtebeker - Beginn einer Legende". Für diese Saison sind insgesamt 67 Vorstellungen geplant.

svz.de von
erstellt am 21.Jun.2013 | 05:34 Uhr

Ralswieck | "Maertens, hallo, ’tschuldigung. Basti, Norbert, wir müssen da noch mal…" Kai Maertens will an diesem sonnigen Montagnachmittag noch schnell an den Dialogen und Gesten einer Szene von "Störtebeker - Beginn einer Legende" feilen. Er ist der Regisseur, und wenn man eh mit zwei Hauptdarstellern einen Pressetermin hat, kann man das ja gleich erledigen. Gleich ist Durchlaufprobe, vier Tage noch bis zur Premiere. Es sei schon noch Platz im Kopf, sagt Maertens und zündet sich eine Zigarette an, "aber nicht viel. Seit Mai sind 16-Stunden-Tage die Regel."

Störtebeker - das ist Deutschlands größtes Open Air-Theaterereignis. 67 Vorstellungen in dieser Saison, bis zu 390 000 Zuschauer sind möglich. Zum Vergleich: Die berühmten Karl-May-Spiele in Bad Segeberg sind 100 000 Zuschauer kleiner.

Seit 1993 gibt es die Festspiele in ihrer heutigen Form. Die monumentalen Inszenierungen am Jasmunder Bodden in Ralswiek erzählen die Geschichte des legendären Seeräubers Klaus Störtebeker, der Ende des 14. Jahrhunderts die Ost- und Nordsee unsicher machte. Mit der Premiere am 22. Juni startet ein neuer Zyklus. "Das Spannende ist ja: Es gibt 24 oder noch mehr Versionen der Legende. Nicht mal sein Name ist sicher belegt", sagt Bastian Semm. Der 33-jährige Schauspieler ist der neue Darsteller des Klaus Störtebeker. Oder besser: Er wird in "Störtebeker - Beginn einer Legende" dazu werden, mit vielen Seeschlachten, mit Schwertkampf, Reiterattacken, klirrenden Waffen, finsteren Bösewichtern, reichlich Pyrotechnik und natürlich auch einer bittersüßen Liebesgeschichte. "Die Rolle des Störtebeker ist nicht nur ein Job, das ist eine Berufung", sagt Norbert Braun. Er muss es wissen, er war von 1993 bis 2001 der Störtebeker der ersten beiden Zyklen. Diesmal ist er wieder dabei, als Vater des jungen Klaus von Alkun (Semm), der im Laufe des Stückes zu Klaus Störtebeker wird, Pirat, "Gottes Freund und aller Welt Feind". Gut recherchiert sei die Geschichte, sagt Braun, vor allem aber gut erzählt: "Die Figur des Störtebeker ist fantastisch. Er ist für seine Familie, Freunde und Seekameraden da - so wäre ich gerne gewesen damals."

Bastian Semm ist zufällig und über mehrere Ecken zu der Rolle seines Lebens gekommen. Er habe gesehen, wie eine Bekannte auf Facebook das Video von Störtebekers Hinrichtung in der Schlussszene von "Störtebekers Tod" im vergangenen Jahr gepostet habe. "Da habe ich mir gedacht: Die brauchen dann doch einen neuen Störtebeker", erzählt der Schauspieler. Seine Bewerbungsmappe brachte Semm persönlich vorbei. Kaum war er wieder abgereist, kam der Anruf, er möge doch mal vorbeikommen… Und nun, nun ist Bastian Semm das Gesicht der Festspiele. "Klar, das ist eine hohe Verantwortung. Die Region lebt davon, hier arbeiten viele Leute." Teamwork sei so eine Riesen-Inszenierung sowieso: "Wir sind alle Störtebeker." Sonst seien 67 Vorstellungen gar nicht zu schaffen.

Bastian Semm aber ist der Störtebeker. "Es geht nicht um die Historie, sondern eine gut erzählte Geschichte, um Theater" , sagt er. Der junge Klaus von Alkun werde erst nach und nach zu Störtebeker, er sei kein strahlender Held, sondern eine gebrochene Figur: "Er ist auch ein Großmaul, ein Trinker. Ich mag das, wenn man bei einer Figur die Menschlichkeit spürt. Da kann der Zuschauer andocken, das interessiert mich als Zuschauer." Volkstheater im besten Sinne - so nennt Veteran Norbert Braun die Störtebeker-Festspiele.

Allerdings Volkstheater XXL: Rund 4,5 Millionen Euro kostet die diesjährige Produktion. 67 Vorstellungen sind geplant. 140 Darsteller, 30 Pferde, ein Adler, monumentale Kulissen, 5000 pyrotechnische Effekte, vier schwimmende Koggen - Regisseur Kai Maertens muss viele Fäden in der Hand behalten. Dabei hat er kurzfristig übernommen, als sich Intendant Peter Hick und der als Regisseur geplante Ex-Hauptdarsteller Sascha Gluth künstlerisch nicht einig wurden. "So groß habe ich noch nie gearbeitet", sagt Maertens, der als Schauspieler angefangen hat und aus einer Theaterfamilie stammt: "Ich hatte mal eine Produktion mit 18 Leuten, okay, und 15 nackte Frauen waren auch dabei." Er fühle sich gut vom Störtebeker-Team aufgenommen, sagt der Regisseur. Ihm als waschechtem Hamburger sei der Stoff natürlich nahe. "Grasbrook, der Schädel im Museum und alles. Das die sich den auf Rügen geschnappt haben... Ihr seht toll aus", ruft er einer Gruppe kostümierter Darsteller zu.

Allein 107 Statisten gibt es - eine Menge. Zwar sei auch die Ralswieker Bühne ein "Guckkasten", sagt Maertens. Aber eben auch ein riesiger szenischer Raum. Die 107 Statisten dürften sich deshalb nicht berühren, so wirke die Bühne voller, aber nicht wuselig: "Wuselig darf es nicht sein, dann kann der Zuschauer die Darsteller nicht identifizieren."

Und wie ist das Gefühl vor der Premiere? Maertens grinst ein bisschen, dann zündet er sich eine neue Zigarette an und sagt: "Ich glaube, dass wir es nicht völlig vergurkt haben."

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