"Wir machen weiter - jetzt erst recht"

<fettakgl>Die Abschlussveranstaltung</fettakgl> <strong>auf der Schweriner Freilichtbühne </strong> mit Tanz und Gesang  wurde zu einem Fest.<foto>Kunstschule</foto>
1 von 2
Die Abschlussveranstaltung auf der Schweriner Freilichtbühne mit Tanz und Gesang wurde zu einem Fest.Kunstschule

svz.de von
22. Januar 2013, 09:31 Uhr

Schwerin | Die Klischees vom ausländerfeindlichen Mecklenburg-Vorpommern wurden peinlich bedient, da waren die französischen Jugendlichen noch keine zwei Tage in Schwerin. "Es waren erwachsene pöbelnde Männer", erinnert sich Cècile Bonnet, die als einzige Dolmetscherin am Projekt teilnahm.

Zum ersten Mal hatte im Sommer 2007 die Schweriner Schule der Künste gemeinsam mit der französischen Partnereinrichtung A.P.I.S. aus Marseille eine internationale Begegnung mit Projekttagen für Tanz, Theater, Musik und Malerei sowie einer deutsch-französischen Abschlussveranstaltung organisiert. Doch es begann mit einer Katastrophe.

Die Franzosen waren auf dem Heimweg von der Schule zur Jugendherberge. Die Angreifer beschimpften die etwa 20 französischen Kinder und Jugendlichen, von denen einige dunkelhäutig waren, mit rassistischen Parolen, bewarfen sie mit Steinen aus dem Gleisbett der Straßenbahn und mit Bierflaschen. Die Situation wurde immer bedrohlicher. Es begann eine Hetzjagd bis zum Schlossgarten. Erst nach drei Notrufen und einer gefühlten Ewigkeit kam endlich die Polizei. Verletzt wurde zum Glück niemand von den Angegriffenen.

Schon zehn Tage später wurde der Anführer Carsten D. in einem Schnellverfahren zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Die Täter waren keine organisierten Neonazis, sondern Trinker "mit dem geistigen Horizont einer knieenden Ameise", wie ein Staatsanwalt damals gegenüber unserer Redaktion formulierte. Doch der rassistische Übergriff verfehlte seine Wirkung nicht. Angst machte sich bei den französischen Gästen breit. Betreuer organisierten zum Schutz der Gruppe Nachtwachen. "Es gab Überlegungen, das Projekt aus Sicherheitsgründen abzubrechen", berichtet der Geschäftsführer der Schule der Künste, Holger Reschke.

Doch die Teilnehmer waren sich einig: "Wir machen weiter - jetzt erst recht." Schweriner Kommunalpolitiker, Unternehmen und Vereine zeigten ihre Anteilnahme. Ein Bus wurde organisiert, der Landtagsabgeordnete Thomas Schwarz (SPD) - gelernter Busfahrer - fuhr die Kinder jeden Tag von der Herberge zur Schule und wieder zurück. Hunderte Schweriner kamen zur Abschlussveranstaltung auf der Freilichtbühne. Deutsche und Franzosen zeigten ein Programm, das sie in den Tagen zuvor gemeinsam eingeübt hatten. "Das Interesse hätte nicht größer sein können", erinnert sich Reschke.

"Als das Treffen nach zwei Wochen zu Ende war, rollten Tränen, viele Freundschaften waren entstanden, es war einmalig", so Cècile Bonnet.

Seitdem sind die Schweriner deutsch-französischen Projektwochen zu einer festen Institution geworden. Gruppen von jeweils 20 Kindern und Jugendlichen treffen sich jedes Jahr abwechselnd in Schwerin und in Marseille zu Workshops. "Die Schule der Künste und ihre Partner geben nur den Rahmen vor, die Projekte bestimmen die Jugendlichen selbst", sagt Geschäftsführer Reschke. "Die Schule steht für Gastfreundschaft und kulturelle Offenheit, für die deutsch-französische Verständigung und für Friedenserziehung."

Beziehungen wurden inzwischen auch nach Russland, Spanien, Belgien und in die Mongolei geknüpft.

Kontakte zwischen den französischen Teilnehmern der ersten Projektwochen 2007 und der Kunstschule gibt es heute kaum noch. Nach mehr als fünf Jahren leben die Schüler in allen Teilen der Welt verstreut. Einer wurde französischer Meister nach Siegen bei diversen hip hop dance battles. Junior Green ist inzwischen sein Künstlername. Momentan ist er in den USA unterwegs, berichtet Cècile Bonnet stolz.

Die Dolmetscherin von damals ist in Schwerin geblieben. "Weil es hier viel zu tun gibt", sagt die 30-Jährige. Seit Januar 2010 ist die Französin hauptamtlich als Referentin für interkulturelle Bildung an der Jugendkunstschule tätig und organisiert internationale Schulwochen zur französischen Sprache und Kultur, Kindergartenprojekte und internationale Sommerveranstaltungen. Sie studierte an den Universitäten Aix-en-Provence und Tübingen Romanistik und Germanistik und promoviert derzeit. Außerdem strebt sie neben der französischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft an.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen