Volkstrauertag : „Wir haben ihm dann unter den Fichten ein Grab geschaufelt“

Am Volkstrauertag wird der Toten beider Weltkriege und der Opfer des Nationalsozialismus gedacht – hier der deutsche Soldatenfriedhof in Cernay im Elsass.
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Am Volkstrauertag wird der Toten beider Weltkriege und der Opfer des Nationalsozialismus gedacht – hier der deutsche Soldatenfriedhof in Cernay im Elsass.

Warum der Fähnrich zur See Lukas Roser aus Stuttgart auf dem Waldfriedhof in Kritzow beerdigt wurde – ein Schicksal, erzählt zum Volkstrauertag

svz.de von
15. November 2015, 08:10 Uhr

Es ist eine kleine Geschichte im großen Krieg. Es ist die Geschichte von Lukas Roser, geboren am 26. Juni 1925 in Stuttgart, gestorben als Fähnrich zur See am 3. Mai 1945 in Kritzow einige Kilometer nordöstlich von Schwerin. Es ist eine Geschichte, die 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele Fragen aufwirft. Vor allem: Warum stirbt ein 19-jähriger Marinesoldat mitten in Mecklenburg fünf Tage vor Kriegsende und warum wird er hier auf dem Waldfriedhof in Kritzow beerdigt?

Karsten Richter, Landesgeschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagt, Einzelgräber wie das von Lukas Roser seien zwar nicht außergewöhnlich, aber selten. Rund 70 000 Opfer des Zweiten Weltkrieges sind in Mecklenburg-Vorpommern bestattet - meist in Kriegsgräberstätten. Oft starben sie nicht bei Kämpfen, sondern weil sie in den Lazaretten ihren schweren Verletzungen erlagen. Der Volksbund hat das Grab von Lukas Roser registriert, in seiner Online-Datenbank kann es jeder abrufen - aber auch nur die Daten, mehr nicht.

Gunhild Hartmann hat das Grab jahrelang gepflegt. „Der Soldat hat mit einfach leid getan“, sagte die 67jährige aus Kritzow mit etwas zittriger Stimme. So kurz vor Kriegsende hat er sicher nach Hause gewollt. Und dann ist er erschossen worden, von russischen Soldaten, sagt Gunhild Hartmann, das habe man früher im Dorf erzählt.

Spurensuche in Stuttgart: Dort lebt die jüngere Schwester von Lukas Roser, Christine Brilling. Auch Jahrzehnte danach fällt es der 87-Jährigen nicht leicht, über den Tod ihres Bruders zu sprechen. Er hat sich im Herbst 1943 nach dem Notabitur auf dem Internat „Birklehof“ im Schwarzwald freiwillig zur Marine gemeldet, ist nach Stralsund gekommen, hat dort auch im Dom-Chor gesungen. Die Familie hörte das letzte Mal kurz vor Kriegsende etwas von ihm. Zu Weihnachten 1945 – der ersten im Frieden – kam die Todesnachricht. „Für die Mutter war es das Schlimmste, was ihr passieren konnte.“

Wie Lukas Roser ums Leben kam, das berichtet Anfang Januar 1946 der Kritzower Bauer Willi Kahl in einem Brief an die Familie in Stuttgart. Ihr Sohn, schreibt er, ist von einem einzelnen russischen Soldaten erschossen worden, an der Straße hinter dem Ortsausgang nach Weberin. Rosers Leiche wurde geplündert – nur Zahnbeutel und Rasierzeug finden Kahl und sein 14–jähriger Sohn Hans-Werner bei der Leiche. Sie beerdigen ihn am 5. Mai direkt an der Straße zwischen Kritzow und Weberin, rund 200 Meter hinter dem Ortsausgang.

Die Rosers kommen mit der älteren Tochter Ursula Ende der 50er-/Anfang der 60er-Jahre das erste Mal nach Kritzow. Lukas Roser wird damals umgebettet auf den nahen Waldfriedhof. Den wuchtigen Grabstein entwirft die Mutter, es ist ein letzter Gruß an den geliebten Sohn. Jahrelang übernimmt die Pflege die Familie Kahl. Die Rosers bedanken sich mit „Westpaketen“ aus Stuttgart. Die Familie ist vermögend, ihr gehört eine Lederfabrik.

Aber warum starb Lukas Roser ausgerechnet in Kritzow? Seine Schwester weiß es nicht.

Karsten Richter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kann nur spekulieren. Zum Ende des Krieges seien viele Marinesoldaten im Bodenkampf eingesetzt worden, vielleicht, so meint Richter, sei das auch das Schicksal von Lukas Roser gewesen. In der Deutschen Dienststelle in Berlin – der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle – bestätigt sich die Annahme: Die vollständig erhaltenen Personalakten zeigen den militärischen Werdegang.

Am 17. Oktober 1943 wird Lukas Roser eingezogen, der Einberufungsbefehl dient als Fahrkarte von Stuttgart nach Stralsund. Roser kommt als Mitglied der „Crew X/43“ – wie alle übrigen Marine-Offiziersanwärter zuvor – auf den Dänholm nach Stralsund. „Eine ganz normale Akte“, sagt Abteilungsleiter Wolfgang Remmers. Nach Stationen in Kiel und Schleswig wird Fähnrich Roser am 26. Januar 1945 wieder nach Stralsund beordert, der Krieg ist längst verloren, er muss einen Zugführer-Lehrgang beginnen. Am 20. April 1945 – es ist der Geburtstag Hitlers – verfügt der Chef der Marine, der Großadmiral Karl Dönitz, die „Aktion Berlin“: Mehrere hundert Fähnriche werden in Stralsund in ein eilig aufgestelltes Marine-Schützen-Bataillon 903 gesteckt – das Ziel: Berlin. Im Zug kommen sie nur bis Oranienburg, ein Einsatz scheint wegen der Kämpfe unmöglich, per LKW werden sie nach Neustrelitz zurückverlegt – der Rückzug führt über Waren, Krakow am See und Sternberg.

Die Einheiten lösen sich auf, das Ziel ist die englische und amerikanische Gefangenschaft südlich von Schwerin. Lukas Roser schafft es nicht.

Möglicherweise ist er auf seiner Flucht nach Westen nur zu langsam, auch, weil er wohl allein unterwegs ist. Als der 19-Jährige am 3. Mai in Kritzow erschossen wird, da waren die nahen Städte Wismar und Schwerin schon befreit. Von Lukas Roser bleiben nur Erinnerungen und ein Grabstein auf einem idyllischen Friedhof in einem Wald.

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