Briten aus MV zum drohenden Brexit : „Wir haben halt eine Inselmentalität“

Rockstar Bob Geldof segelt mit EU-Befürwortern in der Themse. Auch in MV sind die Briten gegen ein Brexit.
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Rockstar Bob Geldof segelt mit EU-Befürwortern in der Themse. Auch in MV sind die Briten gegen ein Brexit.

Wir haben Briten aus MV gefragt, was sie von einem Brexit halten und wie das Referendum ausgehen soll

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22. Juni 2016, 05:00 Uhr

Etwa zwei Drittel der Briten sagen, sie fühlten sich kein bisschen europäisch. Und auch die seit Tagen laufende Brexit-Debatte vor dem Referendum macht deutlich wie breit der Ärmelkanal auch in den Köpfen ist. Oder? Wir haben mit Briten gesprochen, die die Insel verlassen haben, um in MV zu leben.

„Ich bin enttäuscht, dass es überhaupt zu einer Abstimmung kommt“, sagt Philipe Ward aus Seehof. „Und noch mehr wäre ich enttäuscht, wenn Großbritannien aus der EU austreten würde. Das wäre ein Fehler. Sowohl für die Industrie als auch für die Bevölkerung.“ Ward lebt seit 2009 in MV, arbeitet als Vertretungslehrer. Hier fühlt er sich zuhause. Das Referendum beschäftigt ihn dennoch sehr. Im Falle eines Brexits wären Arbeitsplätze auf der Insel in Gefahr, Handelsverträge müssten neu abgeschlossen werden, schätzt er. „Zum Beispiel kommen etwa 50    000 Ärzte in Großbritannien aus europäischen Ländern. Was ist dann mit diesen Menschen? Und was ist mit mir? Darf ich hier weiter arbeiten?“

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Ward ist sich sicher, dass die Entscheidung knapp ausfallen wird. „Wir sind halt eine Insel und haben auch eine gewisse Inselmentalität“, erklärt er. „Viele Menschen haben Angst vor Einwanderern. Die Rechtsparteien haben diese Ängste geschürt, indem sie gesagt haben: diese Menschen nehmen uns die Arbeit und die Wohnungen weg. Dabei sind die meisten Ausländer Steuerzahler“, so Ward. Er befürchtet, dass die EU mit einem Austrittsland hart ins Gericht gehen wird. „Sie werden uns zu einem abschreckenden Beispiel machen.“ Andere Länder sollen so von einem Austritt abgehalten werden. „Ich hoffe, dass die Briten darüber nachdenken, ob es ihnen wirklich besser geht, wenn sie aussteigen.“

Auch Jill Christine Teltscher aus Kladrum bei Crivitz hält einen Brexit für eine schlechte Idee. „Ja, es gibt Probleme mit der EU. Aber wenn du die Probleme ändern willst, ist es besser, das von Innen zu tun, als wegzulaufen.“ Lange pendelte die Britin zwischen der Insel und MV hin und her. Inzwischen lebt die Innenarchitektin ganz hier und fühlt sich als Europäerin, wie sie sagt. Nicht jeder in der Familie hat Verständnis dafür. „Ich habe zwei Söhne in Großbritannien. Der eine will den Brexit, der andere nicht. Da gibt es viele Diskussionen.“ Für Teltscher heißt es nun abwarten. Wie es ausgeht, könne sie nicht abschätzen: „Es wir auf jeden Fall sehr eng.“

Infografik: Die Briten sollen bleiben | Statista
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Auch der Brite Ian Richardson aus Schwerin erwartet einen knappen Ausgang. „Ich hoffe, die Pro-Europäer haben einen kleinen Vorteil“, sagt er. Die Meinung der Brexit-Befürworter verstehe er nicht. Für den Rentner hätte der Ausstieg nur Nachteile. „Muss ich dann wieder eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen?“ Seit 1993 lebt Richardson in Schwerin. Durch die EU genießt er Freizügigkeit. Mit dem Ausstieg von Großbritannien wäre das vorbei. „Ich bin pro Europa, aber ich kann nichts tun. Ich hoffe, mich betrifft es nicht mehr“

Günter Krebs von der Deutsch-Britischen-Gesellschaft in Schwerin lebte zwischen 1984 und 1996 in Großbritannien. In Cambridge arbeitete er an der Universität, beschäftigte sich mit Vergleichender Forschung zwischen England und Deutschland. „Wenn die Briten wirklich austreten wollen, dann sollen sie austreten, mit allen Konsequenzen“, sagt er. „So etwas hat es ja noch nicht gegeben.“ Das der Ausstieg Folgen haben wird, da ist er sich sicher: „Die kritische Stimme Großbritanniens würde in Europa fehlen“, meint Krebs. Die EU wäre zudem schwächer in Gesprächen mit anderen Großmächten wie China oder den USA. „Es gibt keine Lösung ohne Vor- und Nachteile. Aber für uns wäre die Lösung, dass sie Kompromisse machen müssen, die bessere.“

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