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Nato-General Hans-Lothar Domröse : „Wir haben das klar unterschätzt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der deutsche Nato-Kommandeur stellt sich in Schwerin einer Debatte um Russland-Krise, Afghanistan und Islamischen Staat.

von
erstellt am 20.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Er wirkt wie ein „harter Hund“. Muss es in seinem Job wohl auch sein. Fallschirmjäger halt. Doch im Gespräch erweist sich Hans-Lothar Domröse als Soldat mit beinahe diplomatischen Fähigkeiten. Als ranghöchster deutscher Offizier, der auch Truppen in Schwerin, Dabel und Torgelow befehligte, kommandiert der 4-Sterne-General heute operative Nato-Einsätze in Krisengebieten, die schnelle Nato-Einsatztruppe NRF und ist für den Schutz der Nordost-Flanke des Bündnisses verantwortlich. Michael Seidel sprach mit dem General.

Als Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters traten und Soldat wurden - stellten Sie sich je vor, Kampfeinsätze in aller Welt zu befehligen?
Nein, im Leben nicht. In der Zeit nach der Wende, die ich damals im Stab des Verteidigungsministeriums mit gestaltete, dachten wir: Das war’s! Keine Konfrontation mehr, keine Blöcke. Es ist leider nicht so gekommen. Niemand von uns konnte sich noch während der Winterspiele in Sotschi vorstellen, dass Russland die Krim annektiert. Wir haben die Gefahr klar unterschätzt. Jetzt können wir nicht ausschließen, dass Russland etwa in Moldavien und Transnistrien Ähnliches vorhat.

Sie waren mit beinahe jedem großen Krisenherd als Stabsoffizier befasst oder gar selbst im Einsatz: Kosovo, Irak, Afghanistan. Wie veränderte das Ihr Leben persönlich wie beruflich?
Fürs eigene Leben hat es mich Bescheidenheit gelehrt und Dankbarkeit angesichts des Elends in der Welt. Und das Elend ist nur drei Stunden entfernt. Wenn Sie Kinder gesehen haben, die zwischen Landminen spielen, verändert das Ihre Wahrnehmung. Beruflich habe ich gelernt: Militärischer Einsatz nützt gar nichts, wenn der Sicherheit, die wir Militärs im besten Fall schaffen, nicht politische und wirtschaftliche Stabilisierung folgen.

Die ISAF hat dieVerantwortung im Juni an die afghanische Regierung übergeben. Welche Bilanz ziehen Sie für den Afghanistan-Einsatz? Hat das Ergebnis die Gefallenen, Verwundeten und traumatisierten Soldaten gelohnt?
Jeder verwundete oder gefallene Soldat wie auch Zivilist ist einer zu viel. Um in journalistischen Kategorien zu antworten: Afghanistan ist aus den Schlagzeilen raus, also müsste ja alles gut sein. Die Wirklichkeit ist: Wir haben viel geschafft. Wir haben über 350 000 Sicherheitskräfte in Militär und Polizei ausgebildet. Acht Millionen Kinder, davon 37 Prozent Mädchen, gehen zur Schule. Frauen haben deutlich mehr Teilhabe an der Gesellschaft. Die Sterblichkeit ist stark gesunken – da haben wir in den 10 Jahren mehr erreicht, als andernorts in 50 Jahren geschieht. Und überall im Land gibt es inzwischen das World Wide Web. Selbst im hintersten Tal können die Afghanen googlen, mit der Welt kommunizieren. Sie hören zwar immer noch auf den Dorfältesten, doch sie können heute viel mehr Infos nachprüfen. Bildung und Kommunikation verändern die Gesellschaft nachhaltig.

Die Querelen um die Anerkennung der Präsidentenwahl vom April lassen indes nicht Gutes erahnen?
Ist dort alles gut? Mitnichten. Bei der Sicherheit zwar weitgehend. Millionen Menschen sind immerhin zur Wahl gegangen. Beim politischen Wandel bleibt noch viel zu tun. Aber beide Lager haben offenbar gleich viel geschummelt. Wenn in diesen Tagen das endgültige Ergebnis erklärt wird, will der Unterlegene das akzeptieren – das haben beide versprochen. Dann soll es eine Inklusionsregierung geben. Auf Deutsch: eine Koalitionsregierung. Ich bin vorsichtig optimistisch.

Was macht dann die Nato noch dort?
Auch wenn der ISAF-Einsatz im Dezember endet, hat die Nato und die internationale Staatengemeinschaft weiterhin militärische Hilfe zugesichert. Wir brauchen zwar noch die offizielle Einladung der Regierung. Altpräsident Karsai hat das immer wieder verzögert. Die neue Regierung wird sofort unterschreiben, haben beide Kandidaten versichert. Dann werden wir noch für zwei Jahre für einen Trainings- und Assistenzeinsatz bleiben. Nicht als kämpfende Truppe, nicht mehr auf der Straße, nur noch in Kasernen und Ministerien. Wenn die Einladung nicht kommt, müssen und werden wir Ende des Jahres raus sein.

Bundesweit klagen Kommunen, sie wüssten nicht mehr, wie sie die Flüchtlinge unterbringen und integrieren sollen. In sozialen Netzwerken ufern fremdenfeindliche Debatten bedrohlich aus. Was raten Sie aus Ihrer Erfahrung aus den Krisengebieten?
Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns da bewegen. Wenn man christlich erzogen ist, ist es ein Gebot der Nächstenliebe, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Andererseits brauchen die Länder, aus denen sie kriegsbedingt flüchten, diese Menschen unbedingt für den Wiederaufbau für die Zeit nach der Befriedung der Region. Deshalb mein Appell: Nehmt Sie auf, kümmert Euch um diese Menschen, die unfassbares Leid erlebt haben. Bildet sie gut aus, damit sie zurückkehren können. Gegenüber Wirtschaftsflüchtlingen muss die Politik Mittel finden, Migration zu begrenzen.

Gerade werden in Waren an der Müritz erste Waffen und Ausrüstungen für den Kampf gegen die IS-Milizen verladen. Erste Fallschirmjäger beginnen im Nordirak, kurdische Peschmerga zu trainieren. Wie sehr fürchten Sie, dass diese Waffen sich dereinst gegen die westliche Welt richten, wie das in Afghanistan passierte?
Wir sehen mit großem Schrecken, wie dieser IS barbarisch gegen alles vorgeht, was sich ihm nicht anschließt. Die Peschmerga sind momentan die Einzigen, die sich gegen den IS zur Wehr setzen können und wollen. Niemand kann ausschließen, dass – wenn sie den IS in die Schranken gewiesen haben – die Waffen genutzt werden, um einen unabhängigen Kurdenstaat zu fordern und durchzusetzen. Dennoch muss jetzt Schritt eins getan werden, um der Barbarei Einhalt zu gebieten. Das andere muss die Weltgemeinschaft danach klären.

Ist der IS nur eine neue Ausprägung der Taliban oder eine Potenz davon?
Den typischen Taliban gibt es ohnehin nicht. Es sind zu großen Teilen Söldner, „Einsatz-Junkies“, die wir teils schon von anderen Krisenherden kennen. Eine neueste Schätzung besagt, dass auch aus unserer Mitte, aus Mitteleuropa monatlich um die 200 fanatisierte Europäer in die Region reisen, um mitzumischen. Die kommen unter Umständen auch zurück und leben unter uns. Die jüngsten Meldungen aus Australien zeugen von der Brisanz der Lage. Deshalb müssen wir eine Drei-Schritt-Strategie verfolgen: Erstens humanitäre Hilfe für die Kriegsopfer. Zweitens, die Extremisten vor Ort bekämpfen. Und drittens zu Hause aufpassen, dass die Konflikte nicht zu uns hineingetragen werden.

Wenn wir wissen, dass sowohl Al Quaida wie auch jetzt der IS nicht existierten, würde es nicht massive Unterstützung aus bestimmten Kreisen im arabischen Raum geben: Wäre es nicht einfacher, diese Geldströme zu versiegeln, statt überall militärisch einzugreifen, während sich der Westen mit diesen Regimes gut stellt, um den Rohstoff-Nachschub zu sichern?
Das wäre ein sehr intelligenter Ansatz. Aber ich muss aus meinen Erfahrungen mit dem afghanischen Drogenhandel sagen: Es ist offenbar extrem schwierig, selbst für ausgebuffteste Geldfluss-Fahnder der großen Banken – die es tatsächlich gibt – solche Geldflüsse nachzuweisen. Aber ich gebe Ihnen recht: Es wäre der richtige Ansatz. Die Banken müssten versuchen, die Geldströme aufzuklären. Das würde manchen Militäreinsatz ersparen.

Angesichts des Russland-Ukraine-Konflikts bekamen Sie gerade von den Nato-Regierungschefs den Auftrag, eine schnelle Eingreiftruppe aufzubauen. Ist das nicht eine Provokation gegenüber Russland?
Glauben Sie mir: Wir wollen niemanden provozieren. Nicht die Nato hat den 1997 mit Russland geschlossenen Vertrag gebrochen. Wir halten alle drei Kernpunkte des Vertrages ein. Die Grundakte lässt gemeinsame Militärübungen zu. Die baltischen Staaten und Polen haben souverän die Nato gebeten, ihnen Beistand zu leisten aus Sorge, ihnen könnte dasselbe widerfahren wie der Krim, der Ost-Ukraine oder zuvor Georgien. Russland hat Völkerrecht verletzt und Grenzen überschritten. Es ist doch absurd zu glauben, baltische Staaten oder Ukrainer könnten auch nur ansatzweise das riesige Russland bedrohen.

Was soll die neue Eingreiftruppe leisten, was die bestehende NRF nicht kann?
Die bestehende Konstruktion ist zu behäbig, unpassend ausgerüstet und organisiert, um im Falle einer Verletzung östlicher Grenzen des Bündnisgebietes ganz schnell vor Ort sein zu können. Die neue Eingreiftruppe, die etwa Brigadestärke haben soll - also 5000 bis 7000 Mann –, muss in der Lage sein, binnen maximal 48 Stunden an jeden Ort des Bündnisgebietes verlegt zu werden und dort sofort einsatzbereit zu sein. Vergleichen Sie es mit einer Feuerwehr: Die beste Wasserpritze und der qualifizierteste Feuerwehrmann nützen nichts, wenn der Reifen des Leiterwagens platt ist.

Diesem Kommentar nach ist es eine Mär, wenn behauptet wird, dass die Nato und die EU Russland in die Enge treiben würde.

Hier wird in einem Dokument (PDF) die Beziehung zwischen der Nato und Russland durch die Stiftung Wissenschaft und Politik analysiert.

Die Nato-Russland-Grundakte regelt die Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien.

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