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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 18:49 Uhr

"Wir haben alles verloren"

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2011 | 10:21 Uhr

Demen | Das Feuer hat Familie Fietzke alles genommen. Ihre Möbel, ihre Kleidung, ihre Erinnerungen. Und ein bisschen auch ihre Hoffnung. Der Brand Anfang Dezember zerstörte die Wohnung im Untergeschoss eines Demener Mehrfamilienhauses komplett. Von den Dingen, die dem Ehepaar ans Herz gewachsen waren, blieb ihnen nur ein Haufen Asche und die Kleidung, die sie am Körper trugen. "Es war das schlimmste Jahr unseres Lebens", sagt Renate Fietzke, wenn sie an das Jahr 2010 zurückdenkt. Schleichend schien sich das Glück aus ihrem Leben zu verabschieden.

Zwei Herzinfarkte hatten Rolf-Dieter Fietzke bereits vor dem Brand das Leben schwer gemacht. Vor vier Jahren hatten ihm seine Ärzte nur noch zwei Wochen zu leben gegeben, sagt er. Doch er gab nicht auf, kämpfte sich zurück ins Leben. Kämpfen, damit kennt sich der 54-Jährige aus. Bevor das Herz schwächelte, war er Kampfsportlehrer, lebte für Kung Fu und Jiu Jitsu. Heute hat Fietzke Mühe beim Treppensteigen, muss alle paar Stufen eine Pause machen, schnappt nach Luft. Auch seiner 46-jährigen Ehefrau bleibt oft die Luft weg, sie leidet an starkem Asthma. Arbeiten können die beiden schon seit Jahren nicht mehr, bekommen Invalidenrente.

Als die Eheleute dachten, es könne nicht mehr schlimmer kommen, da kam das Feuer. So heftig wüteten die Flammen, dass das Mehrfamilienhaus mittlerweise unbewohnbar ist. Auch die ehemaligen Nachbarn sind ausgezogen. Auch die Lebensretter der Fietzkes. Sie schrien frühmorgens, als sie Rauch aus der Wohnung steigen sahen. Als die Bewohner wach wurden, stand das Wohnzimmer schon lichterloh in Flammen. "Drei Minuten später, wären wir tot gewesen", sagt Rolf-Dieter Fietzke. Mehr als ihr Leben jedoch konnte auch die Feuerwehr nicht retten.

Kaum hatten sich die Fietzkes von dem Schock erholt, da kam auch schon der nächste Tiefschlag: keine Versicherung - keine Entschädigung. Auch Sozialleistungen stehen dem Paar als Rentner nicht zu. Doch viele halfen, als die Not am größten war. Schnell kam die Familie mit den drei Kindern in einer neuen Fünf-Raum-Wohnung unter. Freunde und SVZ-Leser spendeten Möbel, die freiwillige Feuerwehr übernahm den Transport, Baumärkte spendeten Teppiche, der Landtag spendete Geld. Von dem Scheck kaufte sich das Paar als Erstes eine neue Wohnzimmeruhr. Doch nur langsam kann sich das Paar an das neue Leben gewöhnen. Seit knapp einem Monat wohnen sie hier. Aus dem Fenster sehen sie hinab zu ihrer alten Wohnung. Schwarze Rußränder umgeben die mit Brettern vernagelten Fenster. "Das tut weh", sagt Rolf-Dieter Fietzke. Nachts wacht der gelernte Tischler regelmäßig mit Herzrasen auf, schläft selten mehr als zwei Stunden am Stück. "Die Erinnerungen quälen mich", sagt er und atmet schwer. Seine Stimme ist brüchig.

Doch in der größten Not hat Familie Fietzke auch die größte Hilfe erfahren. "Uns haben so viele Menschen geholfen, das hat uns sehr gerührt", sagt Renate Fietzke, sie trägt an beiden Händen Ringe an Mittel- und Zeigefinger. Fremde Menschen seien zu ihnen gekommen und hätten ihre Hilfe angeboten. "Das motiviert uns, weiterzumachen und noch einmal neu anzufangen", sagt sie. Und so ist ihre Geschichte vom Ende des Glücks auch die Geschichte vom Ende der Hoffnungslosigkeit.

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