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Tornado verwüstet Bützow : „Wir fangen wieder von vorne an“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Aufräumen nach dem Tornado in der gesperrten Stadt. Dachteile flogen vier Kilometer weit

von
erstellt am 06.Mai.2015 | 20:30 Uhr

Der Tag nach dem Tornado: Die Innenstadt von Bützow ist gesperrt. Die Gefahr durch lose Ziegel und andere Dachteile bleibt den ganzen Tag allgegenwärtig. Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Baufirmen und freiwillige Helfer übernehmen die Sicherungsarbeiten und kämpfen die Straßen von Schutt und umgestürzten Bäumen frei. „Spätestens am morgigen Donnerstag sollen die Sperrungen aufgehoben werden“, verspricht Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos) auf der Pressekonferenz am Nachmittag. Er zieht eine erste Bilanz: „30 Menschen sind leichtverletzt.“ Angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen ist das keine schlechte Nachricht. Eine Fahrradfahrerin wurde allerdings von einem herabfallenden Ziegel schwer verletzt und musste nach Rostock ins Krankenhaus gebracht werden.

Über die Höhe der materiellen Schäden kann noch niemand etwas Genaues sagen. Viele Gebäude wurden durch den Tornado in ihren Grundfesten erschüttert. Baufachleute und Statiker sind vor Ort. Bis zum frühen Nachmittag begutachten sie 84 Häuser mit Bauschäden. 16 Gebäude müssen gesperrt werden – mögliche Einsturzgefahr.

Die Verwaltung funktioniert trotz der vielen Schäden. Einige Geschäfte haben geöffnet. Dort trifft man sich und diskutiert das Unfassbare.

Björn Stumpf ist aus Fulda und kam drei Stunden nach dem Sturm in Bützow an. Er leitet ein Projekt zur Aufnahme und Digitalisierung von Tornadoschäden in Deutschland. „Dieses hier war eindeutig ein Tornado“, sagt er. Gebildet habe sich das Wetterphänomen westlich des Rühner Sees, dann habe der Tornado in Richtung Bützower Innenstadt Fahrt aufgenommen und sich nach insgesamt sieben bis neun Kilometern wieder aufgelöst. Stumpf dokumentiert mit Kamera und GPS-Gerät jede Einzelheit der Zerstörung. Im Kern des Tornados habe ein Unterdruck geherrscht, sagt er, der Dachpappen von Häusern in Bützow mehr als vier Kilometer weit über die Felder geschleudert habe.

Seit den frühen Morgenstunden räumt Thomas Hahn den Schutt vor seinem Haus in der Innenstadt weg. Das Dach ist zur Hälfte abgedeckt. Massen von zerbrochenen Ziegeln liegen weit verstreut vor dem Haus. „Wir standen am Fenster und haben den Tornado kommen sehen“, berichtet der 58-Jährige von dem Erlebten am Abend zuvor. Als eine entwurzelte Eiche durch die Luft wirbelte und auf einem Dach in der Nachbarschaft landete, habe er nur noch Angst gehabt, sagt er.

Das Dach seines eigenen Hauses war gerade erst erneuert worden. „Jetzt fangen wir wieder von vorne an“, so der Bützower. Seine Schwiegereltern wohnen in dem ausgebauten und jetzt zerstörten Dachgeschoss. „Bis wieder alles in Ordnung ist, bleiben sie bei uns in der unteren Etage.“ Es klingt wie die normalste Sache der Welt.

Mittags treffen die Spitzen der Landespolitik in Bützow ein. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hatte den längsten Weg. Er wollte am Vortag nach Danzig zu Sicherheitsgesprächen mit polnischen Vertretern fliegen. Wegen Unwetters wurde seine Maschine aber nach München umgeleitet. Von der bayrischen Metropole aus kam er ins mecklenburgische Krisengebiet. „Das Innenministerium wird finanzielle Hilfe bei der Beseitigung des Schutts und beim Wiederaufbau der Infrastruktur leisten“, sagt Caffiers Staatssekretär, Thomas Lenz, gegenüber unserer Redaktion. Der Jurist rät den Bützowern die Zerstörungen genau zu dokumentieren, um später Ansprüche belegen zu können. Was insgesamt an Hilfe durch das Land der Stadt an der Warnow zugute kommt, soll am kommenden Dienstag im Kabinett beraten werden, kündigt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) an.

Der Regierungschef hatte ein Treffen mit Kirchenpolitikern in Rostock kurzfristig abgesagt, um nach Bützow zu kommen. „Ich bin beeindruckt von der Solidarität und der Hilfe untereinander“, sagt Sellering beim Rundgang durch die zerstörten Teile der Stadt. Überall wird aufgeräumt. Er schüttelt auch Robert Klaiber die Hand. Der 15-Jährige schippt seit den frühen Morgenstunden die zerschlagenen Dachsteine vor dem Haus in einen Baucontainer. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben heute ohnehin schulfrei. Wann die beiden Grundschulen wieder genutzt werden können, ist noch ungewiss, heißt es auf der Pressekonferenz.

In Bützow befindet sich auch die mit etwa 500 Insassen größte Justizvollzugsanstalt (JVA) Mecklenburg-Vorpommerns. Nur zwei Kilometer zog das Zentrum des Tornados am Gefängnis vorbei. „Wir blieben verschont. Keine Schäden, keine Vorkommnisse“, sagt Jens Kötz, Sprecher der Anstalt. Für 20 Minuten blieb allerdings auch die JVA ohne elektrischen Strom.

Weitere Artikel über die Unwetterschäden im Land finden Sie auf unserer Dossierseite zu dem Thema: www.svz.de/tornado

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