Windrad kontra Kirche

Wenn Windräder in den Himmel wachsen: Die Anlagen verändern häufig alte Kulturlandschaften und historische Ansichten. dpa
Wenn Windräder in den Himmel wachsen: Die Anlagen verändern häufig alte Kulturlandschaften und historische Ansichten. dpa

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21. März 2013, 07:44 Uhr

Greifswald | Denkmalpfleger und Kunsthistoriker warnen vor einer Zerstörung jahrhundertealter Kulturlandschaften durch Windkrafträder, Monokulturen für Biogasanlagen und Solaranlagenfelder. Der Denkmalschutz müsse an den Genehmigungsverfahren für Anlagen stärker beteiligt werden, sagte der Kunsthistoriker Kilian Heck gestern in Greifswald.

Auf dem 32. Deutschen Kunsthistorikertag, der derzeit in Greifswald stattfindet, wollen sich die rund 500 Denkmalpfleger und Kunsthistoriker auf eine Resolution verständigen. Darin soll dem Schutz von Kulturlandschaften bei den Genehmigungsverfahren ein verbindlicherer Stellenwert eingeräumt werden. "Wir sind nicht per se gegen die erneuerbaren Energien", sagte Heck. Die Denkmalpflege müsse aber am Auswahlprozess für neue Standorte "auf Augenhöhe" beteiligt werden. Angesichts bereits bestehender Fehlentwicklungen und dem weiteren Ausbau von Windenergie und Biogas sehen die Fachleute dringenden Handlungsbedarf. Es bestehe die Gefahr, dass Denkmale durch die dominanten, bis zu 200 Meter hohen Windkraftanlagen die Identität stiftende Wirkung in ihrer jeweiligen Kulturlandschaft verlieren und bislang weitgehend unberührte Kulturlandschaften ihre Eigenart einbüßten, sagte der Denkmalpfleger Thomas Gunzelmann aus Bayern.

"Wir müssen über Abstände zwischen den Anlagen und Denkmalen reden." Großflächige Monokulturen mit Energiepflanzen wie Mais veränderten jahrhundertealte Kulturlandschaften, die durch kleinteilige Äcker mit wechselnder Fruchtfolge geprägt waren.

Besonders drastisch sind nach Einschätzung der Experten die Auswirkungen in Norddeutschland, wo die meisten Windkraftanlagen stehen. "Die gerade Horizontlinie und die weit sichtbaren Stadtsilhouetten sind in der Kulturlandschaft des Nordens prägend", sagte Heck. Er verwies auf Stadtansichten des Romantikers Caspar David Friedrich sowie Romane von Uwe Johnson oder Christa Wolf, die die flache und weite Landschaft beschreiben. Jahrhundertelang galten die backsteinernen Feldkirchen als Wegmarken in der Landschaft. Problematisch sei, dass gerade in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern die Denkmalschutzämter personell stark reduziert wurden. Als Negativbeispiele nannte Heck die vorpommerschen Orte Tribsees, Wusterhusen oder Wolgast, wo Windräder den freien Blick auf die Stadtsilhouette störten. Gunzelmann, Hauptkonservator beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, verwies auf die Wallfahrtskirche Gügel und die Giechburg im Landkreis Bayern, wo Windkraftanlagen als "konkurrierender Blickfang" die Sichtachsen auf die Denkmale irritierten. "Genehmigungen sind Abwägungsentscheidungen, bei denen ein Bündel öffentlicher Belange berücksichtigt werden muss", so Gunzelmann. "Wir müssen laut schreien, damit wir nicht vergessen werden."

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