Wohnen im Alter : Wie wollen wir einmal leben?

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Für pflegebedürftige Menschen im Land gibt es schon jetzt nicht genug altersgerechte Wohnungen. Landesseniorenbeirat fordert neue Regelungen zur Barrierefreiheit

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24. Januar 2016, 09:00 Uhr

Es ist fast symbolisch: Einst gingen knapp 800 Schüler auf das Gymnasium in Pampow bei Schwerin, nun entstehen in dem alten Schulgebäude auf dem Berg 49 altersgerechte Wohnungen für Senioren. „Wir sind sehr froh, dass wir unser Angebot so erweitern können“, sagt Dietmar Jonitz vom DRK Kreisverband Ludwigslust. Seit 20 Jahren gibt es bereits eine Seniorenwohnanlage in dem Ort. Diese sei jedoch stark nachgefragt. „Und auch für die neue Anlage haben wir schon eine Warteliste“, so Jonitz.

Wer auch im Alter in den eigenen vier Wänden leben will, muss früh vorsorgen. Denn die Anzahl an Wohnungen für Senioren ist begrenzt. Zwischen 30  000 und 40    000 altersgerechte Wohnungen würden in Mecklenburg-Vorpommern laut Bernd Rosenheinrich fehlen. „Die Menschen sind immer mehr bestrebt, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben“, meint der Vorsitzender des Landesseniorenbeirats in MV. Das sei oftmals schwierig. Die wenigsten Wohnungen im Land seien für die Bedürfnisse älterer Menschen eingerichtet. Schwellenfreiheit, Türbreiten für Rollatoren, Fenstergriffe, die vom Rollstuhl aus leicht erreichbar sind, bodengleiche Duschen sowie WCs in Sitzhöhe mit Aufstehhilfe sollten laut Rosenheinrich Standard sein.


Drittel der Bevölkerung ist 60plus


Die Realität ist eine andere. In Schwerin stehen beispielsweise laut der Wohnungsmarktprognose 2030 für je 100 Menschen ab 75 Jahren nur elf solcher altersgerechten Wohnungen zur Verfügung. Viel zu wenig, meint Rosenheinrich. Den älteren Mietern werde nicht genug Beachtung geschenkt. Dabei seien sie es, die die wenigsten Mietschulden hätten und die geringsten Probleme machen würden.

Der demographische Wandel wird die Wohnsituation in Zukunft noch erschweren. Laut dem statistischen Amt MV sind eine knappe halbe Million der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern über 60 Jahre alt. Das ist fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Über 280  000 von ihnen sind 70 Jahre und älter. Um ihnen gerecht zu werden, fordert der Seniorenbeirat gesetzliche Grundlagen, die barrierefreies Wohnen bei Neubauten und Kernsanierungen fördern. In Vorbereitung auf das 9. Altenparlament hat der Beirat einen Leitantrag zum Thema „Wohnen im Alter“ erstellt. Darin fordert er unter anderem Wohnraumberatung flächendeckend anzubieten und ein barrierefreies Wohnumfeld zu sozialverträglichen Mieten bereit zu stellen.


Barrierefreiheit als Standard


„Es fehlt schon allein an Handläufen“, nennt Rosenheinrich ein Beispiel. Die gebe es nämlich meistens nur am Treppengeländer, aber nicht an der Wand. „Hat jemand auf der rechten Seite eine Beeinträchtigung, kann er sich beim Runtergehen festhalten. Aber nicht anders herum, um hinauf zu kommen.“ Das könne dazu führen, dass die Person aus Angst vor einem Sturz seltener oder gar nicht mehr das Haus verlässt.

„Wir wollten dieses Thema bei der vergangenen Überarbeitung der Landesbau-Ordnung einbinden. Das ist uns aber nicht gelungen“, bedauert Rosenheinrich. Durch den Einbau solch einfacher Hilfsmittel würden Wohnungen teuerer, man fände keine Investoren und keine Mieter mehr, die bereit seien, zu zahlen, so die Argumentation. Dabei ist sich der Rentner sicher: würde barrierearmes – oder noch besser – barrierefreies Bauen und Sanieren die Regel werden, würden auch die Kosten sinken. „Was ist teurer? Ein Aufzug oder jemanden in ein Pflegeheim zu bringen“, fragt Rosenheinrich. „Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen.“


Früh überlegen, wie man später leben will


Bernd Rosenheinrich empfiehlt, sich frühzeitig überlegen, wie und wo man später leben will. „Schon beim Hausbau sollte man daran denken. Letztendlich ist es eine Geschmackssache, ob man die Ruhe des Landes oder die Flexibilität der Stadt bevorzugt.“ So könnten Senioren auch mit leichten Einschränkungen noch lange zu Hause leben. Im Alter sei es jedoch besser, Ärzte, Einkaufsgelegenheiten und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung in der Nähe zu haben. Vor allem auf dem Land seien ältere Menschen durch die schlechte Infrastruktur sonst sehr schnell eingeschränkt.

Vor allem in Ballungszentren entstünden immer mehr altersgerechte Wohnungsanlagen. Auch hier geht der Trend weg von Wohnheimen, hin zu den eigenen vier Wänden. Dabei ist die Privatsphäre oft genauso wichtig, wie die Gemeinschaft. So entsteht in Parchim gerade eine Wohngemeinschaft (WG) für Senioren. Die Idee: Jeder hat sein eigenes Zimmer, aber jeweils in Gruppen gibt es einen Gemeinschaftsraum.

Auch in dem ehemaligen Gymnasium in Pampow soll es Treffpunkte geben. Die Umbaumaßnahmen sind im vollen Gange. Da wo früher Mathe-Klausuren geschrieben wurden, entsteht zurzeit eine altersgerechte Dreiraum-Wohnung. Und dort, wo Schüler einmal Blockflöte lernten, entsteht ein Raum für die Tagespflege.

Solche Projekte sind die Zukunft, meint Rosenheinrich. Denn alt werden wollen alle. Aber nicht alt leben.

Ältere Menschen gründen immer öfter eine Senioren-WG, um mit gleichaltrigen zusammen und selbständige zu sein.
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Ältere Menschen gründen immer öfter eine Senioren-WG, um mit gleichaltrigen zusammen und selbständige zu sein.
 

Wohnen in der Gemeinschaft

WAS:

In Parchim wagt derzeit ein junges Team ein neues Wohnprojekt: Im ehemaligen Jobcenter soll eine Wohngemeinschaft (WG) für pflegebedürftige Menschen entstehen. Jeweils zwölf Zimmer – jedes mit eigenem Sanitärtrakt – bilden eine solche WG. Die Idee hinter dem Projekt ist, dass sich die Bewohner gegenseitig helfen.

FÜR WEN:

Die Wohngemeinschaft ist für Menschen, die pflegebedürftig sind, aber nicht ins Heim wollen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Die Bewohner sollten Lust am Gemeinschaftsleben haben und bereit sein, sich gegenseitig zu unterstützen. Nichts für Eigenbrödler.

BESONDERHEIT:

Das Projekt ist im Landkreis Ludwigslust-Parchim so bisher einzigartig. Neben den Wohngruppen gibt es eine Tagespflegeeinrichtung mit 30 Plätzen. Außerdem will sich der ASB ins Gebäude einmieten.

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Ruhe und Gesellschaft

WAS:

In einem Seniorenwohnhaus, wie es zum Beispiel Neuwoges in Neubrandenburg anbietet, haben Senioren beides: Ruhe und Gesellschaft. Während die eigene Wohnung zum Wohlfühlen einlädt, bieten unsere Begegnungsstätten ein unterhaltsames Miteinander.

FÜR WEN:

Dieses Wohnkonzept ist besonders geeignet für ältere Menschen, die den Kontakt zu anderen suchen, aber auch die Ruhe in den eigenen vier Wänden wollen. Pflegeangebote vereinfachen den Alltag, wenn es nötig ist.

BESONDERHEIT:

Die Wohnungen sind bereits größtenteils altersgerecht ausgestattet, können jedoch an die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben angepasst werden. Meistens gibt es in solchen Senioren-Wohnanlagen auch eine Tagespflege.

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Alt und Jung unter einem Dach

WAS:

In der Hospitalstraße in Schwerin leben dreizehn Familien unter einem Dach, vom Kleinkind bis zum 85-Jährigen. In sogenannten Mehrgenerationenhäusern geht es darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Jungen helfen beim Einkauf, die Älteren bei der Kinderbetreuung.

FÜR WEN:

In einem Mehrgenerationenhaus geht es lebhaft zu. Das Miteinander fordert von allen ein hohes Maß an Toleranz und Verbindlichkeit. Die Idee des Konzepts ist es, sich gegenseitig zu helfen. Bewohner sollten sich vorzeitig überlegen, wie sie sich in das Gesellschaftsleben einbringen können.

BESONDERHEIT:

In vielen Mehrgenerationenhäusern gibt es Gemeinschafträume. In Schwerin werden hier beispielsweise Yoga-Kurse angeboten. Ein Austausch über die Nutzung ist besonders wichtig.

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