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Ex-Weltmeister : Wie weiter mit den Box-Champions?

vom

Das Jahr 2011 war für die Profiboxer aus unseren Breiten bekanntlich ein rabenschwarzes. Alle drei Weltmeister aus MV - Sebastian Sylvester, Sebastian Zbik und Jürgen Brähmer - verloren ihre Titel.

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erstellt am 05.Jan.2012 | 07:57 Uhr

Schwerin | Das Jahr 2011 war für die Profiboxer aus unseren Breiten bekanntlich ein rabenschwarzes. Alle drei Weltmeister aus MV - Sebastian Sylvester (Mittelgewicht/IBF), Sebastian Zbik (Mittel/WBC) und Jürgen Brähmer (Halbschwer/WBO) - verloren ihre Titel. Und die Prognosen sahen düster aus. Im Falle von Sauerland-Profi Sylvester mehr in sportlicher Hinsicht, bei Zbik und Brähmer vornehmlich der seit Mitte 2010 anhaltenden Krise ihres Universum-Stalles geschuldet.

Jürgen Brähmer

Inzwischen kann sich Jürgen Brähmer, der nach seiner dritten Kampfabsage in Folge und der zwangsläufigen Aberkennung seines WM-Titels zwischenzeitlich als am ehesten in der Versenkung verschwunden galt, wieder - wenn auch noch vorsichtig - nach der Sonne strecken.

In gut drei Wochen, am 28. Januar, soll der 33-Jährige zum ersten Mal seit April 2010 wieder in den Ring steigen und einen Acht-Runden-Kampf bestreiten. Seit gestern steht auch sein Gegner für den Kampfabend im Hamburger "Grand Elysee"-Hotel fest: der dann 35-jährige, international recht unbekannte Spanier Jose Maria Guerrero. Aber Brähmer ist ohnehin keiner, der sich darum scheren würde, wer sich da vor ihm aufbaut. Außerdem ist der Junioren-Weltmeister der Amateure von 1996 trotz der langen Ringabstinenz gut in Schuss, was auch sein Trainer bestätigt: "Jürgen macht eine sehr gute Vorbereitung, ist körperlich top drauf."

Okay, das ist ein Standardsatz, den Michael Timm eigentlich vor jedem Brähmer-Kampf in die Runde wirft. Aber diesmal ergänzt der 49-Jährige seine Aussagen um zwei Aspekte, die so in Bezug auf das einstige Jahrhunderttalent von ihm noch nie zu hören waren: "Jürgen ist mit dem Kopf richtig dabei." Und: "Es macht sehr viel Spaß, mit ihm zu arbeiten."

Auch Brähmer selbst sieht sich auf einem guten Weg, nachdem im Vorjahr das gegen ihn anhängige Gerichtsverfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung und Beleidigung in der Berufung eingestellt worden war und zudem seine vertragliche Situation seit eineinhalb Wochen geklärt ist. "Diesmal haben wir, mein Rechtsanwalt Johannes Eisenberg und ich, den Vertrag aufgesetzt. Und ich denke, wir haben uns mit Universum gut geeinigt. Für beide Seiten gut geeinigt."

Zu den Inhalten schweigt er, sagt aber: "Es kann nicht sein, dass alles auf Kosten der Boxer geht und der Stall keinerlei Risiko trägt. Leichter trägt es sich auf verteilten Schultern. Und so ist das jetzt."

Mit nun freiem Kopf geht der gebürtige Stralsunder davon aus, den Fans im Ring eine andere Qualität bieten zu können als zuletzt. "Meine letzten Kämpfe waren ja wahre Ringschlachten. Die hatten weniger mit boxerischer Qualität zu tun als mit Kämpfer- und Steherqualitäten. Wenn du nicht voll bei der Sache bist, stellst du dich eben auch mal in Doppeldeckung hin und prügelst mit", bekennt Brähmer selbstkritisch. "Es ist halt wie in allen Sportarten: Leistung ist Kopfsache. Und jetzt kann ich mich voll aufs Boxen konzentrieren. Mich darauf konzentrieren, mein Können voll abzurufen und nicht nur zeitweise. Meine Schnelligkeit, meinen technischen Bewegungsablauf - und eben auch Meidbewegungen. Das klappt, das macht Spaß und das merkt halt auch mein Trainer."

Michael Timm geht davon aus, dass sein Schützling nach dem anstehenden noch einen weiteren Aufbaukampf benötigt, "und dann kann Jürgen wieder um eine WM boxen". Der sieht das genauso und legt sich zeitlich schon mal fest: "Hoffentlich noch in diesem Jahr."

Sebastian Zbik

Ob es in diesem Jahr für ihn etwas wird mit einem Titelkampf, das kann Brähmers Stallgefährte Sebastian Zbik derzeit überhaupt nicht sagen. Und das, obwohl für den Schweriner, der nach Meinung von Experten im Juni 2011 in L.A. bei seiner WM-Niederlage gegen Julio Cesar Chavez jr. (Mexiko) schlichtweg über den Tisch gezogen worden war, bereits zwei Offerten im Raum standen. Zum einen sollte er gegen den Polen Grzegorz Proksa, den letzten Bezwinger Sebastian Sylvesters, um dessen EM-Gürtel boxen. Den Kampf hatte - wie seinerzeit berichtet - Weltmeister Felix Sturm mit seinem Stall ersteigert. Zum anderen stand ein Kampf gegen WBO-Weltmeister Dimitri Pirog aus Russland im Raum. Momentan ist von keiner dieser Optionen die Rede.

"Von dem Kampf gegen Proksa habe ich auch erst aus dem Internet erfahren", sagt Sebastian Zbik und stört sich vor allem an der Art der Austragung. "Ich bin nicht dafür da, Sturm seinen Fernsehvertrag bei Sat.1 zu retten. Ich will nicht für Sturm boxen, sondern gegen ihn."

Und in Bezug auf den Pirog-Kampf, über den seitens Universum in der Tat mit ihm geredet worden sei, sagt er: "Inzwischen habe ich gehört, dass Pirog gegen Sturm boxen soll. Also weiß ich wieder nicht, woran ich bin."

Derzeit hält sich der 29-Jährige mit Laufen, Krafttraining und Tennis fit, "aber nicht auf leistungssportlichem Niveau, sondern eher wie ein Volkssportler. Deshalb wäre es vermessen zu sagen, dass ich jetzt auf Anhieb einen großen Kampf machen könnte."

Sollte sich indes die Chance auf einen solchen bieten, "dann würde ich natürlich wieder ranklotzen. Ein bisschen mehr Zeit als sonst bräuchte ich allerdings. Schließlich ist mein letzter Kampf auch schon sieben Monate her."

Derzeit widmet er sich seinem Sport-Fernstudium mit der Spezialisierung Leistungs- und Wettkampfsport, das er im Oktober gemeinsam mit MV-Landestrainer Christian Morales in Potsdam aufnahm. "Im Moment schlagen wir uns mit Projektmanagement und sportmedizinischen Grundlagen herum. Und im März stehen erste Prüfungen an", verrät Zbik.

Sebastian Sylvester

Noch einmal die Schulbank zu drücken, das hat auch Sebastian Sylvester auf der Agenda. Ob der 31-Jährige seine Trainerlizenz aber mehr nebenbei oder sozusagen hauptberuflich bauen wird, das weiß er momentan offenbar selbst noch nicht genau. Auch wenn es vor vier Wochen schon einmal durch die Medien geisterte, "eine Entscheidung über die Fortsetzung von Sebastians Karriere gibt es noch nicht. Sowohl er als auch unser Sauerland-Stall sind noch am Überlegen", sagte gestern am Telefon Trainer Karsten Röwer, der selbst aber eher auf ein Karriereende tippen würde.

Zweimal in Folge hatte Sylvester zuletzt bekanntlich verloren. Im Mai seinen WM-Titel nach Punkten an den Australier Daniel Geale, dann im Oktober durch verletzungsbedingte Aufgabe in der 3. Runde die EM-Chance gegen den bereits erwähnten Proksa. So wolle er eigentlich nicht abtreten, hatte Sebastian Sylvester Anfang Dezember dem Radiosender NDR.1 gesagt. Gestern war er selbst für eine weitere Stellungnahme leider nicht zu erreichen. Doch wenn er sich zum Weitermachen entschließen sollte, kann er weiter auf Karsten Röwer zählen. "Sebastian entscheidet. Wenn er weitermachen will, stehe ich ihm gern zur Seite", sagt der 49 Jahre alte Coach.

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