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Erzählen Sie Ihre Geschichte : Wie war das, als die Mauer fiel?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute vor 53 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Vor 25 Jahren fiel sie. Wir suchen Mauergeschichten.

svz.de von
erstellt am 13.Aug.2014 | 12:00 Uhr

28 Jahre lang war sie das Sinnbild der deutsch-deutschen Teilung: die Berliner Mauer. Bis zu ihrem Fall 1989. Gehörten Sie zu den Familien, die durch den Mauerbau getrennt wurden?  Waren Sie 1989 dabei, als die Mauer fiel? Gibt es Dinge, die Sie aus DDR-Zeiten vermissen, die erhaltenswert gewesen wären? Was fingen Sie mit der neuen Freiheit an? Erzählen Sie uns Ihre  persönliche Mauer-Geschichte. Schreiben Sie an  Gutenbergstr.1, 19061 Schwerin oder per  E-Mail an leserbrief@medienhausnord.de

Die Wende in Ost und West:

Reisetrend: Heimatliebe  und Flucht über Ungarn

Seen, Mittelgebirge, Alpen – die Westdeutschen machen 1989 vor allem Urlaub im eigenen Land. Immer mehr Erholungssuchende legen laut Branchenbeobachtung Wert auf ein faires Preis-Leistungsverhältnis und intakte Natur. Experten sehen darin eine Reaktion vieler Menschen auf hohe Preise, Umweltprobleme und Bausünden in den Urlaubsländern rund um das Mittelmeer. Diese Urlaubsziele blieben DDR-Bürgern  - bis auf wenige Ausnahmen (Jugoslawien) - verwehrt. 

Die Mehrheit der Ostdeutschen verbringt den Urlaub an Ostsee und Seenplatte. Auch Osteuropa ist  beliebtes Reiseziel. Im Wendejahr nutzen Tausende ihren Ungarn-Urlaub zur Flucht über Österreich gen Westen, kehren zum Ferienende nicht in die Heimat zurück.

Autos: Mehr PS unter der Motorhaube

Die Deutschen lieben schnelle Autos. 1989 stellt Opel auf der IAA in Frankfurt/Main seinen Sportwagen „Calibra“ mit Motoren von zunächst 115 und 150 PS vor. Bei Preisen von etwa 33 000 D-Mark beschleunigt die schwächere Version locker auf bis zu 200 Stundenkilometer. Bei den Verkaufszahlen rangiert in der Bundesrepublik nach wie vor der VW Golf auf Platz eins.

Ein bisschen Volkswagen gibt es aber auch für DDR-Bürger: Durch eine Kooperation mit dem Konzern aus dem Westen von 1988 an erhält der damals mehr als 20 Jahre alte Wartburg 353 einen 58 PS starken 1,3-Liter-VW-Viertaktmotor. Der Wartburg 1.3 kostet 30 000 statt vorher 20 000 Mark und  ist im Wendejahr ein Hingucker – aber nur kurz. Denn ab 1990 fluten West-Autos die DDR.

Magazine:  „Zonen-Gaby“ und „Playboy-Anja“

Die unbedarfte, glückliche – und fiktive – „Zonen-Gaby (17)“ lächelt vom November-Titel der westdeutschen Satirezeitschrift „Titanic“. In ihrer Hand hält sie eine halb geschälte Gurke, daneben steht: „Meine erste Banane“. Das Cover wird Kult. Jahre später erzählt die reale Frau hinter der „Zonen-Gaby“, sie habe für das Foto 300 D-Mark bekommen.

In einem anderen Fall bleibt unbekannt, wie viel Geld floss: Eine 21-jährige Zahnarzthelferin aus Magdeburg wird im Dezember als das erste DDR-Playmate vorgestellt. Sie will mit den Aufnahmen im „Playboy“ zeigen, „dass wir auch nicht alle graue Mäuse sind“. Ihr Fotograf bescheinigt ihr „geballte Natur“ – sie sei nicht so „überstylt“ wie die Mädchen im Westen.

Werbung: Kondome und ein neuer Markt

Fußball mit Gummi: Der Bundesliga-Absteiger FC Homburg darf Trikotwerbung für die Kondommarke „London“ machen. Im Februar 1989 beendet das Landgericht Frankfurt damit  den Streit zwischen dem Verein und dem Deutschen Fußball-Bund. Der Verband war der Meinung, die Reklame verstoße gegen „Ethik und Moral“. 

Soweit geht es in der DDR noch nicht. Dort hält Werbung erst einmal in den grundlegenden Ecken Einzug: Von Ende November an können Westfirmen in einigen Medien Anzeigen schalten. In der Tageszeitung „Junge Welt“ mit einer Auflage von rund 1,5 Millionen kostet eine Seite 9700 D-Mark. Fernsehwerbung sollte nach dem Ende der „Tausend Tele Tips“ 1976 erstmals wieder von 1990 an laufen.

Irrtümer: Politiker sind keine Propheten

„Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben.“ DDR-Staatschef Erich Honecker (l.) ist sich im Januar 1989 ganz sicher, dass es die Mauer noch lange gibt. Knapp zehn Monate später beginnt der „antifaschistische Schutzwall“ zu bröckeln.

Im Westen macht die Wiedervereinigung einem  anderen Großprojekt einen Strich durch die Rechnung: Im Dezember gibt die Bundesregierung grünes Licht für den Bau einer Transrapidstrecke zwischen den Flughäfen Düsseldorf und Bonn. Mit der Magnetschwebebahn sollen Fluggäste in 15 Minuten befördert werden können, so der damalige Bundesverkehrsminister Friedrich Zimmermann (CSU) Nach der Wende wird der Plan fallen gelassen.

Humor: Unfreiwillige Lacher und Blödeleien

In der Bundesrepublik geht Entertainer Hape Kerkeling (l.) mit seiner ersten Live-Show an den Start. „Total Normal“, wie der Titel verheißt, ist darin eigentlich nichts: Dämlich und entlarvend sind in den kommenden zwei Jahren seine Nummern als falsche niederländische Königin Beatrix oder als Dada-Opernsänger mit dem Lied „Hurz“.

In der DDR läuft Helga Hahnemann in der 100. Jubiläumsshow „Ein Kessel Buntes“ zur Höchstform auf: Mit ihrem Partner Alfred Müller kommt es in einem Justiz-Sketch zu einigen unfreiwilligen Lachern. Als der Richterhammer versehentlich zerbricht, kommt Hahnemann kurz aus dem Konzept, kommentiert aber geistesgegenwärtig: „Das ist genau wie bei meinem Ollen im Betrieb.“

Konzerte: Protestsongs und Techno-Beats

Das „Konzert gegen Gewalt“ lässt die völlig überfüllte Ost-Berliner Erlöserkirche aus allen Nähten platzen. Bands wie Karat, City, Pankow oder Silly drücken Mitte Oktober 1989 ihre Solidarität mit friedlichen Demonstranten und Reformbefürwortern aus – ein Höhepunkt des Aufbegehrens im Revolutionsherbst in der DDR. In West-Berlin wird der Weg zur Welthauptstadt der Technoszene geebnet: Am 1. Juli trommelt DJ Dr. Motte auf dem Kurfürstendamm knapp 150 Raver zur ersten Love Parade zusammen – unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist der Zug als offizielle Demonstration angemeldet. Die jährliche Veranstaltung endet 2010 nach einer Katastrophe mit 21 Toten in Duisburg.

Küche: Snob-Kartoffel   und Menschenhandel

1989 gilt als das „Comeback der Kartoffel“: Die besten Pariser Köche sind verrückt nach der nordfranzösischen Sorte „La Ratte“. Die kleine, längliche Spätkartoffel mit ihrem besonders feinen Geschmack und einem Hauch von Haselnuss geriet seit dem Ersten Weltkrieg in Vergessenheit. In der Bundesrepublik gilt „La Ratte“ als teure „Snob-Kartoffel“ – für bis zu vier Mark pro Kilo.

Auf der anderen Seite der Mauer macht ein „Mitropa“-Speisewagen-Koch Schlagzeilen: Er sei in Budapest mit Mentholzigaretten betäubt und nach Wien entführt worden. Die Story sollte zeigen, dass Flüchtlinge nicht wegen Problemen in der DDR, sondern durch gezielte Abwerbung von Menschenhändlern in den Westen gingen. Später erklärt der Koch, dass er in Absprache mit der Staatssicherheit alles erfunden habe.

Fernsehen: „Elf 99“ und  „Schwarzwaldklinik“

Während Harry Wijnvoord mit seiner RTL-Rateshow „Der Preis ist heiß“ den Spieltrieb der Zuschauer kitzelt, erscheint Günter Strack als Pfarrer Kempfert in der ZDF-Serie „Mit Leib und Seele“ auf den Bildschirmen. Die Türen schließt nach vier Jahren hingegen der ZDF-Quotenrenner und Zuschauerliebling „Die Schwarzwaldklinik“.

Im Fernsehen der DDR startet im September „Elf 99“. Das Jugendmagazin wird zum kritischen Chronisten der Wende – unter anderem mit investigativen Reportagen über die bis dahin abgeschottete Politbürosiedlung in Wandlitz oder die SED-Urlaubsresidenz auf der Ostseeinsel Vilm. „Elf 99“ erreicht schnell Kultstatus, bekommt noch im gleichen Jahr einen „Bambi“ und läuft noch bis 1994 auf verschiedenen Sendern.

Kunst: Riesengemälde und Dali-Tod

Einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts stirbt im Januar 1989 in der spanischen Stadt Figueras – Salvador Dalí (84). Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt von Mai bis Juli die erste größere Dalí-Ausstellung in der Bundesrepublik seit 18 Jahren. Ursprünglich als Hommage zum 85. Geburtstag des Surrealisten geplant, werden 350 Werke aus allen Schaffensphasen des spanischen Malers präsentiert.

In der DDR wird im September nach mehr als zehn Jahren Arbeit das damals wohl größte Gemälde der Welt der Öffentlichkeit übergeben. Die Rede ist von Werner Tübkes „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“. Das Bauernkriegspanorama ist 123 Meter lang und 14 Meter hoch. Seit 1989 befindet es sich im eigens dafür errichteten Panorama Museum im thüringischen Bad Frankenhausen.

Kino: Mal klamaukig, mal anarchisch

Mit seinem dritten Film „Otto - Der Außerfriesische“ lässt Komiker und Grimassenschneider Otto Walkes im Sommer 1989 die westdeutschen Kinokassen klingeln. Er ist in einer Doppelrolle als pfiffig-dummer Otto und dessen schwuler Bruder Benno zu sehen.

In der DDR kommt ein lange Zeit im Tresor verschwundener Film erstmals wieder auf die Leinwand: Frank Beyers Adaption des Romans „Spur der Steine“ von Erik Neutsch. In dem sozialistischen Opus machen Manfred Krug als Hannes Balla und seine anarchistisch auftretende Baubrigade geradezu parabelhaft die Grundprobleme der SED-Planwirtschaft deutlich. Seine Premiere 1966 überlebt der Film bis zu seinem Verbot nur drei  Tage. 1990 wird der Film auf der Berlinale gezeigt.

Technik: Das Fernsehen soll besser werden

Neues aus der Welt der Fernsehtechnik: In der DDR kommen Ende September 1989 erstmals Videorekorder in die Läden. Zuvor gab es importierte Geräte nur in Intershops gegen harte Westwährung. Ein Rekorder des japanischen Herstellers Sanyo kostet stolze 7350 DDR-Mark – knapp ein halbes Durchschnitts-Jahreseinkommen. Eine Leerkassette gibt es für 90 Mark.

In der Bundesrepublik haben hingegen schon mehr als 43 Prozent der Haushalte eines von rund 600 verschiedenen Videorekorder-Modellen – hier bekommt man die billigsten für unter 1000 D-Mark. Auf der Internationalen Funkausstellung in West-Berlin ist hochauflösendes Fernsehen das meistdiskutierte Thema. Europäische Hersteller wollen den Japanern bei der HDTV-Entwicklung entgegentreten.

Mode: Bermudas, Leggins und Radlerhosen

Lässig und bequem – so zeigt sich die Mode 1989 in Deutschland. Zu den Trendfarben gehören Pastell- und Erdtöne. Bei den Frauen ist der wadenlange, durchsichtige Chiffonrock sehr beliebt. Auch Hosenanzüge kombiniert mit weiten Pyjama-Hosen und kurzen Jäckchen sowie Bermudas, Leggins oder Radlerhosen liegen voll im Trend.

Die Herrenmode steht im Zeichen des Bequemen. Bei Anzügen werden fließende Linien bevorzugt. Stoffe sollen weich und geschmeidig sein. Auf der alternativen Modemesse „Offline“ in Berlin geben 27 DDR-Designer ihr Debüt im Westen. Über den Laufsteg gehen Models in schrillen Outfits, die westlichen Kreationen in nichts nachstehen.

Literatur: Das Jahr der politischen Schriftsteller

Die deutsche Literaturszene ist 1989 von den politischen Umständen geprägt. Im Westen zeigen sich Autoren wie Günter Grass, Walter Jens und Peter Schneider solidarisch mit ihrem britisch-indischen Kollegen Salman Rushdie, den der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini wegen seines Romans „Die satanischen Verse“ für vogelfrei erklärt hatte.

In der DDR sind Proteste das Thema der Stunde: Bei der Kundgebung auf dem  Alexanderplatz sprechen am 4.November Autoren wie Christa Wolf, Heiner Müller und Christoph Hein vor knapp 500000 Demonstranten. Stefan Heym sagt: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, (...) von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und bürokratischer Willkür.“ 

Architektur: Historismus und gebrochene Strukturen

Mit dem Designmuseum des Möbelherstellers Vitra (l.) wird im südbadischen Weil am Rhein im November 1989 ein architektonischer Hingucker eröffnet. Der 2,5 Millionen D-Mark teure Bau aus Kuben und geschwungenen Elementen ist das erste Gebäude des kalifornischen Baumeisters Frank Gehry in Europa – und versteht sich selbst als Kunstwerk.

 In Ost-Berlin wird im Februar mit der Eröffnung des Knoblauchhauses der Wiederaufbau des historischen Nikolaiviertels abgeschlossen. Das 230 Jahre alte, nach seinem Erbauer Johann Christian Knoblauch benannte Gebäude ist das einzige erhaltene Haus des alten Berliner Stadtkerns am Originalstandort nahe der Nikolaikirche.

Sport: Boxring und Tennisrasen

 Der damalige Amateurboxer und amtierende Olympiasieger Henry Maske holt den ersten WM-Titel für die DDR. Bei den Weltmeisterschaften in Moskau kämpft sich der 25-jährige Sportstudent aus Frankfurt (Oder) mit einem 18:11-Punkterfolg gegen den kubanischen Titelverteidiger Pablo Romero zu Gold im Halbschwergewicht. 1990 wird Maske der erste DDR-Berufsboxer.

Das bundesdeutsche Sportjahr findet seinen doppelten Höhepunkt auf dem Tennisrasen von Wimbledon: Nach 1988 erspielt sich die 20-jährige Weltranglistenerste Steffi Graf gegen Martina Navratilova ihren zweiten Turniersieg in London. Der ein Jahr ältere Boris Becker holt gegen Stefan Edberg bereits zum dritten Mal die Grand-Slam-Trophäe. 

Feiern: Zünftigkeit und Realitätsverlust

Runde Jubiläen gibt es 1989 in Hamburg und München: Im Mai feiert die Hansestadt den 800. Geburtstag ihres Hafens.  In der bayerischen Landeshauptstadt stehen im Sommer zwei Jubiläen an: „O’zapft is“ heißt es zuerst zum 400. Geburtstag des Hofbräuhauses. Mittelalterliche Zunftbrüder, Marktschreier und Gaukler feiern die Gründung der Brauerei durch Herzog Wilhelm V. Kurz danach begehen die Münchner den 200. Jahrestag ihres Englischen Gartens.

Auf der anderen Seite der Mauer feiert das wirklichkeitsfremde DDR-Regime im Oktober den 40. Jahrestag seines Staates. FDJ-Fackelzug und Militärparade sind aber nur noch Fassade. Die Proteste auf den Straßen werden immer lauter.

 

Unser Redakteur Holger Kankel erinnert sich:

Troja,  Oma & die Mauer

Als die Mauer gebaut wurde, bereitete ich mich noch zwei Jahre auf meine Geburt vor.

Als die Mauer fiel – eigentlich müsste man ja sagen, als die Mauer gestürmt, gestürzt, geöffnet oder durch die Verhältnisse außerhalb Berlins und der DDR ihrer Absurdität verlustig ging – als also die Mauer fiel, schlief ich tief und fest. In der „Heldenstadt“ Leipzig. Wobei ich nicht zu den Helden gehörte. Prüfungen und eine Liebe waren wichtiger. Und die demonstrierenden Sachsen auf dem Ring machten mir Angst. Ein bisschen peinlich waren sie mir damals auch. (Der Dichter Heiner Müller erzählte später von dem westdeutschen Geschäftsmann, der aus dem Hotel Merkur eine Montagsdemo beobachtete. „Wir sind das Volk“, hörte er von unten auf der Straße die freundlichen ostdeutschen Wutbürger rufen. Sein Kommentar: „Das sollt ihr auch bleiben.“)

Mit Freunden hatten wir in der Nacht des Mauerfalls in meiner Dachwohnung in der Leipziger Feuerbachstraße die ganze Nacht ein Theaterstück von Ephraim Kishon geprobt und nichts von der Welt draußen mitbekommen. Wir probten die Farce „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht“. Was ja irgendwie prophetisch war.

Als ich am Morgen den Sternrecorder anschaltete, registrierten meine benebelten neuronalen Netze etwas von jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer und Trabis in Westberlin. Aufgeregte, kindliche Freude drang aus dem Äther. Der Radiosender DT 64 war zu jener Zeit schon mutiger geworden. Also glaubte ich, etwas Satirisches zu hören. Es war keine Satire. Nicht einmal Realsatire. Oder vielleicht doch?

Unsere Kishon-Inszenierung kam übrigens nie aus dem Probenstadium heraus. Aber ein paar Monate nach jener verpennten historischen Nacht fuhr auch ich mit der S-Bahn rüber nach Westberlin. Von den 100 D-Mark Begrüßungsgeld, für das ich mich gierig schämte, kaufte ich ein Bier, eine Bockwurst und ein paar Bücher. Und eine Theaterkarte für die „Schaubühne“ für unglaubliche 60 DM. Sie spielten die legendäre Inszenierung von Peter Steins „Kirschgarten“. Am Ende des Stücks steht der alte Diener Firs vergessen an der Rampe, aus dem Bühnenhintergrund bricht ein blühender Kirschzweig durch eine Mauer aus Glas.

Das alles ist nun 25 Jahre her, und das Land, in dem ich geboren bin, nicht mehr von dieser Welt, wie der Liedermacher Wenzel singt. Die Erinnerungen verblassen und werden immer mehr wie die Mythen um Troja zu Legenden, Lügen und Halbwahrheiten. Nachdem die Griechen die Mauern von Troja durch einen miesen Trick bezwungen hatten, konnten sie, wie alle Sieger der Geschichte, die Deutungshoheit über das Vergangene übernehmen. Seltsamerweise bricht selbst unter Freunden aus der Ehemaligen gelegentlich Streit aus um banalste Alltagsfragen wie der, ob es bei uns immer ausreichend Fleisch gegeben hat.

Was   mag  man  wohl  am  125. Jahrestag des Mauerbaus über diesen Tag und die Jahrzehnte davor und danach sagen?

Am Tag, als die Mauer gebaut wurde, saßen die Gäste meiner Großmutter, die am 13. August Geburtstag hatte, bei Kuchen und Likör zusammen. Plötzlich stürzte jemand ins Zimmer: „Die bauen in Berlin eine Mauer.“ Später, als Rentnerin, durfte meine Oma in den Westen reisen. Ich wünschte mir Spielzeugindianer. Sie hat mir leider keine Indianer, sondern nur einen Piraten mitgebracht aus dem geheimnisvollen Land hinter der Mauer.

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