Arzneimittel-Tests in der DDR : Wie viele Testpersonen gab es?

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Westdeutsche Pharmafirmen sollen in der DDR mehr als 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben haben. Nun will die Bundesregierung die Fälle untersuchen und Entschädigungsmöglichkeiten prüfen.

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13. Mai 2013, 06:43 Uhr

Berlin | Die Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen an DDR-Patienten sollen nach dem Willen der Bundesregierung umfassend untersucht werden. "Die vorliegenden Fakten müssen rückhaltlos untersucht und die Hintergründe aufgeklärt werden", sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU) der "Mitteldeutschen Zeitung". Die Bundesregierung habe Kontakt zu Gruppen, die die Vorwürfe wissenschaftlich untersuchen wollen, und es seien die Finanzierungsmöglichkeiten geprüft worden.

An einer weitgehenden Aufklärung habe auch die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ein großes Interesse, bekräftigte Sprecherin Dagmar Hovestädt.

Am Wochenende hatte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, das Ausmaß der Arzneimittel-Tests sei vermutlich größer als bisher bekannt. In mehr als 50 Kliniken sollen über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben worden sein. Mehr als 50 000 Menschen sollen als Testpatienten gedient haben. Für einzelne Studien seien viele hunderttausend D-Mark gezahlt worden.

Die Staatssicherheit habe die Tests in die Wege geleitet und für den Devisenfluss gesorgt, sagte Hovestädt. Auch für die Vertuschung von Todesfällen habe die Stasi gesorgt. Akten mit Details zu den medizinischen Untersuchungen lägen der Stasi-Unterlagen-Behörde aber nicht vor. Diese seien vielmehr in den Krankenhäusern, im Bundesarchiv und im Archiv des Bundesgesundheitsministeriums zu finden, betonte Hovestädt.

In Berlin hat der Charité-Historiker Volker Hess bereits am Wochenende angekündigt, die Vorgänge zu untersuchen. Als Hilfe für die damaligen Patienten forderte die Thüringer Linke einen Entschädigungsfonds, den die beteiligten Pharmafirmen finanzieren.

Der stellvertretende Chef der Unions-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz (CDU), verlangte in der gleichen Zeitung eine Erklärung der westlichen Arzneimittelfirmen. Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen sei, stelle sich die Frage nach Schadenersatz und Ausgleichszahlungen.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, forderte die Pharmakonzerne zu einer rückhaltlosen Offenlegung der Vorgänge auf. "Wer Menschen, die sich nicht wehren können, als Versuchskaninchen missbraucht, handelt inhuman. Die Firmen müssen wenigstens nachträglich für Aufklärung sorgen", erklärte Knabe in Berlin.

Das Bundesgesundheitsministerium verfügt nach eigenen Angaben über keine aktuellen Zahlen, die über das Ausmaß von Medikamententests in der DDR Auskunft geben. Eine Sprecherin verwies am Montag auf eine 1991 im Auftrag des Berliner Senats angefertigte Expertise, wonach es damals "keine Hinweise auf Rechtsverstöße" gab.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums unterstrich die Notwendigkeit neuer Studien, wie sie die Berliner Charitè plant. Eine Beteiligung an der Finanzierung werde geprüft.

Nach einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) waren allein im heutigen Thüringen mindestens sechs Hochschulen und Krankenhäuser an den Tests beteiligt, darunter die Uni-Klinik in Jena. Nach Angaben des Medizinhistorikers Rainer Erices, der die Vorgänge im Auftrag der Thüringer Stasi-Landesbeauftragten untersucht, ist es dabei in mehreren Fällen zu Todesfällen gekommen.

Laut Erices haben in den 80er Jahren etliche Firmen aus der ganzen Welt ihre Medikamente gegen Devisen in der DDR testen lassen.

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