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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 00:47 Uhr

Football in MV : Wie Schach und Boxen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute großes Finale des Super Bowls. Schwere Jungs, hartes Training und großer Zusammenhalt: Auch in MV wird Football gespielt. Ein Besuch bei den Rostock Griffins

svz.de von
erstellt am 07.Feb.2016 | 09:00 Uhr

Falk Kunert pocht dreimal mit der Faust auf seinen Kopf. Er lässt eine kurze Pause, bevor er die rechte Hand über die linke wischt, als würde er Karten austeilen. Dann greift sich Kunert kräftig in den Schritt. Etwa 25 Männer in weißen T-Shirts stehen vor ihm und nicken. Sie verstehen die Gebärden, bilden zügig eine Formation, die von oben aussieht wie der Buchstabe T. Nach ein paar Anweisungen auf Englisch beginnt der Spielzug. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis sich die Spieler abklatschen. Alles hat funktioniert. Eine perfekte Choreographie, einstudiert wie die Eröffnung eines Schachspiels.

Zwei Stunden zuvor steht Christopher Kuhfeldt im Eingangsbereich der Rostocker Sporthalle am Warnowdamm. Er ist Trainer der Rostock Griffins, eine von fünf Football-Mannschaften in Mecklenburg-Vorpommern. Kuhfeldt trägt einen weiten Pullover, vor seinem Bauch baumeln Stoppuhr und Trillerpfeife. In wenigen Minuten beginnt das Training. Nach und nach trudeln die Spieler ein. Sie begrüßen ihn freundlich per Handschlag, fast schon ein wenig ehrfürchtig. Football sei in Deutschland schon immer beachtet worden, sagt er, „aber was seit ein paar Monaten abgeht, war nicht zu erwarten.“ Der liebste Sport der Amerikaner: Er erobert das Land des Fußball-Weltmeisters.

Das diesjährige Finale ist die 50. Ausgabe des Super Bowls. Er findet in Santa Clara bei San Francisco statt. Die Denver Broncos treffen auf die Carolina Panthers. TV-Hinweis: Sonntag, 23.15 Uhr, Sat.

Seit letztem September überträgt die Prosieben-Sat1-Gruppe Football-Spiele aus den USA. Jeden Sonntag, meist tief in der Nacht, nicht selten enden die Partien, wenn für viele der Wecker klingelt. Die Quoten? Schießen trotzdem durch die Decke. Bisweilen erreichen die Übertragungen über 20 Prozent Marktanteil, mehr als eine Million Zuschauer. Und am Sonntag ist der Super Bowl. Das größte Einzelsportereignis der Welt, in Amerika ein Feiertag. Weltweit werden mehr als eine Milliarde Zuschauer vor dem Fernseher sitzen. Für die Griffins ist all das ein Geschenk. Noch vor Jahren sei es schwierig gewesen, Leute für den Football zu begeistern. Die neuerliche TV-Präsenz sorgt dafür, dass die Rostocker fast wöchentlich neue Spieler begrüßen.

Kuhfeldt blickt auf seine Stoppuhr. Ein kurzes Zeichen genügt, dann versammeln sich rund 50 Männer um den Trainer. Kuhfeld umreißt das bevorstehende Training. Es ist still, die Spieler hängen an seinen Lippen. Autorität ist im Football elementar, schon alleine wegen der Mannschaftsstärke: Mit Trainern, Betreuern und Spielern zählt ein Team annähernd 100 Personen. „Das erfordert Disziplin“, sagt Kuhfeld, „vielleicht mehr als in anderen Sportarten.“ Bereits bei der Erwärmung tropft der Schweiß auf den Hallenboden. Die Spieler jagen sich quer über das Feld. „Und jetzt fangen die Raucher die Nichtraucher“, ruft Kuhfeldt. Gelächter. Eine kurze Trinkpause nutzen die Trainer und Betreuer, um einen Sprungparcours aufzubauen, der einige schon nach wenigen Durchgängen an die Grenzen bringen wird. „Football kann wirklich jeder spielen“, sagt Griffins Sportdirektor Ronny Schmidt. „Es gibt keine Gewichtsgrenze bei Spielern, alle bekommen einen Platz.“ Die großen Jungs bräuchte es in der Defensive, um den Gegner daran zu hindern, Punkte zu machen. Die schnellen und wendigen gehen in die Offensive. Anders als beim Fußball ist während eines Footballs-Spiels nur ein Teil der Mannschaft auf dem Platz: der Angriff oder die Verteidigung. Spezialeinheiten, Teams im Team. „Das ist für mich das Faszinierende am Football“, sagt Philipp Birkner. „Siegen kann man nur, wenn trotz der großen Anzahl von Spielern und der beiden Mannschaftsteile alle ihren Job machen.“ Das stärke den Zusammenhalt. Birkner spielt in der Defensive, wiegt bei knapp zwei Metern Körpergröße 114 Kilo. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, wie jeder, der in der Verteidigung eingesetzt wird. Die Offensive hingegen ist in weiß gekleidet.

Die wichtigsten Begriffe und Regeln

Yard Das ist eine Längeneinheit. Ein Yard ist etwas kürzer als ein Meter. Das Feld beim Football ist in Yards eingeteilt. Deshalb sind auf dem Spielfeld viele Linien zu sehen. Die Mannschaften versuchen, mit Ball vorwärtszukommen. Ziel ist die Endzone des Gegners am anderen Ende des Feldes.
Down Eine Mannschaft hat vier Versuche, um zehn Yards auf dem Spielfeld voranzukommen. Diese Versuche nennt man Downs. Schafft es die Mannschaft, bekommt sie erneut vier Versuche für die nächsten zehn Yards. Schafft sie es nicht, bekommen die Gegner den Ball.
Touchdown Diese Aktion bringt die meisten Punkte auf einmal. Für einen Touchdown  muss die Mannschaft den Ball in die Endzone bringen. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Ein Spieler kann den Ball in die Endzone des Gegners tragen. Oder er fängt den Pass eines Mitspielers in dem Bereich.

Im Frühjahr beginnt für die Griffins die neue Saison. Das Ziel: Der Aufstieg in die zweite Bundesliga, den sie vor ein paar Monaten erst in der Relegation verpassten. Die Rostocker seien hierzulande momentan das Aushängeschild, sagt Dirk Dormann, Präsident des Football-Verbandes MV, „aber auch in anderen Städten im Land ist Football keine Randerscheinung mehr.“ In Brandenburg ist Trend ebenso zu erkennen. Vereine gibt es in Cottbus, Eberswalde, Erkner, Frankfurt/Oder, Brandenburg, Potsdam, Ruppin und Schwanebeck. Die Royals aus der Landeshauptstadt spielen bereits in der zweiten Liga.

Trainer Kuhfeldt beendet die Einheit auf dem Sprungparcours mit einem Pfiff. Ein paar Anweisungen, dann wird in Gruppen trainiert, Offensive und Defensive voneinander getrennt.

Während sich die Verteidiger wie im Judo gegenseitig auf die Matten schmeißen, trainiert der Angriff Spielzüge. Wichtigster Mann ist Michael Bensch, Quarterback der Griffins, eine Art Spielmacher, der verlängerte Arm der Trainer. Beginnt in der Offensive eine Aktion, fängt er den Ball und verteilt ihn an seine Mitspieler oder bedient sie per Pass, um der gegnerischen Endzone Stück für Stück näher zu kommen. Alle Angriffe sind einstudiert, niedergeschrieben im sogenannten Playbook, das jedes Mitglied der Griffins auswendig können muss. Eine Taktikbibel, bestehend aus unterschiedlichen Laufwegen, Finten und Formationen. „Es ist der Heilige Gral einer jeden Football-Mannschaft“, erklärt Sportdirektor Schmidt. Bei den Griffins erhalten die Neulinge das Playbook erst, wenn sie ihren Spielerpass unterschrieben haben. Vorher herrscht Geheimhaltung. Frank Kunert leitet die Offensive, ist der Gralshüter der Griffins. Von der Seitenlinie sagt er jeden Spielzug per Gebärdensprache an. Pochen, Wischen und in den Schritt in Greifen – schon wissen seine Spieler, was sie zu tun haben. Es fordert Körper und Geist, in der Hektik des Spiels jedes Detail der Gebärden zu verstehen. Nur eine kleine Abweichung vom Plan, ein falscher Lauf oder eine falsche Bewegung und der Angriff ist hinüber. „Football“, sagt Verteidiger Stefan Harnack, „ist für den Kopf so anspruchsvoll wie Schach und für den Körper so anstrengend wie Boxen.“ Zum Abschluss des Trainings bittet Trainer Kuhfeldt die Mannschaft, sich in der Halle zu verteilen. Je zwei Spieler bilden ein Team. Sie machen die Schubkarre: Einer hält die Beine des anderen und geht in die Kniebeuge, danach folgt der Partner mit einem Liegestütz. Ist ein Pärchen fertig, ruht es sich nicht aus, sondern schaut, wer Probleme hat. Sie feuern an und klatschen. Solange, bis die Torturen überstanden sind.

Danach versammeln sich die Griffins im Mittelkreis. Sie ballen ihre Hände zu Fäusten, recken sie in die Luft und schreien: Team! Das nächste Training kann kommen.

Kuriose Fakten

  • Popcorn & Chips: 50 Millionen Dollar für das Essen, nur wegen des Super Bowls – die Amerikaner langen zu: 4000 Tonnen Popcorn und 14 000 Tonnen Chips. 
  • Bier: Zum Football gehört das ein oder andere Gläschen Bier: Während des Super Bowls trinken die Amerikaner 120 Millionen Liter Bier.
  • Chicken Wings: Chips, Bier und Popcorn – reicht einfach noch nicht aus. Zum Super Bowl werden in Amerika 1,3 Milliarden Chicken Wings verspeist.
  • Kopfschmerztabletten: Wer Spaß hat, muss leiden: Am Montag nach dem Super Bowl verkaufen die US-Apotheker 20 Prozent mehr Kopfschmerztabletten.
  • Tickets: Letzte, teure Chance: Wer noch den Super Bowl noch live erleben möchte, muss flüssig sein. Die Preise reichen von 5000 bis 450 000 Dollar.
  • TV-Spots: Die teuersten Werbeflächen der Welt. Ein 30-Sekunden-Spot während des Super Bowls kostet rund fünf Millionen Dollar. 
  • Zuschauer: Alleine in den USA verfolgen über 100 Millionen Zuschauer den Super Bowl an den TV-Geräten. Weltweit sind es mehr als eine Milliarde.
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