Lebensmittel : Wie regional ist regional im Verkaufsregal?

Direktvermarktung  für regionale Produkte: Der Geschäftsführer der Landwirte GmbH in Putlitz, Karl-Georg Ferber, setzt auf die „Kartoffelbox“.
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Direktvermarktung für regionale Produkte: Der Geschäftsführer der Landwirte GmbH in Putlitz, Karl-Georg Ferber, setzt auf die „Kartoffelbox“.

Im Trend: Verbraucher fordern Lebensmittel mit Herkunftsnachweis / 30 Produktanträge für neues Regionalfenster aus MV

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28. Februar 2014, 21:12 Uhr

Karl-Georg Ferber spielen die Lebensmittelskandale der letzten Jahre in die Hände. Immer wieder neue Hiobsbotschaften aus dem Verkaufsregal, von Waren mit verbotenen Zusatzstoffen, von anonymen Herstellern, von kriminellen Produzenten – „der schlechte Umgang mit Lebensmitteln treibt die Kunden, mehr regionale Produkte in den Einkaufskorb zu legen“, weiß der Handelsprofi. Äpfel aus Südafrika, Erdbeeren aus Spanien, Fleisch aus Polen – immer mehr Menschen haben genug von den weit gereisten Lebensmitteln. „Die Verbraucher wussten in der Regel nicht, wo genau die Kartoffeln herstammen, die sie kaufen“, beklagt Ferber. Er und seine Bauern von der Landwirte GmbH im brandenburgischen Putlitz können es ihnen künftig genau sagen. „Wir setzen auf Herkunft“, meint der Geschäftsführer.

Herkunft, Regionalität, vom Bauern des Vertrauens: Mit ihrer Marktoffensive liegen Ferbers Landwirte im Trend. Fast jeder zweite Verbraucher entscheidet sich beim Kauf von Lebensmitteln immer oder zumindest häufig für Produkte, die in der Region angebaut werden, ermittelte das Statistische Bundesamt.

Ferbers Chance: In diesen Wochen beginnen 16 zur börsenotierten KTG-Gruppe gehörende Landwirtschaftsbetriebe u. a. im mecklenburgischen Karft nahe Wittenburg und im vorpommerschen Görke nahe Anklam, aus Brandenburg, Thüringen und Bayern unter der Marke „Die Landwirte“ ihre Produkte direkt zu vermarkten. Kartoffeln, verschiedene Müslis, Öl aus der konzerneigenen Ölmühle in Anklam, küchenfertige Kartoffel- und Gemüsegerichte vom eigenen Verarbeiter im thüringischen Ringleben: „Wir verarbeiten unsere eigenen Kartoffeln, unser Getreide, und wissen was drin ist“, erklärt der Chefvermarkter – für Ferber Regionalität. „Künftig sollen die Kunden am Leben der Bauern teilhaben können“, meint der Geschäftsführer – bald auch per Webcam an den Erntemaschinen der Landwirte.

Herkunftsnachweis im Verkaufsregal – die Kunden greifen immer öfter zu. Lebensmitteleinzelhändler haben das Geschäft längst erkannt: Alt-Mecklenburger-Käse aus Wismar, Gadebuscher Lungenwurst, Güstrower Orangenlimonade, Mecklenburger Bratwurst aus Gadebusch, Mecklenburger Fischtopf aus Schwaan, Mecklenburger Brotkiste aus Waren: Das Geschäft mit Regionalprodukten wächst. Berichten zufolge steigt der Umsatz an regionalen Lebensmitteln jährlich um drei bis fünf Prozent. Die Produkte aus der Speisekammer des Landes – „die sind gefragt“, weiß Günther Neumann, Chef des Agrarmarketing-Vereins Mecklenburg-Vorpommern und Geschäftsführer der Mecklenburger Backstuben in Waren. Doch Regionalität allein reiche nicht: „Preis, Leistung und Qualität müssen stimmen.“ Greifenfleisch aus Greifswald, Rostocker Wurstwaren: Die Kunden kennen die Produkte und ihre Qualität seit Jahren, meint Neumann: „Das zieht.“

Längst mischt auch der Handel mit eigenen Regionalmarken mit: „Unser Norden“ von der Konsumgenossenschaft Coop oder , „Unsere Heimat – echt & gut“ sowie „Gutfleisch“ vom größten deutschen Lebensmittelhändler Edeka – das Geschäft floriert. „Die Nachfrage unserer Kunden nach regionalen Produkten ist nach wie vor sehr groß“, erklärt Coop-Sprecherin Sabine Pfautsch. Und wächst weiter: „Der Anteil der regionalen Produkte in den Edeka-Märkten unserer Region hat sich erhöht und ist weiter steigend“, informiert Edeka-Sprecherin Marion Grundmann. Wie groß der Anteil regionaler Produkte tatsächlich am Sortiment ist, da lassen sich die Händler nicht in die Karten schauen. Sowohl Coop als auch Edeka machen keine Angaben, auch nicht zur Anzahl der regionalen Lieferanten.

Die Kunden kaufen trotzdem: Obwohl mit Regionalprodukten kaum Schnäppchen zu machen sind. „Die Produkte sind nicht zwingend preiswerter, überzeugen jedoch durch eine nachvollziehbare und für unsere Kunden glaubwürdige Prozesskette vom Anbau oder der Herstellung, über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung“, meint Pfautsch. Mit Einschränkungen: Denn regional heißt nicht in jedem Fall, dass beispielsweise auch alle Rohstoffe aus der Region kommen. Coop definiert seine Regionalmarke so: „Alle ,Unser Norden‘-Lebensmittel werden entweder in Norddeutschland produziert, veredelt oder verpackt“, erklärt Sprecherin Pfautsch – in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg, Hamburg, Berlin oder Bremen. Edeka garantiert indes, dass bei beiden Regionalmarken „die Produkte und Zutaten aus unserer Region stammen“, erklärt Unternehmenssprecherin Grundmann.

Für Klarheit in den Supermärkten soll künftig ein neues, bundesweit einheitliches zertifiziertes neues blaues Kennzeichen sorgen sorgen: Seit Januar können Verbraucher auf einem Regionalfenster auf einen Blick erkennen, welche Lebensmittel tatsächlich aus der auf der Verpackung angegebenen Region kommen – eine einheitliche und verlässliche Kennzeichnung für regionale Produkte, wirbt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Täuschungen mit Herkunftsangaben seien trotzdem nicht ausgeschlossen, da die Hersteller das Zeichen freiwillig verwenden können, warnt die Verbraucherorganisation Foodwatch. Verarbeiter und Händler machen trotzdem mit: Inzwischen seien etwa 900 Produktanträge eingegangen, erklärte Anna Völkle vom Trägerverein Regionalfenster e.V. – etwa 30 aus Mecklenburg-Vorpommern. Und so hat auch Edeka angekündigt, Regionalfenster auf die Produkte kleben zu lassen. Der Starttermin steht allerdings noch nicht fest.

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