zur Navigation springen

Einheits-Studie „Sind wir ein Volk?“ : Wie Ossis und Wessis ticken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

25 Jahre nach der deutschen Einheit sind die Bürger – trotz mancher Vorurteile – schon recht gut zusammengewachsen

Iris Gleicke ist eine Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt. Auch gestern, als sie als einzige Frau unter lauter Professoren die Einheits-Studie „Sind wir ein Volk?“ in der Berliner Landesvertretung von  Sachsen-Anhalt vorstellt, redet die Sozialdemokratin und Ost-Beauftragte der großen Koalition Klartext: „Das ist schon eine ziemliche Klatsche für uns Politiker“, sagt sie zum miesen Image ihrer Zunft im ganzen Land.

Viele Schüler, die im Publikum sitzen, ermuntert Gleicke, 25 Jahre nach der Wende zu Hause nachzuhaken: „Redet mit Euren Eltern und Großeltern, fragt sie, wie das damals war in diesen beiden Deutschlands.“ Ihr eigener Sohn, Jahrgang 1987, sagt Gleicke, fühle sich als „Wossi“.

Wie der Rest der vereinten Republik tickt, haben Wissenschaftler vom Zentrum für Sozialforschung in Halle nun für die Bundesregierung zusammengetragen:

Ausländerfeindlichkeit: Als die Anti-Islam-Bewegung Pegida in Dresden wochenlang Tausende Mitläufer mobilisierte und dort auch gegen Ausländer gehetzt wurde, hieß es vielerorts: Na klar, ist ja im Osten. Die Wissenschaftler zeichnen ein differenziertes Ost-West-Bild. Westdeutsche stimmten häufiger der Aussage zu, dass Ausländer Deutschland verlassen sollten, wenn Jobs knapp werden. Es wurden aber nur Daten bis 2012 verwendet – also vor Pegida und dem Streit um Flüchtlinge und Unterbringung. Der Satz „Die Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss“ wird bundesweit überwiegend verneint, obwohl die Werte mit der Zuspitzung des Nahost-Konflikts 2012 zunahmen. Und: „Generell sind antisemitische Grundhaltungen im Westen weiter verbreitet als im Osten.“

Demokratie: In Ost (82 Prozent) und West (90 Prozent) ist die Demokratie als beste Staatsform hoch angesehen. Geht es aber um den aktuellen Betrieb der parlamentarischen Demokratie, sinken die Zustimmungswerte auf 72 Prozent im Osten und 80 Prozent im Westen. Bemerkenswert ist, dass der erhebliche Demokratie-Frust der Ossis nach der Wende seit Mitte der 2000er-Jahre stetig abnimmt und sich der politischen Stimmung im Westen anpasst – 2014 waren die Ost-West-Unterschiede hier so klein wie niemals zuvor.

Parallel finden knapp 60 Prozent der Ost-Bürger, dass der Sozialismus eigentlich eine gute Idee ist, die in der DDR nur schlecht umgesetzt wurde.

Politisches Engagement: Regelmäßig wird über die Politikverdrossenheit der Bürger geschimpft. Die Studie jedoch zeigt „ein bemerkenswert hohes Niveau politischer Partizipation“. Politisches Interesse ist da, sei es über Bürgerdialoge, Kontakt zu Kommunalpolitikern, Boykott von Produkten oder Unterschriftensammlungen. Aber Vorsicht: Manchmal werden Meinungsforscher ausgetrickst. Würde man den Zahlen blind vertrauen, müsste es bei Bundes- und Landtagswahlen irre hohe Quoten von 84 bis 87 Prozent geben.

Parteien: Sie sind in beiden Landesteilen gleich unbeliebt – mit zwei Ausnahmen: Die „eigene“ Partei, die man gut findet und wählt, genießt beim Einzelnen plötzlich so hohes Ansehen wie Polizei und Gerichte, denen Ost- und Westdeutsche am meisten vertrauen. Auch Polit-Promis dürfen sich freuen: „Politiker als Klasse mag überhaupt niemand, aber jeder mag Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier“, erklärt der Stuttgarter Soziologe Oscar Gabriel.

Frauen und Familie: Frauen waren in der DDR im Berufsleben voll anerkannt – auch mit Kindern. Ein Netz an Kindergärten kümmerte sich ganztags um die Kleinen. Die Wessis haben seit 1990 einiges gelernt und aufgeholt, Männer und Frauen im Osten sind aber unverändert emanzipierter. An diesem Punkt wird aber auch gern geflunkert. Soziologe Gabriel: „Niemand sagt, ich bin gegen die Gleichberechtigung der Frau. Anders sieht das aus, wenn es um den Abwasch geht.“
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen