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Jugenstrafanstalt Neustrelitz : Wie oft weint deine Mutter deinetwegen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fünf Stunden pro Woche verbringen junge Straftäter beim Anti-Aggressivitäts-Training in der Jugendanstalt Neustrelitz

Orange, Grün, Rot, Orange. Auf dem Boden der Kapelle zeichnen die bunten Kirchenfenster einen Farbteppich. Die Sonne reflektiert von unten. Hinter den Fenstern ist ein vergitterter Weg. In der Jugendanstalt Neustrelitz liegen Licht und Schatten allerorts nahe beisammen.

„Das Lichtspiel habe ich noch gar nicht bemerkt“, sagt der Gefangenentrainer Steffen Bischof. Er sitzt locker auf einem der Kapellenstühle, den Bauch gegen die Lehne gepresst. Er ist ein Mann von 48 Jahren, 95 Kilogramm auf 1,72 Meter verteilt, Unterlippenbärtchen. Er ist ein Mann, dessen weiche Züge das Leben gehärtet hat. Er ist vierfacher Familienvater und seit 26 Jahren verheiratet. Bischof ist ein Mann, der keinen großen Unterschied zwischen Licht und Schatten mehr macht.


Selbst den Härtesten kommen die Tränen


„Das können wir hier aus Berufung nicht“, sagt er. Der Sozialpädagoge und Verhaltenstrainer bietet mit seinem Team im Jugendgefängnis für die verurteilten Straftäter des Landes ein Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) an. Acht Monate, fünf Stunden je Woche setzen sich zehn bis zwölf Teilnehmer hier mit ihren Ängsten, mit ihrer Wut und mit ihrem eigenen Verhalten auseinander. Und vor allem mit Steffen Bischof.

„Eine unserer schwersten Fragen ist, wie oft weint deine Mutter deinetwegen zu Hause?“ Selbst den Härtesten kommen bei dieser Frage die Tränen. Aber es geht beim AAT nicht ums Weinen. Die Häftlinge kommen auch, weil sie sich hier eine Hafterleichterung oder gar Haftverkürzung verdienen können. „Sekundäre Motivation“, nennt Bischof das. Und das Training, das in der kleinen Kapelle der Jugendanstalt statt findet, bringt ihnen diese Vorteile wirklich, wenn sie durchhalten. „Insgeheim sind die meisten hier, weil sie, genau wie wir, auf der Suche nach Respekt und Achtung sind“, sagt Bischof.


Die typische Gangsterlaufbahn


In seiner Trainerausbildung nach dem Studium für Soziale Arbeit in Neubrandenburg hat Bischof in den 90-ern Bekanntschaft mit der typischen Gangsterlaufbahn in dieser Region gemacht. Schon in seinem ersten Neustrelitzer Training war ein junger Mann dabei, nennen wir ihn Tim (18), der für die künftige Arbeit des Gefangenentrainers prägend war. „Tim ist mit Gewalt aufgewachsen. Er wurde von seinem Vater geschlagen und er hat oft Gewalt gegen seine Mutter und seine Geschwister miterlebt. Wenn der Alte blau war, gab es auf die Fresse. Mit sechs Jahren hat er dann gesagt, wenn ich die Körner habe, mach ich dich platt, Alter. Mit elf Jahren kam er dazu, als seine Mutter in der Küche vom Vater zusammengetreten wurde.“

Bischof erzählt und bemerkt nicht, dass die Sonne kein Muster mehr auf Boden zeichnet. „Dann greift Tim nach einem Besen und gibt es seinem Alten mit dem Stiel, bis er bricht. Krankenwagen, Polizei und so weiter. Aber der Vater übersteht das. Was hier passiert ist, in diesem Moment, prägt den Jungen für später. Tim ist Robin Hood geworden. Tim ist der Held, der seine Mutter gerettet hat, und Gewalt ist eine prima Möglichkeit, Gutes zu tun. Der prügelnde Vater hat Angst vor ihm. Wenig später setzt er Gewalt bereits vorsorglich ein, wenn er ahnt, dass etwas Schlechtes passieren könnte.“ Bischof hat die Geschichte, die er nachzeichnet, oft gehört.

Sieben Prozent der Jugendlichen im Land werden straffällig und wiederum sieben Prozent dieser Jugendlichen werden zu Haftstrafen verurteilt. In Neustrelitz sitzen derzeit 170 junge Menschen ein, und nicht wenige von ihnen sind Fälle wie Tim. „Die Zeit hier ist eine große Chance für die jugendlichen Täter. Das klingt nach Optimistengerede, aber ist so“, sagt Bischof. Die Jugendlichen seien aus ihrem unsozialen Umfeld raus. Sie hätten Zeit, sich mit sich selbst zu befassen und an sich zu arbeiten. „Worum es hier im Knast hauptsächlich geht, das ist Wertschätzung“, sagt er und lässt den Satz durch die Kapelle hallen.


„Keine Gewalt - mehr geht nicht!“


„Wenn du Selbstachtung hast, musst du nicht jedem gleich aufs Maul geben, wenn er deine Freundin ansieht“, sagt er in der Sprache seiner Klienten. Bischof trägt ein T-Shirt, auf dessen Rückseite seine letzten Klienten eine gemeinsame Botschaft gedruckt haben. „Keine Gewalt – mehr geht nicht!“, steht auf dem Shirt. Darunter die Namen der „Absolventen“, die in der Sporthalle bei der Abschlussprüfung des des Anti-Aggressivitäts-Trainings provoziert und beobachtet werden.


Aus Individualisten wird eine Gruppe


„Wenn du Selbstwert hast, dann musst du dir keinen Wert von außen erschaffen, in dem du gefürchtet oder beneidet wirst“, erklärt Bischof. Der Trainer und sein Team sehen die Menschen und ihre Taten getrennt voneinander. Es kommen nicht Mörder, Diebe oder Schläger zu ihm in den Kurs, sondern junge Leute, die andere ermordet, bestohlen oder geschlagen haben. „Diesen Unterschied spüren die Gefangenen beim ersten Treffen. Das spricht sich rum und dann können wir das machen, was wir am besten können. Aus einem Haufen oft aggressiver Individualisten eine Gruppe“, sagt Bischof. „Und das passiert alles in diesem Raum. Der hat wirklich schon viel erlebt“, meint er. In den 15 Jahren, die Bischof das Training schon leitet, hat es eines noch nie dabei gegeben: Körperliche Gewalt.

Er schiebt seinen Stuhl in der Kapelle wieder in die Reihe zurück, verlässt den Raum und schließt ab. Das Fenster wirft etwas zu Boden, das Licht oder Schatten sein könnte. Gibt es noch einen Unterschied?



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