STREITBAR : Wie normal ist Normalität?

Deutsch-jüdische Normalität: Ein bewaffneter Polizist sichert die Jüdische Synagoge an der Oranienburger Straße in  Berlin.
Deutsch-jüdische Normalität: Ein bewaffneter Polizist sichert die Jüdische Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte verhindert heute noch eine normale Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
19. Juli 2014, 15:50 Uhr

Einen der gruseligsten und schrecklichsten Momente der gerade vergangenen Fußball-Weltmeisterschaft gab es beim sogenannten „Public Viewing“ in der Halbzeit des Achtelfinales zwischen Deutschland und Algerien Ende Juni. Das ZDF hatte gerade aus dem brasilianischen Stadion ins Mainzer „heute journal“-Studio geschaltet. Spitzenmeldung dort war der nunmehr bestätigte Tod der drei israelischen Jugendlichen, die zweieinhalb Wochen zuvor entführt worden waren. Die Reaktion des Kneipenpublikums im fernen Norddeutschland war ein höhnisches, langgezogenes „ooooooooh“. Es war ein ganz normales deutsches fußballbegeistertes Publikum, das da seine tiefe Antipathie gegen Juden und gegen Israelis rausließ.

Eine solche Reaktion wäre völlig undenkbar, wenn die Opfer in dieser Nachricht nicht drei Juden aus Israel gewesen wären. Es ist aber so, dass der einzige jüdische Staat der Welt unter verschärfter und argwöhnischer Beobachtung steht, in Deutschland ganz besonders. Zwar hat die Kanzlerin die Sicherheit Israels als „unverhandelbar“ bezeichnet und sogar zur deutschen Staatsräson erklärt, doch man muss anzweifeln, dass sie ihrer Bevölkerung dabei aus dem Herzen spricht. Man muss auch anzweifeln, dass gegen diese deutsche Gefühlslage im Fall der Fälle deutsche Ressourcen für Israels Verteidigung mobilisiert werden könnten.

Vor zwei Jahren machten die Meinungsforscher von Forsa eine Umfrage. Die Ergebnisse: Mehr als zwei Drittel der Deutschen, nämlich 70 Prozent, stimmten der Aussage zu, dass Israel seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker verfolge. 59 Prozent sahen im Judenstaat ein „aggressives Land“. Nach den Regeln der Statistik wird der ein oder andere Leser dieser Kolumne leider gerade mit dem Kopf nicken.

In Gesprächen mit Freunden vermeide ich das Thema Nahostkonflikt mittlerweile, weil ich mich vor dem Unsinn fürchte, der dann auch von Leuten abgesondert wird, die sonst alle Tassen im Schrank haben und angenehme Zeitgenossen sind, mit denen ich mich gewöhnlich gerne umgebe. In Israel herrsche eine Kultur der alttestamentarischen Rache, heißt es dann gerne, das Land sei ein Apartheidstaat, wird messerscharf analysiert und wir Deutschen müssten uns doch davon frei machen, Israel und die Juden nicht kritisieren zu dürfen.

Das letzte Argument ist besonders perfide und kommt verlässlich, wenn es um Israel geht. Günter Grass und Martin Walser haben es salonfähig gemacht. Walser sprach 1998 in der Frankfurter Paulskirche von Auschwitz als „Moralkeule“ und Grass schrieb im April 2012 diese als Gedicht getarnten Zeilen, um zu erklären, warum er sich nie getraut habe zu sagen, dass Israel den Weltfrieden gefährde: „Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von einem nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.“

Walsers biologischer Sohn Jakob Augstein, der vom Spiegel-Gründer Rudolf Augstein als Sohn anerkannt wurde, bejubelte Grass' Gedicht so: „Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“ Wichtig sei der Text des greisen Grass' deshalb: „Es muss uns nämlich endlich einer aus dem Schatten der Worte Angela Merkels holen, die sie im Jahr 2009 in Jerusalem gesprochen hat.“ Augstein meinte Merkels Sätze zur deutschen Staatsräson.

Grass' Gedicht wurde im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckt, Augsteins Eloge auf Grass gab es bei „Spiegel Online“. Allein dieser prominent publizierte Vorgang zeigt, dass es mitnichten ein Tabu gibt, Israel und die Juden zu kritisieren. Sogenannte „Israel-Kritik“ findet überall statt, auch und gerade in den Leitmedien und natürlich bei Fußballfans. Begriffe wie „Holland-Kritik“ oder „Italien-Kritik“ gibt es hingegen gar nicht.

Es gibt auch keine „Moralkeule“ Auschwitz, sondern das Gegenteil. Wer darauf hinweist, dass es in Deutschland eine ins obsessive übersteigerte Lust an der „Israel-Kritik“ gibt, muss sich rechtfertigen und wird angegriffen. Invertierte Auschwitzkeule kann man das nennen.

Wir müssen doch zur Kenntnis nehmen, dass der Nahostkonflikt, der weit weniger blutig und grausam ist als etwa der Bürgerkrieg in Syrien oder die Exzesse von „Boko Haram“ in Nigeria und viele andere Krisen auf der Welt, überproportional viel Aufmerksamkeit und Empörung erfährt. Woche für Woche gibt es antiisraelische Mahnwachen in großen deutschen Städten, die Friedensbewegung verwendet den mit Abstand größten Teil ihrer Ressourcen auf den Staat im Nahen Osten, der so groß wie Hessen ist, und in Tel Aviv, Gaza und der Westbank stehen sich die Korrespondenten der internationalen Medien gegenseitig auf den Füßen rum.

Und dann sind da die vielen guten Ratschläge: Die Israelis müssten doch einfach nur auf die Palästinenser zugehen, heißt es. Würden die Siedlungen geräumt, wäre doch auf der Stelle Frieden, denkt es in vielen. Würde die Mauer abgebaut, wäre der Nahostkonflikt gelöst, wird gemutmaßt. Dass die Räumung des Gazastreifens im Jahr 2005 die Aggressionen gegen Israel aus dem Territorium verschärfte, wird dabei einfach übersehen, weil es nicht ins Bild passt.

Wir hier in Deutschland sind in allen Himmelsrichtungen umzingelt von Freunden. Unsere Nachbarn heißen Österreich, Belgien, Holland, Polen oder Dänemark. Keiner unserer Nachbarn trachtet uns nach dem Leben, will uns vernichten, wie es die Charta der Hamas vorsieht, der Organisation, die den Beschuss Israels aus dem Gaza-Streifen heraus organisiert und die Mitte der Woche einen Waffenstillstand ablehnte. Wir hier geraten gar nicht in die Situation, die Fehler machen zu können, die die Israelis in ihrer extrem komplizierten Lage zweifellos machen. Dennoch meinen wir, die Nachfahren der Täter des Zweiten Weltkriegs, den Nachfahren der Opfer gute Ratschläge geben zu müssen.

Israel ist ein Rechtsstaat, eine parlamentarische Demokratie mit Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung. Auf der anderen Seite steht die Hamas, eine Terrororganisation, die Abweichler hinrichtet und den Begriff Versammlungsfreiheit vermutlich nicht einmal kennt. Diesen grundlegenden Unterschied im Konflikt dieser beiden Parteien zu übersehen und einzuebnen, ist ressentimentgeladene Hysterie. Es ist ein hysterisches Selbstgespräch, in das gerade wir Deutsche stets verfallen, wenn es mal wieder zu einer Eskalation im Nahen Osten kommt. So zynisch es klingt: Der Holocaust dürfte die Gründung des Staates Israel begünstigt haben. Der Nahostkonflikt hat deshalb eine direkte Verbindung zur finstersten Phase der deutschen Geschichte. Und wer will daran zweifeln, dass auch die deutsche Wahrnehmung dieses Konflikts davon beeinflusst ist? Wer will bezweifeln, dass Israel auch und gerade deshalb unter verschärfter Beobachtung ist, weil seine einzige Besonderheit darin besteht, ein jüdischer Staat zu sein.

Es geht uns bei der obsessiven Israelkritik nicht um arme Palästinenser. Es geht um uns und darum, dass Juden als Täter ausgemacht werden können. Deshalb tobt sich in der Halbzeit eines spannenden Fußballspiels das Ressentiment aus.

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