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Demografie-Forschung Rostock : Wie lange wir wahrscheinlich leben

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Aus der Onlineredaktion

Rostocker erforscht Sterbekurve. Der 30-Jährige verfasst Doktorarbeit darüber

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Sterben ist unvermeidlich. Aber nicht in jedem Alter ist die Wahrscheinlichkeit gleich groß, das nächste Lebensjahr nicht zu erreichen. Statistisch gesehen sind Neugeborene genauso gefährdet zu sterben wie Menschen zwischen 50 und 60, Kinder zwischen acht und zwölf hingegen fast gar nicht. Und Menschen von 110 Jahren haben immerhin eine 50:50-Chance, auch noch 111 zu werden. Wie diese Entwicklung genau zusammenhängt und warum – daran forscht der Rostocker Demograf Marcus Ebeling. Er hatte schon immer etwas übrig für Bevölkerungspyramiden, wie er sagt, und suchte sich deshalb dieses Thema für seine Doktorarbeit aus.

Drei Säulen verändern die Bevölkerungsstruktur: Wanderung, Geburten und das Sterben. „Wanderung ist nicht so einfach in Daten zu fassen“, erklärt der 30-Jährige. „Bei Geburten spielen sehr viele Entscheidungen hinein. Aber das Sterben ist ultimativ – das fasziniert mich.“ Viele grundsätzliche Regelungen hängen an der Lebensspanne: etwa das Alter, in dem man den Führerschein machen oder Bundespräsident werden kann. Wenn diese Spanne sich verändert, verändert sich auch das Zusammenleben.

„Wenn nicht mehr drei oder vier Generationen zur gleichen Zeit leben, sondern sechs, beeinflusst das die Gesellschaft“, meint der Wissenschaftler. „Zum Beispiel: Wie funktionieren Kommunikation oder Demokratie dann?“ Und in allem stecke auch die Frage, wie alt der Mensch generell werden kann – derzeit steigt die Lebenserwartung konstant an.

„Heutzutage sterben mehr Menschen in ungefähr demselben Alter, vor 150 Jahren war das viel mehr gestreut“, weiß Ebeling. Es gibt die sogenannte Sterbekurve, aus der abzulesen ist, wie hoch die Intensität der Sterblichkeit in bestimmtem Alter ist. „Sie ist geformt wie ein J: Zu Anfang liegt die Sterblichkeit auf einem mittleren Wert, sinkt dann ab und steigt später langsam wieder an. Und zum Schluss zeigt sich ein Plateau.“

In Japan zum Beispiel sterben von   100  000 Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren nur acht – rein statistisch betrachtet. Für Jungen liegen die Zahlen leicht darüber. Die Gründe für diese Werte werden in der Evolution vermutet: Kurz bevor das Individuum geschlechtsreif wird, sollen nur gesunde Vertreter überlebt haben, die sich später fortpflanze können.

„Diesen natürlichen Selektionsdruck gibt es auch bei vielen anderen Spezies“, sagt der Experte. Offen ist, wie gering dieser Prozentsatz noch werden kann. „Aber je kleiner die Bevölkerungszahl in einem Land ist, desto seltener kommen solche Fälle vor“, gibt der Forscher zu bedenken. „In Island stirbt nur alle fünf bis zehn Jahre ein Kind in diesem Alter, in den USA dagegen jedes Jahr – einfach weil es viel mehr Menschen sind.“

Am anderen Ende des Lebens gibt es das Phänomen der 110-Jährigen: Für diese Gruppe sagt die Statistik, dass ihre Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr zu sterben, nur bei 50 Prozent liegt – obwohl man das in so hohem Alter anders erwarten würde. Und das bleibt auch in den folgenden Jahren so. „Diese Gruppe scheint homogen zu sein“, vermutet Ebeling. „Ein Organismus, der von vornherein nicht widerstandsfähig ist, wird gar nicht so alt.“

Die Forschung dazu dauert an. Sie dient dazu, zukünftige Potentiale zu ermitteln und die Entwicklung der Gesellschaft vorauszusehen. Und sich darauf einzustellen. „Die Frage aber, wie alt man werden möchte, kann sich nur jeder selbst beantworten“, findet Ebeling.
 

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