Güstrow : Wie Klänge Pferde heilen können

Oft kommen bei einer Klangsitzung für ein Pferd die anderen Herdenmitglieder mit dazu.
1 von 4
Oft kommen bei einer Klangsitzung für ein Pferd die anderen Herdenmitglieder mit dazu.

Sabine Schnabel ist Klangtherapeutin. Mit ihrer Behandlung will sie Tiere heilen und ihnen Angst und Stress nehmen

23-48119646_23-66107919_1416392375.JPG von
01. Februar 2018, 12:00 Uhr

Dana ist jung und wild. Unruhig tänzelt sie an der Bande der Reiterhalle von Reitsport Manski in Güstrow hin und her. Immer wieder blähen sich ihre Nüstern auf. Das dunkelbraune Pferd mit den drei weißen Fesseln wirft den Kopf hoch, tritt gegen das Tor. „Sie ist halt noch ein richtiges Baby“, sagt Andreas Manski mit Blick auf seine zweieinhalbjährige Stute. Im Sommer soll sie eingeritten werden. Momentan lässt sich Dana noch nicht einmal gerne anfassen.

Doch dann erklingt ein Ton. Lange und klar schwingt er durch die Halle. Dana stellt ihre Ohren auf. Neugierig schaut sie nach dem Ursprung des Klangs. Für einen kurzen Moment scheint die Stute ihre Aufregung zu vergessen. Etwa zehn Meter von ihr entfernt steht Sabine Schnabel. In ihrer linken Hand hält sie eine goldene Schale. In der rechten einen hölzernen Klöppel. Wenn sie das Gefäß anstößt ertönt ein ein sanfter tiefer Gong. Sabine Schnabel ist Klangtherapeutin – für Pferde.

 

„Es ist wunderschön, wenn so ein Tier, das nichts wie weg will, nach zwei Stunden freiwillig zu mir kommt und am Ende der Arbeit zum Beispiel seinen Kopf auf meine Schulter legt“, sagt Schnabel. Oft wird sie von Haltern aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gerufen, wenn die Schulmedizin versagt. Bei Infekten, die immer wiederkehren zum Beispiel. Bei chronischen Atemwegserkrankungen, Hufproblemen, Verdauungsbeschwerden oder Allergien. Aber auch bei Ängsten oder Stress, so wie in Danas Fall. Alles, was sie bei ihre Therapie einsetzt, sind Klänge. Auf einer Decke liegt ihr Arbeitsmaterial bereit: Ein Windspiel, Stimmgabeln, ein großer Gong und mehrere Klangschalen. Jedes Instrument hat seine eigene Aufgabe. Während Stimmgabeln vor allem punktuell eingesetzt werden, kann eine große Klangschale, auf den Rücken des Pferdes gestellt, den ganzen Körper stimulieren.

In der praktischen Arbeit mit Pferden kommen Klangschalen und andere Instrumente zum Einsatz. Einen festen Platz in der Klangtherapie hat auch die menschliche Stimme. Sie soll eine starke Heilkraft besitzt. Pferde reagierten sowohl auf feine wie auch auf kraftvolle Energien, wie sie die Klanginstrumente hervorbringen. Viele dieser Instrumente sind im Lauf der Jahrtausende aus Alltagsdingen entstanden. Klangschalen waren beispielsweise Ess- und Bettelschalen aus dem fernöstlichen Raum. Sie bestehen aus Bronze und können je nach Qualität mehr als 1000 Euro kosten.

„Wenn Sie schon einmal einen Stein in einen Teich geworfen haben, wissen Sie was passiert. Es entstehen so genannte konzentrische Kreise“, erklärt Schnabel. „Und das gleiche geschieht mit der Flüssigkeit in unseren Zellen durch die Klangschwingungen auch. Wir bestehen selbst zu etwa 80 Prozent aus Wasser. Das heißt, alles in uns wird durch den Ton auf ganz sanfte Art und Weise in Schwingungen versetzt.“ Durch die Massage der Vibration würde entzündetes oder durch Traumatisierung erstarrtes Gewebe wieder durchlässiger. Davon profitierten Selbstheilungskräfte und das Immunsystem, so die Therapeutin.

Mit Stimmgabeln lassen sich Klangschwingungen punktgenau übertragen.
Volker Bohlmann
Mit Stimmgabeln lassen sich Klangschwingungen punktgenau übertragen.
 

Inzwischen steht Sabine Schnabel direkt neben Dana. Das Pferd schnuppert an der Stimmgabel, die in ihrer Hand vibriert. Schnabel setzt das Instrument dicht über der Schläfe des Pferdes auf. Ein Akupunkturpunkt, wie sie erklärt. „Neben dem Blut- und dem Lymphkreislauf gibt es noch den aus der traditionellen chinesischen Medizin bekannten Energiekreislauf“, sagt Schnabel. Statt Nadeln zu setzen, könnte man die Energiepunkte, so genannte Meridiane, auch durch sanftes Klopfen stimulieren oder eben durch die Vibration der Stimmgabel. „Indem man das macht, bringt man die Energie wieder zum Fließen.“ Doch Dana will nicht. Das Pferd läuft los, ganz dich an Schnabel vorbei. „In meiner Therapie stehen die Pferde frei“, erklärt sie. „Es kommt schon einmal vor, dass sie steigen oder buckeln. Aber dann reagieren sie was aus. Und dass sollen sie unbedingt tun. Dann löst sich etwas.“

Dass sie selbst einmal Pferde therapieren würde – mit Stimmgabeln und Klangschalen – vor zehn Jahren war das für Schnabel unvorstellbar. Studiert hatte sie Germanistik und Amerikanistik. Später arbeitete sie in der Öffentlichkeitsarbeit. Eines Tages kam sie selbst in Berührung mit den heilenden Klängen. „Da hat etwas was klick gemacht. Ich wollte das unbedingt auch können“, sagt Schnabel. Sie absolvierte verschiedene Ausbildungen. Bei einer Zielgruppenanalyse kam sie schließlich aufs Pferd. „Das fand ich ganz schräg. Erst wollte ich das gar nicht“, erinnert sich Schnabel. Doch die Idee ließ sie nicht mehr los. Immer wieder kreuzten Pferde ihren Weg und schließlich versuchte sie es.

Kleine Klangschalen mit ihren hellen Tönen eignen sich besonders gut für den Kopfbereich.
Volker Bohlmann
Kleine Klangschalen mit ihren hellen Tönen eignen sich besonders gut für den Kopfbereich.
 

„Ich hatte am Anfang ziemlich Respekt vor den Tieren, aber ich habe einfach das gleiche gemacht, wie beim Menschen“, sagt Sabine Schnabel. Und es habe funktioniert. Bereits in der ersten Sitzung würden die Pferde zutraulicher werden. Bei der dritten Sitzung warteten sie schon auf die Behandlung, so Schnabel: „Wenn sie die Klangschale auf der Kruppe besonders mögen, drehen sie einem direkt den Hintern zu.“ Aber auch ordentliches Äppeln, Kopfhängenlassen, Schnauben, Wälzen und Gähnen seien pferdetypische Entspannungszeichen. Ängstliche Tiere seien entspannter, Tierarztbesuche stressfreier, Bewegungsprobleme würden sich lösen.

Eine knappe Stunde hat die Therapeutin ihre Klänge auf Dana wirken lassen. „Mehr geht erst einmal nicht. Jetzt muss die Behandlung nachwirken“, sagt Schnabel. Erst im Anschluss würde die Therapie wirken. Doch Dana ist bereits nach kurzer Zeit entspannter, stellt Andreas Manski begeistert fest: „Normalerweise lässt sie sich kaum anfassen und Sabine Schnabel kam ihr so nah.“ Für ihn ist klar: „Die Klänge haben auf jeden Fall eine Wirkung auf die Pferde.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen