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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 05:53 Uhr

Sonntagsöffnung : Wie Geburtstag ohne Kuchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Claus Ruhe Madsen, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock, spricht ein Plädoyer für den generellen Sonntagseinkauf im Touristenland Mecklenburg-Vorpommern

svz.de von
erstellt am 17.Apr.2016 | 09:00 Uhr

Wir leben in einer Touristenregion, die Bedingungen sind optimal: tolles Meer, wunderbare Strände, grandiose Seen und viele Sonnenstunden. Der Tourismus ist ein saisonales Geschäft, fast vergleichbar der Situation der Landwirte: Die Ernte wird in der Hauptsaison eingefahren. Da ist es für alle selbstverständlich, dass alle diese Zeit bestmöglich ausnutzen. Trotz der optimalen Bedingungen der Natur haben wir einen Wettbewerbsnachteil: Im Westen, in Schleswig-Holstein, und im Osten, in Polen, gibt es liberalere Bäderregelungen als in unserem Bundesland. Die wunderbaren Rahmenbedingungen sind naturgegeben, das Problem restriktiver Regelungen bei uns ist menschengemacht und das empfinde ich persönlich als ungerechtfertigte Einschränkung meiner unternehmerischen Freiheit. Und nicht nur das: sondern auch als eine Gefährdung für jeden vom Tourismus abhängigen Unternehmer, der in der Erntezeit für sich und seine Mitarbeiter eben nicht so ernten darf wie seine östlichen und westlichen Nachbarn. Trotz mancher Kritik, ich sei zu marktliberal, überrascht es also nicht, dass ich seitens sehr vieler Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region, die von den tourismusnahen Branchen leben, unglaublich viel Zuspruch erfahre.

Wieso diskutieren wir eigentlich ob, und nicht wie man sonntags öffnen könnte? Vernünftige Rahmenbedingungen sind wichtig – für alle, Unternehmer wie Angestellte – aber auch für Kunden. Wer gegen die Sonntags-Öffnung ist, geht einfach nicht hin, am Ende wird der Markt dann die Öffnungszeiten regeln, wo kein Kunde kommt, wird auch nicht geöffnet sein. Das regelt der Markt. Es gibt auch Unternehmer, die sonntags nicht öffnen wollen, müssen sie auch nicht. Es handelt sich nicht um eine Öffnungspflicht, sondern, wie es sich in einer liberaleren Gesellschaft gehört, um eine Freiheit, Freiheit selber zu entscheiden wann ich einen Hut verkaufen möchte und wann nicht...

Journalisten dürfen sonntags Artikel schreiben, Zeitungen dürfen sonntags verteilt werden. Man darf sein Auto betanken, darf aber nicht den Lebensmittelladen öffnen. Das ist doch unlogisch und vor allem nicht mehr zeitgemäß. Das Autohaus darf seine Türen öffnen aber nicht beraten, der Chef (und das Verkaufspersonal) darf dabei nicht im Laden sein, eine Wachfirma übernimmt die Aufsicht – auch dies sind im übrigen Arbeitnehmer, die dann sonntags arbeiten. Ein Unternehmer als Einzelkämpfer (ohne Angestellte) darf seinen Laden sonntags nicht öffnen. Und letztlich ist nach wie vor unverständlich, wieso Gewerkschaften und dieselben Kirchen in den Nachbarregionen weit liberalere Regelungen zulassen als bei uns.

Immer mehr Einzelhändler müssen sich dem Druck großer Handelshäuser und Filialgesellschaften beugen und ihre Geschäfte schließen. Laut Branchenreport der NordLB hätten 1200 Läden in den Klein- und Mittelzentren in den vergangenen zehn Jahren geschlossen. Besonders der Internethandel mache dem stationären Einzelhandel die Kunden streitig. Man mag das beklagen und den Kopf in den Sand stecken. Das ändert aber gar nichts.

Im Internet können sonntags Waren bestellt werden, die umgehend geliefert werden, quasi Sonntagseinkauf. Nur der kleine Unternehmer, für den es um seine Existenz geht, soll nicht öffnen dürfen. Wer hat es nicht schon im Urlaub erlebt, dass man etwas vergessen hat und sich freut, es vor Ort noch kaufen zu können. Oder viele möchten im Urlaub die Zeit nutzen, um durch Geschäfte zu gehen, wenn man mal die Zeit dazu hat.

Sicher prüfen die wenigsten, bevor sie einen Kurzurlaub planen, ob vor Ort die Geschäfte auf haben. Die Frage ist aber, ob diese Kurzurlauber wieder kommen, falls alles vor Ort geschlossen ist!

Wer im Sommerhaus in Dänemark Urlaub macht, erwartet, dass er dort einkaufen kann. Kann er auch! Wer zu uns kommt, hat die gleiche Erwartung! Meistens macht es Sinn, einen Regenschirm zu verkaufen, wenn es regnet, und nicht in einem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Zeitraum.

Das Land führt große Kampagnen durch, um Gäste ins Land zu bekommen, die stehen dann vor geschlossenen Läden: das ist wie eine Geburtstagseinladung ohne Kuchen! Wenn wir weiterkommen wollen, brauchen wir ein Gesamtkonzept – und zwar eines, das zumindest die Wettbewerbsnachteile gegenüber unseren unmittelbaren touristischen Nachbarregionen aufhebt.

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