zur Navigation springen

Neues Krankschreibungsmodell : Wie funktioniert „teilzeitkrank“?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Schweden sind 25, 50 oder 75 Prozent gang und gäbe. Gesundheitsminister Gröhe will das Modell in Deutschland einführen.

svz.de von
erstellt am 11.Dez.2015 | 20:30 Uhr

Die deutschen Krankenkassen leiden unter steigenden Kosten für Krankschreibungen. In einem von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in Auftrag gegebenen Gutachten schlagen Experten nun ein System vor, in dem Arbeitnehmer auch nur Teilzeit krankgeschrieben sein können.

Was in deutschen Medien derzeit skeptisch mit „nur ein bisschen krank?“ oder gar als „revolutionär“ bezeichnet wird, ist in Schweden und den nordischen Nachbarländern Dänemark, Norwegen und Finnland ein alter Hut. Teilkrank gibt es dort seit den 1980-er Jahren. Vor allem Schweden setzte sehr frühzeitig auf eine Flexibilisierung der Krankschreibungsniveaus – weg vom schwarzweißen „Entweder bist du krank oder gesund“.

„Schon seit dem Ende der 80er Jahre können in Schweden Arbeitnehmer im Krankheitsfall ihre Arbeitszeit auf 50 Prozent halbieren“, sagt Cecilia Udin, Sachkundige der staatlichen Krankenkasse Försäkringskassan (FK) unserer Zeitung. 1990 wurden auch in Schweden wegen der hohen Kosten, aber auch um mehr kranke Arbeitnehmer schneller ins Arbeitsleben zurückzuführen, zusätzlich die 25 und 75 Prozent Krankschreibung eingeführt.

Vereinfacht ausgedrückt waren 2014 laut FK-Statistik 69 Prozent aller krankgeschriebenen Schwedinnen zu 100 Prozent krank, 17 Prozent zu 50 Prozent, 9,2 Prozent zu 25 Prozent und knapp 5 Prozent zu 75 Prozent. Männer nehmen die Option etwas weniger in Anspruch als Frauen. Der Arzt befindet über die Krankenschreibungsstufe. Mit dem Attest muss dann der Patient einen Antrag bei der FK stellen. Die Verteilung von Arbeits- und Krankenzeit wird mit einem persönlich zugeordneten Sachbearbeiter besprochen. Vom Arbeitgeber wird die Hälfte des Lohnes bezahlt, die andere Hälfte als Krankengeld von der FK. Analog gilt das für die anderen Krankheitsstufen.

Personen, die in Branchen arbeiten, wo diese Verkürzung schwierig ist, etwa bei Fernfahrern, können auch im Wechsel einen Tag voll arbeiten und dann den nächsten Tag krankgeschrieben sein. Doch die Ausnahmeregeln sind begrenzt. „Eine Woche arbeiten und dann eine Woche krank sein, ist nicht möglich. Da zeigt der Arbeitnehmer, dass er eigentlich voll arbeitsfähig ist“, sagt Udin.

Kurzfristig hilft das System tatsächlich, Kosten zu senken. Aber Teilzeitkrankschreibungen können auch dazu führen, dass Arbeitnehmer länger krankgeschrieben sind und die Kosten letztlich dadurch höher ausfallen. „Grundsätzlich wissen wir nicht, welchen isolierten längeren Effekt Teilzeitkrankschreibung in Schweden auf unsere Kosten hat“, betont FK-Analytiker Patric Tirmén gegenüber dieser Zeitung. Von 2003 bis 2010 sanken indes die Krankengeldkosten in Schweden deutlich. Aber es gibt keine Untersuchung, die belegt, dass dies zur allgemeinen Kostensenkung bis 2010 geführt hat. Es gebe Teilstudien, die zeigen, dass Teilzeitkrankgeschriebene mit höherer Wahrscheinlichkeit zurück ins volle Arbeitsleben kommen als Vollzeitkrankgeschriebene, so Tirmén. Auch sei es unwahrscheinlich, dass Personen, die eigentlich voll arbeiten können, sich aus Faulheit etwa zu 25 Prozent krankschreiben lassen. „In der Praxis folgt die Teilzeitkrankschreibung zumeist einer Vollzeitkrankschreibung“, sagt Tirmén.

Das System ist im Volk sehr populär, eine Abschaffung wird nicht diskutiert. Wer lange krank war, ist froh darüber, schrittweise zurück ins Arbeitsleben zu kommen und nicht von null auf hundert. Die Kosten spielen in der Debatte eine geringere Rolle als dieser menschliche Aspekt. Es wird derzeit sogar über eine weitere Flexibilisierung in mehr Stufen diskutiert. Im Übrigen kann auch das Elterngeld in Schweden genutzt werden, um die Arbeitszeit täglich um gewisse Prozentsätze zu verkürzen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen