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Wie die Stasi eine Stadt auf den Kopf stellte

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Güstrow | Plötzlich war in Güstrow nichts mehr wie sonst. Die Stasi, die Kontrollen, die Straßensperren - aus einer kleinen Stadt im Nichts wurde für drei Tage die Hauptstadt der Staatssicherheit. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt besuchte die Barlach-Stadt am Dritten Advent des Jahres 1981.

Kunstliebhaber Schmidt, selbst ein Barlach-Verehrer, traf auf den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Das dritte deutsch-deutsche Gipfeltreffen. Drastisch waren deshalb die staatlichen Sicherheitsmaßnahmen, drakonisch das Vorgehen gegen Menschen, die sich nicht auf Linie des Staates bewegten. Die Bürger der DDR waren von den Sicherheitsorganen ihres Staates einiges gewohnt. Doch die Aktionen vor dem Schmidt-Besuch überstiegen die Vorstellung vieler Menschen in der 39 000-Einwohner-Stadt trotzdem bei Weitem. "In einer solchen Bündelung sind die Sicherheitsmaßnahmen der DDR meines Wissens nie zuvor angewandt worden", sagt der Rostocker Historiker Detlev Brunner, der in seiner Forschungsarbeit auch die Stasi-Aktionen des Staatsbesuches von 1981 untersucht hat.

"Eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt"

Von ungefähr kam die übergroße Vorsicht der Stasi nicht. Denn zehn Jahre zuvor war ein Staatsbesuch des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt mächtig schiefgegangen. Bei dem Treffen zwischen dem Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph und dem deutschen Bundeskanzler war es für die DDR-Führung zu einem politischen Großunfall bekommen. DDR-Bürger hatten Brandt zugejubelt, hatten "Willy, Willy" skandiert. Willi Stoph - er hörte seinen Vornamen. Aber gemeint war der andere, der bundesdeutsche, der kapitalistische Willy. Eine schallende Ohrfeige für die DDR-Führung.

So etwas sollte kein zweites Mal passieren. Dafür setzte die Staatssicherheit alle nur erdenklichen Hebel in Bewegung. Kalt waren die Temperaturen, kalt der Krieg, kalt die Stimmung in der Stadt. "Es waren ganz schreckliche Tage", sagt Heiko Lietz, damals Jugendpfarrer in Güstrow. Die gesamte Stadt wurde in einem Umkreis von sechs Kilometern abgeriegelt, Polizisten, Stasi-Leute und linientreue SED-Genossen hielten Straßen, Marktplatz, Häuser und Gaststätten im Stadtzentrum besetzt. Lietz war weder linientreu, noch Genosse. Keine gute Grundlage für ein sorgloses Leben in der DDR. Doch was Lietz im Dezember 1981 erlebte, das war selbst für den leidgeprüften Theologen Neuland. Er wurde unter Hausarrest gestellt. "Das war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens", sagt Lietz. Er hatte wegen Wehrdienstverweigerung schon einmal zwei Wochen lang in Untersuchungshaft gesessen. Aber der Hausarrest sei trotzdem eine neue und schreckliche Erfahrung gewesen. "Es ist fürchterlich, in den eigenen Wänden, innerhalb derer man gewöhnlich Freiheit genießt, eingesperrt zu sein", unterstreicht Lietz.

An gravierende Einschnitte erinnert sich auch Zeitzeuge Dirk Breitenfeld. Wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt hatte er Jahre zuvor zehn Monate lang in Haft gesessen. Beim Schmidt-Besuch brachten ihn Stasi-Leute in einem Gefangenentransporter nach Lübz und verhörten ihn eine Nacht lang. Offenbar sah man den heute 58-Jährigen als Sicherheitsrisiko an, wollte ihn für einige Zeit aus der Stadt bringen. "Diese Erinnerungen kommen immer wieder hoch, vor allem im Dezember", sagt Breitenfeld. Auch seine Sicht auf den heute als "Elder statesman" gefeierten Helmut Schmidt wandelte sich zum Negativen. "Er hat das Theater mitgemacht, ohne ein Wort der Kritik zu verlieren", sagt Breitenfeld.

Die Stasi-Folklore, die Schmidt präsentiert wurde, war eine Farce. Ein "buntes Treiben" auf dem Weihnachtsmarkt wurde ausschließlich von Stasi-Leuten und Parteitreuen simuliert, die per Sonderzug extra nach Güstrow gebracht worden waren. Auch entlang der Protokollstrecke überließ die Stasi nichts dem Zufall: Studenten waren angewiesen, die Straßen zu "beleben" und Beifall zu klatschen.

Die Güstrower Inszenierung stieß zumindest bei Honecker auf Wohlwollen. Der Staatschef ließ noch am Abend seinen Dank ausrichten. Ausgerechnet der Staatsratsvorsitzende verschloss vor der Realität fest die Augen. Die Masseninszenierungen erkannte er nicht. Er lebte seinen Traum. Ein Albtraum für viele seiner Bürger.

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erstellt am 09.Dez.2011 | 07:38 Uhr

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