zur Navigation springen

25 Jahre Mauerfall : Wie der Mauerfall längeres Leben brachte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ostdeutsche sind im wahrsten Sinne des Wortes Wendegewinner / Studie aus Rostock zeigt, dass Lebenserwartung deutlich stieg

von
erstellt am 01.Okt.2014 | 11:50 Uhr

Was wäre, wenn … die Mauer stehengeblieben wäre? Wohl jeder hat sich in den vergangenen 25 Jahren diese Frage nicht nur einmal gestellt. Neben allem persönlichen Erleben und ganz unterschiedlichen Vorstellungen spricht die Statistik eine eindeutige Sprache – zumindest, was die Lebenserwartung betrifft. Der Rostocker Soziologe Dr. Tobias Vogt weist in einer einzigartigen Studie einen deutlichen Gewinn an Lebenszeit für die DDR-Bevölkerung nach.


Das Experiment


„Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Bau der Mauer ein Geschenk“, sagt Vogt. „Sie ist so etwas wie ein riesiges Experiment: Eine Bevölkerung wird räumlich getrennt, lebt vier Jahrzehnte unter ganz unterschiedlichen Bedingungen und wird dann wieder zusammengeführt.“ Daran könne man vieles untersuchen, etwa wie sich Familien oder Bildungsstand entwickelt haben. Oder eben, wie lange die Menschen leben. Eine solche Konstellation würden Demografen natürlich nie künstlich herstellen, aber in diesem Fall kamen ihnen die Ereignisse von selbst entgegen.


Die Ergebnisse


Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Lebenserwartung zu steigen – in beiden Teilen Deutschlands. Das lag unter anderem daran, dass Infektionskrankheiten, damals Haupt-Todesursache, immer besser zu behandeln waren. So blieb dieser Anstieg auf beiden Seiten der Mauer bis Anfang der 70er-Jahre vergleichbar. Auch danach gehen die Zahlen nach oben. Aber auf einmal bekamen die Westdeutschen eine größere Chance auf ein längeres Leben.

„Die Frauen im Westen hatten 1990 eine Lebenserwartung, die um zweieinhalb Jahre höher lag als im Osten“, erläutert Vogt. „Bei den Männern waren es sogar fast dreieinhalb Jahre.“ Denn in den letzten beiden Jahrzehnten vor dem Mauerfall wurden immer häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Todesursache der Menschen. Neue Medikamente wie Betablocker oder Behandlungsmethoden wie Herzschrittmacher wurden entwickelt, waren aber oft sehr preisintensiv. „Die Annahme ist, dass deutlich weniger ältere Ostdeutsche diese Behandlung bekamen als Westdeutsche im gleichen Alter.“

Und die Schere in der Lebenserwartung ging immer weiter auseinander. Schon 1980 differierte der Wert bei Frauen um zwei Jahre, bei Männern immerhin noch um eines. Und 1990 starben westdeutsche Frauen im Durchschnitt mit 79, ostdeutsche schon fast drei Jahre eher. Bei den Männern war der Unterschied ähnlich, wenngleich sie ohnehin eine geringere Lebenserwartung hatten.

Dann kam die Zeit nach der Wiedervereinigung. An den Statistiken ist abzulesen: Der Fall der Mauer wirkt für die Ostdeutschen lebensverlängernd – innerhalb kurzer Zeit.

Schon im Jahr 2000 lebten westdeutsche Frauen durchschnittlich 81 Jahre, Männer gut 72 Jahre. Die Frauen im Osten hatten bereits fast aufgeholt, die Männer lebten nur noch anderthalb Jahre weniger als ihre Geschlechtsgenossen in den alten Bundesländern.

„Unter normalen Bedingungen geht man davon aus, dass die Lebenserwartung in westlichen Ländern pro Dekade um etwa zweieinhalb Jahre steigt. In der ersten Zeit nach der Wende sind es bei den Männern aber sogar vier Jahre.“ 2010 haben sich die Zahlen nahezu angeglichen. „Wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte, hätte sich die Lücke extrem vergrößert“, schlussfolgert Vogt. „Frauen im Osten hätten gut vier Jahre kürzer gelebt, Männer sogar mehr als sechs Jahre weniger als die Menschen im Westen.“


Die Gründe


Noch ist nicht völlig klar, warum diese Entwicklung genau in dieser Weise verlaufen ist. Auf jeden Fall haben die über 65-Jährigen besonders davon profitiert. „Es wurde wohl in der DDR ein größeres Augenmerk auf die Versorgung von Kindern und Werktätigen gelegt. Nun sind die Behandlungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen für alle erreichbar. So hat sich die Lebenserwartung der Älteren schneller angepasst.“ Auch die höheren Renten könnten ein Faktor sein, denn statistisch gesehen könne mehr Geld zu längerem Leben führen. Und auch die nachlassende Umweltverschmutzung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat vielleicht eine Rolle gespielt. Es wurde immer weniger mit Braunkohle geheizt. Und viele Industriebetriebe, die bis zur Wende Schadstoffe ausgestoßen hatten, wurden geschlossen – schlecht für die Wirtschaft, aber gut für die Gesundheit der Menschen der jeweiligen Region.


Die Zukunft


Es scheint, als bliebe die Lücke von etwa einem Jahr in den Lebenserwartungen der Männer diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze konstant. Dagegen leben in manchen ostdeutschen Gegenden die Frauen statistisch gesehen sogar länger als im Westen. „Die regionalen Differenzen sind inzwischen größer als die Unterscheidung zwischen Ost und West“, schätzt Vogt ein. „Das liegt unter anderem an der medizinischen Versorgung oder an bestimmten Lebensgewohnheiten.“


Der Wissenschaftler


Dr. Tobias Vogt, Jahrgang 1977, stammt aus Jena. Dort und in Halle, später auch in London studierte er Soziologie, Ökonomie und Psychologie. Seit sieben Jahren beschäftigt er sich am Max-Planck-Institut für Demographische Forschung in Rostock damit, welche Faktoren die Lebenserwartung von Menschen beeinflussen. Die vorgestellte Studie war Thema seiner Doktorarbeit. „Es war sehr aufwändig, die Daten zu beschaffen und aufzuarbeiten“, sagt Vogt. „Ich brauchte ja Zahlen, die lange zurückreichen.“ Vogt bekam sie unter anderem von der Deutschen Rentenversicherung, dem Umwelt-Bundesamt und von Statistischen Landesämtern. Auch international sind seine Forschungsergebnisse interessant. „Es ist durchaus überraschend, dass sich die Lebenserwartung in so kurzer Zeit so signifikant angepasst hat“, sagt er. „Für Demografen ist das einmalig zu sehen. Und es gibt eben sehr wenig Anlässe dieser Art. Vergleichbar wäre – in kleinerem Maßstab – vielleicht die Abschaffung der Apartheid in Südafrika und wie sich für viele dadurch die Lebensbedingungen verbessert haben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen