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Wetterdienst : Wie das Wetter auf die Karte kommt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Satelliten, Messbojen und Wetterstationen: Der Deutsche Wetterdienst wertet täglich 20 Millionen Daten aus – dabei werden die Vorhersagen immer präziser

„Heute wird es sonnig. Nur vereinzelt zeigen sich ein paar Wolken. Die Temperaturen erreichen 14 Grad an der Küste, 18 Grad im Binnenland.“ Gleich, welcher Sender in Deutschland die Wettervorhersage verkündet, er nutzt Daten aus Offenbach südöstlich von Frankfurt am Main. Denn dort sitzt der Deutsche Wetterdienst (DWD).

Vom Keller bis zum sechsten Stock dreht sich hier alles um das Klima. Knapp 900 Mitarbeiter beschäftigt der DWD in Offenbach und rund 1500 in den Außenstellen. Bei Unwetterwarnungen, die in kurzen Abständen herauskommen, etwa während des Orkans „Xaver“, sind allein im obersten Stock alle zwölf Arbeitsplätze mit je vier bis sechs Bildschirmen besetzt. Dann gehen Warnungen manchmal im Sekundentakt heraus. Hier ist die Vorhersage- und Beratungszentrale – die „Seele des Wetterdienstes“, wie sie beim DWD heißt.

In der ersten Reihe sitzt Dorothea Paetzold. Sie und ihre Kollegen erstellen mehrmals täglich aus der Flut an Temperatur-, Wind- und Luftdruckdaten die Wetterkarten. Auf einem Tisch liegt eine säuberlich per Bleistift gezeichnete Karte, daneben ein Radiergummi. Einzelne Meteorologen arbeiten gerne mit Stift und Papier, vor allem um sich zu Beginn ihrer Schicht in die aktuelle Wetterlage einzuarbeiten. In der Regel aber geschieht alles am Computer.

Früher hat die Diplom-Meteorologin den Menschen in Deutschland das Wetter nach den Abendnachrichten erklärt. „Heute gibt es viel mehr private Anbieter“, sagt Paetzold. Jeder möchte das Wetter auf seine eigene Art präsentieren und hat eigene Abteilungen dafür. Allein an einem Wetterbericht für die „Tagesschau“ arbeiten nach Auskunft des zuständigen Hessischen Rundfunks ein Redakteur, ein Meteorologe und zwei Grafiker. Sie nutzen vor allem die Daten des DWD, aber auch die von amerikanischen, englischen und europäischen Diensten.

Fest steht: Die Vorhersagen werden immer präziser. „Die Temperatur für den kommenden Tag trifft der DWD zu 90 bis 95 Prozent richtig“, sagt Detlev Majewski, der Vorhersageprogramme entwickelt. Allerdings lasse der DWD dabei eine Spanne von plus/minus zwei Grad gelten. Für die meisten Kunden ist das eine ausreichende Genauigkeit. Die Trefferquote der Prognose für den nächsten Tag sei 1968 so gut gewesen wie heute für den sechsten Vorhersagetag, erläutert Majewski. „Als Kind konnte man sein Wochenende kaum vor Freitag planen, heute geht das schon ab Montag oder Dienstag.“ Inzwischen lasse sich eine Vorhersage bis zum 7. Tag relativ genau berechnen. Das liege unter anderem an den Satellitendaten und der zunehmenden Computerleistung.

In die Wettervorhersage fließen neben den Satelliteninformationen Tausende weiterer Daten ein. So schwimmen auf den Ozeanen 750 Messbojen. Rund 3000 Handelsschiffe haben eine Bordwetterstation, ebenso viele Verkehrsflugzeuge sind mit Messinstrumenten ausgestattet. Darunter sind fast alle Maschinen der Lufthansa, die wiederum von den Windvorhersagen des DWD profitiert, indem sie die optimalen Flugrouten daraus berechnet.

Rund 1800 ehrenamtlich und 180 hauptamtlich betreute Wetterstationen hat der DWD allein in Deutschland. Zudem arbeitet er mit rund 190 nationalen Wetterdiensten anderer Staaten zusammen und erhält auch Vorhersagen vom Europäischen Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersage.

Alle Daten landen im Supercomputer im Keller der DWD-Zentrale: Ohrenbetäubender Lärm auf 1000 Quadratmetern Fläche, alles verbunden durch 50 Kilometer Kabel, etwa 40 Mitarbeiter machen Schichtbetrieb rund um die Uhr. 20 Millionen Daten verarbeitet der „Kopf der Wettervorhersage“ täglich.

Etwas leiser soll es im Sommer werden, wenn der neue Rechner XC30 des US-Unternehmens Cray den alten komplett abgelöst hat. Er soll eine Spitzenleistung von zweimal 550 Billionen Multiplikationen pro Sekunde erreichen – laut DWD eine Kapazität von mehr als 30 000 üblichen PCs. Vor allem aber ist er kleiner, leiser und benötigt weniger Energie.

Das Computerprogramm für die globale Wettervorhersage überziehe die Erde mit einem Gitter aus Dreiecken von 20 Kilometer Seitenlänge und das in 60 Stockwerken vom Boden bis in 36 Kilometer Höhe, erläutert Wetterprofi Majewski. „Das sind 88 Millionen Punkte weltweit, an denen wir die Wettervorhersage berechnen.“ Für diese erstellt der Computer aus den hereinfließenden Daten jeweils acht Grundwerte, unter anderem für Druck, Temperatur, Feuchte und Wind. Daraus wiederum entstehen Aussagen über Regen oder Nebel. In Deutschland ist das Netz mit einer Seitenlänge von 2,8 Kilometern viel dichter, um auch kleinräumige Gewitterwolken zu erfassen, wie sie im Sommer üblich sind. Achtmal pro Tag erstellt der Supercomputer für jeden Gitterpunkt in Deutschland neue Daten für die jeweils kommenden 27 Stunden. Wenigstens alle drei Stunden gibt es daher eine neue kurzfristige Wettervorhersage.

Etwa 2,70 Euro an Steuergeld pro Jahr kosten jeden Bundesbürger die vom DWD verbreiteten Vorhersagen, inklusive der Warnungen vor einem Orkan und anderem Extremwetter.

Neben seinem Netz von rund 2000 Messstellen beobachtet der DWD zudem an über 1300 Stellen in Deutschland die Blüh- und Wachstumsphasen vieler Pflanzenarten. Er erstellt auch Klimaprojektionen für einzelne Bereiche großer Städte und auch für den Weltklimabericht. „Die Temperatur ist in Deutschland seit 1881 um 1,2 Grad angestiegen“, sagt der Leiter der Klima- und Umweltberatung, Tobias Fuchs. Das ist mehr als im Weltdurchschnitt von 0,85 Grad. Die Apfelbäume blühen heute im Schnitt 14 Tage früher als noch vor 50 Jahren. Im Winter fällt im Mittel 20 Prozent mehr Niederschlag als in den letzten Jahrzehnten.

Für Deutschland sieht Fuchs die Klimafolgen dennoch nicht ganz so dramatisch wie andernorts. Der DWD berät auch Politiker, damit sich Städte und Regionen an den Klimawandel anpassen können. Künftig könne es im Sommer häufiger passieren, dass durch große Flüsse zu wenig Wasser für die Schifffahrt fließe, was beispielsweise Folgen für den Kohletransport zu Kraftwerken haben könne, sagt Fuchs. Abflussrohre könnten andererseits angesichts zu erwartender Extremniederschläge im Schnitt einen zu geringen Durchmesser haben. „Im Baugesetzbuch ist der Klimawandel derzeit noch nicht explizit berücksichtigt“, meint Fuchs.

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