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Kostenfalle Altersvorsorge : Wie das Sozialamt einem 60-Jährigen alles nahm

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Meldung und die Geschichte dahinter - Vorsorge? Nein danke!

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 06:30 Uhr

Nicht einmal jeder Zweite hierzulande hat einen Altersvorsorgevertrag. In Städten wie Rostock und Schwerin legen drei Viertel der Erwerbsfähigen kein Geld für den Lebensabend zurück, schrieben wir in unserer Ausgabe vom 16. Oktober.

Ein Leser, nennen wir ihn nach den „Vätern“ der geförderten privaten Altersvorsorge Walter (Riester) oder Bert (Rürup), gehört nicht dazu. Bereits Anfang der 90er Jahre schloss er eine fondsgebundene Lebensversicherung ab: „Ich habe mein Leben lang in der Gastronomie gearbeitet und nicht viel verdient, deshalb wollte ich meine sicher nicht sehr üppige Rente derart etwas aufstocken.“

Genauso wird auch offiziell argumentiert. Geradezu gebetsmühlenartig werden die Rentner von morgen beschworen, heute schon etwas für ihren Lebensabend zurückzulegen. Denn Modellrechnungen gehen davon aus, dass die Nettorente vor Steuern 2030 nur noch bei 43 Prozent des durchschnittlichen Erwerbseinkommens (abzüglich der Sozialversicherungsbeiträge) liegen wird. Wer also seinen gewohnten Lebensstandard auch im Alter halten will, muss beizeiten etwas tun. Ob Lebens- oder Rentenversicherung, Riester oder Rürup – um die private Altersvorsorge kommt keiner herum. So heißt es zumindest.

Walter aber kann diese Argumentationen nicht mehr hören. Denn obwohl er beizeiten vorgesorgt hat, steht der heute 60-Jährige jetzt, noch bevor er das Regel-Rentenalter erreicht hat, mit leeren Händen da. Zwischen 1971 und 2012 hat Walter immer gearbeitet, gerade einmal zwei Monate Arbeitslosigkeit stehen in seinen Lebenslauf. Dann aber durchkreuzte ein schwerer Bandscheibenvorfall seine Lebensplanung. Walter verlor die Arbeit, bezog erst Arbeitslosengeld, dann Hartz IV. Eine medizinische Begutachtung im vergangenen Jahr ergab: Er wird nie wieder arbeiten können, nicht einmal drei Stunden am Tag. Das Jobcenter musterte ihn daraufhin aus, verwies ihn an das Sozialamt. Und dort, neben Fragen nach wertvollen Gemälden, Edelmetallen oder einer Münzsammlung in seinem Besitz, wurde auch nach einer möglichen Altersvorsorge gefragt. Walter gab an, dass er eine besitzt. Auch, dass sein Sohn mittlerweile die Beiträge dafür zahlt, da er selbst es nicht mehr kann. Und dass er einen Verwertungsausschluss vereinbart hat, vor dem regulären Renteneintritt also nicht an das Geld herankommt.

Doch das kümmerte die Sachbearbeiterin im Sozialamt irgendwo im Landkreis Ludwigslust-Parchim wenig. Denn zum Schonvermögen bei der Sozialhilfe zählt lediglich staatlich geförderte Altersvorsorge – also eine Riester- oder Rürup-Rente, nicht aber die fondsgebundene Lebensversicherung unseres Lesers. Er solle daher den aktuellen Rückkaufswert ermitteln lassen, wurde Walter aufgetragen. Der liege bei und 9000 Euro, aber er käme an das Geld ja nicht ran… Papperlapapp, bevor dieses Geld nicht aufgebraucht ist, gibt es auch keines vom Sozialamt.

Walter vereinbarte schließlich mit seinem Sohn, dass er ihm die Lebensversicherung abtritt, wenn sie fällig wird. Bis dahin bzw. bis die 9000 Euro aufgebraucht sind, gibt der Sohn dem Vater Geld für seinen Lebensunterhalt – so viel, wie er in der eigenen vierköpfigen Familie abknapsen kann. Als sei das nicht erniedrigend genug, wurde Walter beim letzten Sozialamtsbesuch nun sogar aufgefordert, Nachweise darüber vorzulegen, wie und wann er das Geld verbraucht.

Werbung für die private Altersvorsorge – Walter kann sie nicht mehr hören. Regelrecht verklapst fühlt er sich – und würde anderen maximal zum privaten Sparstrumpf raten: „Denn zumindest allen, die körperlich schwer arbeiten – auf dem Bau oder in der Landwirtschaft – kann es ja genauso wie mir gehen, dass sie aus Hartz IV rausfallen und zum Sozialamt müssen.“ Beim Sozialamt habe er angegeben, dass er die Altersvorsorge auch dafür gedacht hatte, dass seine Kinder einmal seine letzten Rechnungen bezahlen können. „Wenn Ihre Kinder nicht in der Lage sind, Ihre Bestattungskosten zu zahlen, können sie gerne bei uns einen Antrag stellen“, hieß es daraufhin. Ein Zynismus, der dem Vater die Tränen in die Augen schießen lässt.

Walter hofft nun darauf, dass ihm endlich die zu Jahresbeginn beantragte Erwerbsminderungsrente zugesprochen wird. Ob er dadurch allerdings dem Sozialamt entkommt, ist ungewiss, denn hoch wird sie nicht ausfallen.

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