Kureinrichtung versprach Linderung bei Rheuma und Gicht : Wie aus Kleinen ein Bad wurde

<strong>Der sogenannte Apparatesaal</strong> der Anstalt <repro>Martens</repro>
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Der sogenannte Apparatesaal der Anstalt Martens

Die Geschichte des Ortes Kleinen ist nur dürftig überliefert. Erstmals wurde er im Jahr 1178 in einer Urkunde erwähnt. Er hieß damals "cline", ein Wort, das aus dem Slawischen kommt und Keil oder Winkel bedeutet.

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11. März 2013, 09:37 Uhr

Die Geschichte des Ortes Kleinen ist nur dürftig überliefert. Erstmals wurde er im Jahr 1178 (Wendenzeit) in einer Urkunde erwähnt. Er hieß damals "cline", ein Wort, das aus dem Slawischen kommt und Keil oder Winkel bedeutet. Im Laufe der Jahrhunderte wird Kleinen ein stattliches Bauerndorf mit Kirche und Begräbnisplatz, doch der dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) führt mit seinen Schrecken und Wirren zur vollständigen Zerstörung des Ortes, so dass dieser von der Landkarte verschwindet.

Nachdem beim Umpflügen immer wieder Knochenreste und vermoderte Eichenbretter zu Tage kommen, wird das Land um 1820 in fünf Bauernhufen aufgeteilt. Nur drei werden wieder aufgebaut, die den Namen Kleinen erhalten. Mit der Erschließung der Eisenbahn 1847 ist die Einsamkeit und Ruhe dieser idyllischen Ortschaft erstmals gestört. Der Bahnhof wird auf freiem Feld neben den drei einsamen Bauernstellen errichtet und "Bahnhof Kleinen" genannt. Neben dem bestehenden Gleis von Schwerin nach Wismar wird Jahre später ein weiteres Gleis nach Rostock angelegt. Der Bahnhof Kleinen (später Bad Kleinen) ist seit Zeiten der Friedrich-Franz-Eisenbahn einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte Mecklenburgs. Im Ortswappen ist ein Flügelrad abgebildet, das Symbol für die Eisenbahn.

1862 werden im Wald am Seeufer in Kleinen große Buchen gefällt. Zuvor hatte am 16. Mai Dr. med. Heussi aus Wismar bei Großherzog Friedrich Franz II. den Antrag gestellt, ihm zum Zweck der Erbauung einer Wasserheilanstalt einen Teil des Großherzoglichen Forst in Kleinen zu überlassen. Da auch der Großherzog an Rheuma litt, erfüllte er die Bitte des Dr. Heussi mit Wohlwollen. Nach anfänglich gutem Verlauf geriet der Bau ins Stocken und verfiel im Laufe der nächsten Jahrzehnte wieder. Erschwerend kam hinzu, dass im Jahr 1870 eine neue Bahnstrecke nach Lübeck unmittelbar vor der Anstalt gebaut wurde. Dieser Umstand war für eine Stätte, in der Kranke und Erholungsbedürftige gesunden sollten, völlig ungeeignet. Das unfertige Grundstück landete unter dem Hammer und wanderte dann von einer Hand in die andere, ohne seine jeweiligen Besitzer glücklich zu machen.

Im Jahr 1878 besichtigte eine Kommission die Anlage. Sie wollte feststellen, ob diese sich zu einer Zweigniederlassung der Irrenanstalt Sachsenberg eigne. Kurze Zeit später verhandelte die Gemeinde Hohen-Viecheln zwecks Kauf oder Pacht mit dem Besitzer, um hier ein Armenhaus einzurichten. Alle Anstrengungen blieben ohne Erfolg. Im Laufe der Jahre verfielen die Gebäude immer weiter und die Schuldenlast stieg von Jahr zu Jahr. Noch zu Lebzeiten des Gründers Dr. Heussi wurde das Grundstück zum zweiten Mal zum Verkauf angeboten. Erst nach über 30 Jahren, nachdem Sanitätsrat Dr. Armin Steyerthal 1895 die Leitung des vor langer Zeit geplanten Kurhauses übernahm, konnte auf der ehemals verrufenen Stelle neues Leben erblühen. Der Weiterbau des Kurhauses wurde nach langer Zeit des Stillstands abgeschlossen. Zur Kureinrichtung gehörten das Hauptgebäude, das Maschinenhaus, das Sonnenbad mit Lufthütten und eine Kegelbahn. Schon sechs Monate nach Eröffnung wurden 100 Kurgäste gezählt. Die höchste Besucherzahl betrug 370 Gäste pro Jahr. Um diesen den Weg zum Schweriner See zu erleichtern, ließ Dr. Steyerthal 1896 unter den Bahngleisen einen Fußgängertunnel errichten, der die Form eines Eies hatte. Er erhielt den Namen Eiertunnel, ist 27,2 m lang, 2,05 m hoch und 1,25 m breit. Das Bauwerk ist heute ein technisches Denkmal. Im gleichen Jahr wurde im Vorgarten der Anstalt ein Sonnenbad errichtet. 1899 baute man im Wald nördlich der Anstalt ein großes Luftbad. Hier sollten die Kurgäste, die an Rheuma, Gicht und Zuckerkrankheit litten, Linderung finden.

Auch der Ort entwickelte sich ab jetzt schneller. Es setzte eine lebhafte Bautätigkeit ein und der Fremdenverkehr erhielt großen Aufschwung. Durch die Regierung wurde dem Ort im Jahr 1915 auf Veranlassung von Dr. Steyerthal der Name "Bad" zuerkannt. Danach ging die Entwicklung des Ortes Bad Kleinen bergab. Der Beginn des ersten Weltkrieges und seine Folgen zerschlugen alle Hoffnungen auf ein weiteres Gedeihen. Mit zunehmender Geldentwertung sank die Zahl der Besucher der Erholungseinrichtung.

In dieser Zeit lebte in Bad Kleinen der berühmte deutsche Logiker, Philosoph und Mathematiker Gottlob Frege. Er verstarb hier 1925. Zu Beginn der Inflation musste im Jahr 1922 die Wasserheilanstalt verkauft werden.

Die Ferienheime für Handel und Industrie Wiesbaden erwarben das Grundstück für die Einrichtung eines Kaufmannerholungsheimes. Da sich die Erwartungen, die man an den Kauf geknüpft hatte, nicht erfüllten, trennte sich die Gesellschaft nach drei Jahren wieder von ihrem Besitz. Danach wurde aus dem ehemaligen Kurhaus ein Genesungsheim für Erholungsbedürftige, das "Sanatorium Bad Kleinen", in Wirklichkeit eine Lungenheilstätte. Zu diesem Zweck völlig ungeeignet, sollte es dennoch fast sechs Jahre dauern, bis dieses Haus, das für die Gesundung erkrankter Menschen gebaut war, im Jahre 1932 für immer seine Pforten schloss.

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