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Kritik nach der Kandidatenkür : Widerstand gegen Gauck

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Das überschwängliche Lob kommt von der falschen Seite. Ausgerechnet Thilo Sarrazin, Autor des umstrittenen Buches "Deutschland schafft sich ab", würdigt den Kandidaten Gauck, freut sich auf dessen Präsidentschaft.

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erstellt am 21.Feb.2012 | 07:49 Uhr

Berlin | Das überschwängliche Lob kommt von der falschen Seite. Ausgerechnet SPD-Mann Thilo Sarrazin, der Ex-Bundesbanker und Autor des umstrittenen Buches "Deutschland schafft sich ab" würdigt den Kandidaten Joachim Gauck, freut sich auf dessen Präsidentschaft. "Ich habe Achtung vor dem Mann und Respekt vor seiner Lebensleistung", revanchiert sich Sarrazin für Gaucks freundliche Worte über seine umstrittenen Thesen über Migranten. Der Bürgerrechtler Gauck hatte den Autor 2010 in einem Interview "mutig" genannt und muss sich dafür jetzt wieder Kritik anhören. Grüne, Migranten-Vertreter, Gewerkschaften, Linkspartei - immer mehr drückten gestern ihr Unbehagen über die Äußerungen des Kandidaten aus und stellten seine Eignung als Staatsoberhaupt in Frage.

Nicht nur das Lob für Sarrazin, auch seine spöttische Kritik an der Occupy-Bewegung, seine Verteidigung von Hartz IV und die Haltung zur Vorratsdatenspeicherung sorgen für Widerspruch und Kritik.

Gauck müsse sein Themenspektrum erweitern, fordert der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer: "Es ist wunderbar, dass er das Loblied auf die Freiheit singt. Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen, damit sich alle die Freiheit leisten können." Bedenken, die auch Angela Merkel bei der Kandidatenkür am Sonntag im Kanzleramt und in der Telefonkonferenz mit dem Präsidium geäußert haben soll. Gauck sei nicht breit genug aufgestellt, habe nur das Thema Freiheit. Das allein reiche nicht, habe Angela Merkel nach Teilnehmerangaben gewarnt. Linken-Chefin Gesine Lötzsch sagt Union, FDP, SPD und Grünen bereits "ein blaues Wunder" mit ihrem Kandidaten voraus. SPD und Grüne hätten der Kanzlerin mit Gauck eine Falle stellen wollen und seien nun selbst hineingelaufen.

Gauck selbst schweigt. Gestern war er nur in einer ganzseitigen Anzeige ("Dahinter steckt immer ein kluger Kopf") zu sehen: Als Zeitungsleser auf einem Campingstuhl neben einem Grill im Berliner Tiergarten. Im Hintergrund sein künftiger Amtssitz Schloss Bellevue. "Joachim Gauck, Bürger" steht darunter. Das Bild war 2010 kurz nach der Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten entstanden und zeugt gleichermaßen von Eitelkeit und Ironie.

In der Bevölkerung stößt die Entscheidung für Gauck und seine Nominierung auf große Zustimmung. Zwei Drittel der Deutschen halten seine Kandidatur laut Umfragen für eine gute Lösung. In der Union ist der Unmut immer noch groß, dass die FDP entgegen der Koalitionsabsprachen Gauck als Kandidaten durchgesetzt hatte. "Offensichtlich glaubte die FDP, die Entscheidungsfindung entgegen der Absprache mit der Union alleine vorantreiben zu können, also ohne Rücksicht auf den Koalitionspartner", kritisierte CDU-Mann Wolfgang Bosbach und warnt: "Natürlich kann man das so machen, dann aber darf sich die FDP nicht wundern, wenn die Union zukünftig in der ein oder anderen Frage ebenso souverän handelt."

Landtag will Wahlleute auf Sondersitzung bestimmen

Der Landtag wird auf einer Sondersitzung die Wahlmänner und -frauen zur Bundespräsidentenwahl am 18. März bestimmen. Den Termin für die Dringlichkeitssitzung werde der Ältestenrat heute festlegen, sagte Landtagssprecher Dirk Lange. Die Wahlleute für die Bundesversammlung müssten bis zum 6. März feststehen. Die nächste reguläre Landtagssitzung findet erst am 14. März statt.

Noch habe der Bundestag auch nicht mitgeteilt, wie viele Wahlleute Mecklenburg-Vorpommern stellen dürfe. Bei der Bundespräsidentenwahl 2010 seien es 13 gewesen. Die Zahl verringere sich möglicherweise auf zwölf, sagte Lange. Grund sei die leicht verringerte Zahl von Mitgliedern der Bundesversammlung, von Bundestagsabgeordneten sowie von Einwohnern in MV. Die Kandidaten für die Bundesversammlung legen die fünf Fraktionen selbst fest. Als erste gab die CDU gestern ihre Vertreter bekannt. Dabei handelt es sich um Lorenz Caffier, Vincent Kokert und die Abgeordnete Maika Friemann-Jennert.

Am 18. März soll ein neuer Bundespräsident gewählt werden. Parteiübergreifender Kandidat ist Joachim Gauck – wenngleich über die Kandidatenfindung heftig gestritten wird.

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