Rechtsextremismus in der DDR : „Westimporte“ und „verirrte Geister“

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Wie die DDR-Führung mit dem Thema Rechtsextremismus umging

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02. September 2015, 12:00 Uhr

Ostberlin am Abend des 17. Oktober 1987: 30 rechte Skinheads stürmen die Zionskirche auf dem Prenzlauer Berg, in der gerade ein Konzert stattfindet. Mit Fahrradketten und Flaschen prügeln sie auf die jugendlichen Besucher ein und brüllen „Sieg Heil“ oder „Judenschweine“. Nach dem Überfall der rechtsextremen Gewalttäter klingeln im SED-Politbüro die Alarmglocken.

Rechtsextremismus in der DDR? Das durfte nicht sein. Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übernahm die Ermittlungen. Die brutale Attacke von Rechts war eine Art Zäsur, sorgte sie doch auch für erhebliches Aufsehen und Empörung in der DDR-Öffentlichkeit. Und auch für die Presse war das Thema plötzlich kein Tabu mehr. Nicht nur die „Junge Welt“ berichtete ausführlich über den Kirchenüberfall und seinen Hintergrund.

Am 2. Februar 1988 steht das Thema sogar auf der Tagesordnung des SED-Politbüros. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte die wohl erste umfassende Analyse der rechten Bewegung in der DDR erarbeitet. Die „Einschätzung über in der DDR existierende Jugendliche, die sich mit neofaschistischer Gesinnung öffentlich kriminell und rowdyhaft verhalten“ zeigte, dass der Zionskirchen-Angriff längst kein Einzelfall war. Mit der Einberufung zur Volksarmee, Haftstrafen und Ausreisegenehmigungen der Täter wollte sich die SED des Problems entledigen.

Rechtsextreme wurden als „unpolitische Rowdys“, „Westimporte“ und „verirrte Geister“ abgetan. Die Ursachen für die „dem Sozialismus wesensfremden neofaschistischen und nationalistischen Erscheinungen“ lagen nach Ansicht des MfS „im imperialistischen System begründet und wurden in der DDR durch das Einwirken von neofaschistischen Kräften aus der BRD bei einzelnen Personen hervorgerufen“, wie es in den Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes heißt, die von der Berliner Gauck-Behörde ausgewertet wurden. Darf man den Akten und den Extremismus-Forschern glauben, gab es bereits vor der Wende in der ehemaligen DDR rund 800 bis 1000 Rechtsextremisten gegeben.

Schon Ende der siebziger Jahre hatten ostdeutsche Sozialwissenschaftler und Pädagogen auf diese Gefahr in Studien hingewiesen, die jedoch geheim gehalten worden waren. Schändungen von sowjetischen Ehrenmälern, die Verwendung des „Hitler-Grußes“, das Rufen von Nazi-Parolen und Überfälle auf Ausländer – die Stasi hatte bereits 1978 und 1979 rund 200 Fälle von „staatsfeindlicher Hetze mit faschistischem Charakter“ beobachtet und in den Akten dokumentiert.

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