Pillen-Versuchslabor Ost? : Westen testete in der DDR Medikamente

Roland Jahn (l), Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, und Volker Hess, Professor an der Berliner Charité
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Roland Jahn (l), Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, und Volker Hess, Professor an der Berliner Charité

In der DDR wurden massenhaft neue West-Arzneien an Patienten getestet. Wissenschaftler haben das Kapitel aufgearbeitet

svz.de von
15. März 2016, 20:55 Uhr

Westliche Pharmahersteller ließen in DDR-Kliniken in großem Stil Medikamente testen. Von 1961 bis 1990 habe es Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests gegeben, heißt es im Abschlussbericht eines Forschungsprojekts unter Leitung des Medizinhistorikers Volker Hess, der gestern in Berlin vorgestellt wurde. Allein für die 80er Jahre wurden genau 321 Studien nachgewiesen.

Die überschuldete DDR habe ihr Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt, um begehrte Devisen zu erwirtschaften. Westfirmen hätten sich die totalitären Strukturen zunutze gemacht, sagte Hess. Ost und West seien über den Eisernen Vorhang hinweg eng verflochten gewesen.

Aufträge kamen demnach vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, den USA und Großbritannien. Gefunden wurden Aufträge von 75 Unternehmen aus 16 Ländern. Medikamente gegen Bluthochdruck sollten ebenso erprobt werden wie Kontrast- und Krebsmittel oder Psychopharmaka. Die Tests in der DDR seien Teil großer internationaler Studien gewesen. Beteiligt waren 120 Kliniken und Gesundheitseinrichtungen.

Auch in konfessionellen Krankenhäusern seien West-Medikamente erprobt worden. Seit Anfang der 80er Jahre schrieb ein spezielles DDR-Programm vor, „immaterielle Leistungen für den Export“ zu erbringen. Darunter fielen auch die Medikamententests.

Systematische Verstöße gegen damals geltende Regeln seien bei den Tests nicht festgestellt worden, konstatiert der Bericht. Es sei in der DDR nach gleichem Maß wie bei zeitgleichen Untersuchungen im Westen geprüft worden. Die Standards würden aber auf beiden Seiten heutigen Regeln nicht mehr entsprechen, stellte das Forscherteam fest. Ein Kapitel des Berichts heißt: „Der Skandal, der keiner war“.

Es wird angenommen, dass nur in Einzelfällen DDR-Patienten nicht informiert wurden. Nachweise über eine mündliche Aufklärung seien gefunden worden. Das Interesse an einer Testteilnahme sei groß gewesen, sagte Mitautor Peter Steinkamp. Zum einen bekamen die Probanden dafür Urlaub. Zum anderen hofften Kranke auf neue, wirksame Medikamente aus dem Westen. Auch kranke Kinder seien dabei gewesen.

Ärzte wiederum konnten sich durch die Tests mit Westkollegen austauschen oder wurden dann zu internationalen Kongressen eingeladen. Pharmavertreter halfen bei der Beschaffung von Geräten oder brachten Fachliteratur mit, wie Steinkamp erläuterte.

Verwiesen wurde auf Vorteile für Firmen wie Roche (Boehringer Mannheim), Bayer (Schering), Sanofi (Hoechst). Entscheidend sei nicht das Honorar gewesen, sondern Zeitgewinn und zentrale Organisation.

Das DDR-Regime habe für eine zügige, gewissenhafte Durchführung der Studien gesorgt und öffentliche Kritik ausgeschaltet. Jedoch hätten westliche Unternehmen auch die schlechtere Versorgung mit Medikamenten im Osten ausgenutzt.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe die Studien intensiv beobachtet, sagte Mitautorin Laura Hottenrott. In Ost-Berlin sei schon in den 60er Jahren ein „Beratungsbüro für Arzneimittel und medizintechnische Erzeugnisse (Import)“ installiert worden, deren Leiter IM (Inoffizielle Mitarbeiter) der Stasi waren. Das zentrale Organisationsbüro handelte die Verträge mit den West-Unternehmen aus.  

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