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Stralsund und Wolgast : Werften-Pleite: Prüfer soll halbe Milliarde zahlen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach Volkswerft-Insolvenz beginnt heute der Schadenersatz-Prozess

svz.de von
erstellt am 02.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Es ist einer der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse im Norden: Viereinhalb Jahre nach der Insolvenz der Großwerften in Stralsund und Wolgast klagt die Werften-Insolvenzverwaltung von Wirtschaftsprüfern mehr als eine halbe Milliarde Euro Schadensersatz wegen fehlerhafter Sanierungsgutachten ein. Heute beginnt vor dem Landgericht Hamburg das Verfahren. 514 Millionen Euro Schadensersatz klagt Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein – ein seltenes Vorgehen.

Doch Brinkmann sieht sich offenbar auf der sicheren Seite: KPMG hatte den Werften auf dem Höhepunkt der Finanzkrise der Schiffbauer in Gutachten Sanierungsfähigkeit attestiert und daran auch nach massiven Zweifeln von Branchenexperten über Jahre festgehalten. Noch Ende 2011 – nachdem aufgrund falscher Planungen immer wieder Liquiditätslücken aufgetreten waren – hatte KPMG die Richtigkeit des Sanierungsgutachtens von Anfang 2010 bestätigt. Pflichtverletzung, wird den Wirtschaftsprüfern in dem Verfahren nun vorgeworfen.

Insolvenzverwalter Brinkmann wollte sich im Vorfeld des Verfahrens nicht äußern, ließ er einen Sprecher ausrichten. Für heute sei eine erste Erörterung angesetzt, sagte Gerichtssprecher Kai Wantzen gestern. Über den weiteren Verfahrensverlauf werde später entschieden.

Die Volkswerft hatte seinerzeit immer wieder mit Milliardenaufträgen geprahlt: Ordereingänge im Wert zwischen 1,7 bis zwei Milliarden Euro, darunter sechs Schiffe, die die öffentliche Hand bestellt hat, hieß es noch 2010 – allein es fehlte die Finanzierung. „Die Situation ist besser als bei den Nordic-Werften in Wismar und Stralsund“, meinte Ex-Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) seinerzeit.

Die Fehleinschätzungen der Wirtschaftsprüfer kommen den Steuerzahler teuer zu stehen: Aufgrund der Gutachten hatte sich das Land für weitere Finanzhilfen entschieden. Millionen-Kredite und -Bürgschaften: die Insolenz konnten sie nicht verhindern. Mindestens 217 Millionen Euro verlor das Land, für die der Steuerzahler durch Bürgschaftsausfall geradestehen musste.

In einem eingerichteten Untersuchungsausschuss hatte das Land beteuert, dass Fehler in den Sanierungsgutachten nicht leicht zu erkennen gewesen seien. Die Opposition im Landtag setzt angesichts der hohen Verluste die Landesregierung erneut unter Druck: Ein Schlussstrich könne noch nicht gezogen werden, meinte Jeannine Rösler, Vize-Chefin der Linken-Fraktion. Das Land müsse alles tun, um den Schaden zu minimieren. Rösler: „Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen scheut sich die Landesregierung, Schadenersatz bei der KPMG einzuklagen.“

Die Entscheidung steht aus: Das Land sei Hauptgläubiger im Insolvenzverfahren. Zunächst solle aber der Verlauf des Schadenersatz-Prozesses abgewartet werden, sagte Ministeriumssprecher Gunnar Bauer gestern. Mögliche Ansprüche des Landes gegenüber der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft blieben aber gewahrt.  

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