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STREITBAR : Wer welche Wahrheit aussprechen darf

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Obwohl von Kritikern verfemt, schaffen es Sarrazin und Akif Pirinçci ganz nach oben auf den Bestsellerlisten. Was läuft da schief, fragt Wolfgang Bok.

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erstellt am 04.Mai.2014 | 09:00 Uhr

Stellen wir uns folgende Situation vor: Sahra Wagenknecht ist in einem Theater zu einer Lesung geladen. Kaum Platz genommen, stürmen aufgebrachte Bürger den Saal. Sie halten Transparente hoch mit Aufschriften wie „Keine Bühne für die stalinistische Domina“ oder „Nie wieder Kommunismus“. Es kommt zu Handgreiflichkeiten – und die Veranstalter kapitulieren. Sie rufen keine Polizei, sondern schicken das Publikum nach Hause. Groß wäre die Empörung, die es selbst zur Meldung in den Hauptnachrichten bringen würde. Kommt die Intoleranz hingegen von Links, wird derlei aggressive Störung als Akt entschlossener Demokraten goutiert. So geschehen, als „Schreihälse“ (FAZ) unlängst im Berliner Ensemble eine Diskussion mit dem Publizisten Thilo Sarrazin, zu dem das Magazin „Cicero“ geladen hatte, verhinderten. Der Berliner SPD-Vorsitzende Jan Stöß, der Regierender Bürgermeister in der Hauptstadt werden will, twittert öffentlich Beifall: „Wenn wir ihn schon nicht loswerden: Ausgerechnet das Berliner Ensemble sollte dem nicht auch noch seine Bühne öffnen.“ Auch die grüne Bürgermeisterin von Kreuzberg, „deren ruinöser Politikstil Teile ihres Bezirks inzwischen schwer bewohnbar macht“ (FAZ), entrüstet sich, dass dem Noch-immer-SPD-Mitglied Sarrazin Gelegenheit geboten werden sollte, die Thesen in seinem aktuellen Buch „Der neue Tugendterror“  öffentlich zu verteidigen.

Sarrazin stört  Stattdessen werden sie belegt. Denn Sarrazin erlebt nicht nur in Berlin „die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ (so der Untertitel seines aktuellen Buches), sondern auch im Fernsehen: Während Wagenknecht, Gysi & Co. bei kaum einer politischen Talkshow fehlen dürfen, wird der ehemalige Bundesbanker und Finanzsenator entweder gar nicht eingeladen – oder wieder ausgeladen, sobald es auch nur den Hauch eines Protestes gibt. In Verrissen kann der Berliner mit dem schiefen Blick mittlerweile Baden. Nur wenige Kritiker wie etwa Denis Scheck, der spät in der ARD „Druckfrisch“ senden darf, macht sich die Mühe, die fast 400-seitige Fleißarbeit vorurteilsfrei zu bewerten. Man könnte ja mit der eigenen Neigung zur medialen Manipulation konfrontiert werden.

Kübelweise Hochmut wird nun auch über Akif Pirinçci ausgegossen. Erlaubt sich doch der Katzen-Krimi-Autor tatsächlich, uns den (Zerr-)Spiegel vorzuhalten: „Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Schwule und Ausländer“. Binnen weniger Tage wird die Abrechnung mit seinem „Mutterland“, wie er sein Deutschland nennt, auf Nummer 1 der Amazon-Liste katapultiert. Entgeistert fragt sich das Feuilleton: Wie konnte das passieren? War es vielleicht doch keine so gute Idee, Bücher im Internet zu verbreiten; sie also der hochmögenden Zensur durch qualifizierte Leser zu entziehen? Provokationen sind ja gut und recht. Aber doch nicht  von Rechts!

 Akif Pirinçci aber rechnet ab. „Mit Gutmenschen und vaterlandslosen Gesellen, die von Familie und Heimat nichts wissen wollen. Mit einer verwirrten Öffentlichkeit, die jede sexuelle Abseitigkeit vergottet. Mit Feminismus und Gender Mainstreaming. Mit dem sich immer aggressiver ausbreitenden Islam und seinen deutschen Unterstützern. Mit Funktionären und Politikern, die unsere Steuern wie Spielgeld verbrennen“, wie der Verlag Manuscriptum  die Sünden der Abweichung etwas reißerisch aufzählt. Die Tonlage gibt die Tonlage wieder: Mit heiligem Zorn bekämpft der in Istanbul geborene Bestsellerautor „eine korrupte, politisch korrekte Kaste, die nur ihre eigenen Interessen verfolgt.“ Es ist „der Aufschrei eines Rufers in der Wüste, der sein geliebtes Mutterland am Abgrund sieht“. Vielleicht, so schwant dem in Berlin lebenden Autor, „ist es das letzte Buch seiner Art, denn das meinungspolitische Zwangskorsett wird täglich enger“.  Nur gut, dass Pirinçci kein gebürtiger Deutscher ist. Als Bürger mit Migrationshintergrund ist die Toleranzschwelle deutlich niedriger.

Der Wut freien Lauf

Also lässt er seiner Wut freien Lauf und bemüht sich erst gar nicht, diese in kommoden Wortgirlanden abzufedern: „Man darf in diesem Land in einer Kneipe nicht mehr rauchen, aber nach der eingeatmeten rauchfreien Luft einer Kneipennacht und deren süßer Folge ein Kind abtreiben. Und die komplette linksversiffte Presse applaudiert dazu. Die Heterosexualität, also das Starterset der Menschheit, das „Normale“, wird entweder als ein Witz oder als graue Zahlenkolonne abgehandelt. Es sei denn, es dreht sich um Muslims, da singt sogar der Lederschwule von der taz das Hohelied des Heteros und verteidigt Ay´s Kopftuch mit Zähnen und Klauen, damit sie nicht etwa durch das obszöne Zeigen ihres Haares auf Schritt und Tritt, wie es in Deutschland so der Brauch ist, vergewaltigt wird.

Doch das allein genügt nicht mehr. Dafür gibt es mittlerweile zu viele türkischstämmige Comedians, welche die „Kanak-Sprache“ zum Geschäftsmodell erhoben und prominente Sendeplätze erobert haben.  Der 1959 in Istanbul geborene Pirinçci, der 1969 mit leeren Händen nach Deutschland kam, hat seine Katzenkrimis („Felidae“, „Die Tür“ etc.) immerhin millionenfach verkauft. Sie wurden in 17 Sprachen übersetzt und sogar mit renommierten Schauspielern wie Heike Makatsch verfilmt. Das macht es schwerer, diese Wutrede zu ignorieren. Zumal der Zuspruch in den Foren groß ist. Dieser Erfolg bietet einen gewissen Schutz. So wie man Botho Strauß, der im Balkankrieg die Serben gegen den Westen in Schutz genommen hat, oder Nobelpreisträger Günther Grass, der Israel zur Weltkriegsgefahr erklärt hat, nicht einfach den Mund verbieten kann.

Ein aufgeklärtes Land würde nun mit provokanten Beobachtern wie Pirinçci, Sarrazin & Co. diskutieren. So wie die Dänen über die Anklagen des Lyrik-Rappers Yahya Hassan gegen „heuchlerische Muslime“, die das Land verachten, in das sie geflohen sind, ernst nehmen. Mal emotional, mal sachlich ließen sich auch bei uns die Thesen der Bestseller-Autoren auf ihre Stichhaltigkeit hin hinterfragen: Wie steht es um die Parallelgesellschaften, die wir nicht sehen wollen? Fördern wir die falschen Muslime – und stoßen damit jene vor den Kopf, die sich in ihrer neuen Heimat an Recht und Gesetz halten? Denn darüber beklagen sich mittlerweile viele liberale Muslime in Deutschland: Dass den Radikalen mehr Raum gegeben wird als denen, die sich in ihrer neuen Heimat an Recht und Gesetz halten. Der Riss geht durch die Migranten selbst.

Doch zu einer offenen Diskussion kommt es nicht. Linke dürfen Podien stürmen. In Berlin oder Hamburg dürfen sie sogar fast risikolos „Luxuskarossen abfackeln“. Aber die Ergüsse eines „Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien“, wie sie Harald Staun in der Sonntags-FAZ angewidert beschreibt, zur Debatte erheben? Bloß nicht. Zu groß ist die Angst vor dem Beifall „von der falschen Seite“. Toleranz hat schließlich Grenzen.

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