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Tod bei der Erntejagd : Wer schoss im Maisfeld?

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Es war ein tragischer Unglücksfall: Im September 2008 kam bei einer Wildschweinjagd in NWM ein 50-jähriger Familienvater ums Leben. Tödlich getroffen von der Kugel eines Jagdgefährten starb er im Krankenhaus.

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erstellt am 13.Mär.2012 | 09:50 Uhr

Schwerin | Es war ein tragischer Unglücksfall: Im September 2008 kam bei einer Wildschweinjagd in Nordwestmecklenburg ein 50-jähriger Familienvater ums Leben. Tödlich getroffen von der Kugel eines Jagdgefährten starb er im Krankenhaus. Jetzt, vier Jahre später, wird der Fall erneut vor Gericht verhandelt - und er erweist sich als komplizierter, als auf den ersten Blick gedacht.

Der 40-jährige Jäger Thomas K. sitzt bei der Berufungsverhandlung im Schweriner Landgericht auf der Anklagebank. Er war 2010 in erster Instanz vom Amtsgericht Wismar wegen fahrlässiger Tötung zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. 15 000 Euro Schmerzensgeld sollte der gelernte Handwerksmeister an die Witwe zahlen. Doch er erkannte das Urteil nicht an. Er bestritt und bestreitet noch heute, den tödlichen Schuss abgegeben zu haben. Bei der sogenannten Erntejagd an einem Maisschlag bei Naschendorf waren vier Männer beteiligt. Zwei haben geschossen: K. und ein heute 72 Jahre alter Rentner. Das hatten die Ermittlungen ergeben. Beide Männer haben je ein Schwein erlegt. Einer von ihnen muss dabei versehentlich den Jagdgefährten getroffen haben.

Das Amtsgericht hegte keinen Zweifel, dass K. der Unglücksschütze war. Er hatte vier der insgesamt fünf Schüsse abgefeuert. Blinden Jagdeifer hatte der Richter damals K. vorgeworfen. "Grob fahrlässig" habe er gehandelt und zudem seine Pflichten als Jagdleiter verletzt. Es habe keine klare Einweisung gegeben. Die Jäger hätten eher willkürlich um das mehr als zwei Meter hohe Maisfeld herum gestanden. K. habe den später Getöteten während der Jagd weder gesehen noch seine Position gekannt. Er hätte überhaupt nicht in dessen Richtung schießen dürfen. Von "Jahrmarktsgeballer" sprach der Richter damals in einer emotional aufgeladenen Verhandlung.

Das Interesse an der neuen Verhandlung nun in Schwerin ist ebenfalls groß: Jagdfreunde, Fachleute und Angehörige beider Seiten sind hier. Richterin Sigrun Meermann mahnt Ruhe und Sachlichkeit an. Acht Sachverständige wurden bislang gehört, Jagd- und Waffenexperten darunter. Doch noch immer gibt es offene Fragen. Er könne nicht zweifelsfrei feststellen, ob der Durchschuss den Getöteten von vorn oder von hinten getroffen hat, sagte gestern Gerichtsmediziner Jörg Rummel. Position und Haltung des Mannes zum Zeitpunkt der Schussabgabe seien völlig unklar. Projektile wurden nie gefunden. Auch nicht bei dem erlegten Wild. Experten haben eines der beiden Schweine untersucht und dabei nur einen Einschuss festgestellt. Das zweite war zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits verkauft. Die Schwarte ließ sich noch auftreiben - dort sollen Ein- und Ausschussloch vorhanden gewesen sein.

War es also ein Durchschuss, der unglücklicherweise den Jäger traf? Aber noch steht offenbar nicht zweifelsfrei fest, wer von beiden Schützen welches Schwein erlegte. Dazu soll am kommenden Prozesstag ein weiterer Zeuge gehört werden.

Thomas K. wandte sich gestern auch an die Witwe, die Nebenklägerin ist. Er sei nicht der "gefühlskalte Killer", als der er dargestellt werde. Der Tod des Jagdfreundes mache ihm zu schaffen. Aber schuld daran sei er nicht, wehrt er ab. "Er fehlt mir so", sagt die 51-Jährige, die eigenen Angaben nach psychologisch betreut wird. "Mein Mann ist tot und niemand wird dafür bestraft", fürchtet sie. Dies sei ein unerträglicher Gedanke. Am 28. März geht der Prozess weiter. Dann wird möglicherweise das Urteil gesprochen.

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