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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 22:58 Uhr

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

vom

svz.de von
erstellt am 19.Dez.2011 | 05:05 Uhr

Klein Trebbow/Schwerin | Eigentlich sollen Schornsteinfeger Glück ins Haus bringen. Dieser Mann in Schwarz jedoch bringt nichts als Ärger: Ein Kaminkehrer aus Nordwestmecklenburg tyrannisiert seit Jahren seine Kunden. Bei Neubauten in seinem Kehrbezirk erklärt er Gasheizungen für unzulässig, bei neuen Kaminen verweigert er die Abnahme, seine Kunden überzieht er mit Mahnungen, Drohungen, Gebühren. Die Liste der Leidtragenden ist lang. Hilfe nicht in Sicht. Unsere Zeitung berichtete bereits mehrmals.

Einige Opfer des Kamin-Despoten sind nun einen Schritt gegangen der einzigartig in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns sein dürfte: Sie gründeten eine Bürgerinitiative, um dem Schornsteinfeger endlich den (beruflichen) Kamin zu verstopfen. Sie fordern: Freier Rauch für freie Bürger. 21 Menschen gehören zur Gruppe. Würde es um den Protest gegen einen Autobahnbau gehen, wäre das wenig. Doch dass sich so viele Menschen zusammenfinden, um gegen einen einzigen Schornsteinfeger mobil zu machen, das ist dann doch erstaunlich.

Ulf Bähker ist Mitglied der Initiative. Denn auch ihm und seiner Familie macht der Schornsteinfeger das Leben schwer. "Uns und unserer eineinhalbjährigen Tochter würde er am liebsten die Heizung abdrehen", sagt der Mann, der in Klein Trebbow (Nordwestmecklenburg) wohnt. Seit Monaten weigert sich der Bezirksschornsteinfeger, die Heizung im neuen Haus der Familie abzunehmen. Warum, das weiß niemand so recht.

Längst haben Bauamt und Sachverständige bestätigt, dass mit der Heizungsanlage alles vollkommen in Ordnung ist. Der Fall scheint sonnenklar. Nur einer blockiert die Abnahme: der Bezirksschornsteinfeger. Er besteht darauf, dass die vorliegenden Unterlagen nicht komplett seien. Angst hat die Familie vor allem, dass der Versicherungsschutz für das Haus erlöschen könnte. "Wenn etwas passiert, dann wird die Versicherung feststellen, dass unsere Heizung nicht offiziell abgenommen war - und dann?", fragt sich der Familienvater. Vor ihm liegt ein zentimeterdicker Papierstapel. Zeugnis der Posse um einen Schornsteinfeger.

Alle Hebel hat Bähker in Bewegung zu setzen versucht. Vergeblich. Das Gespräch mit dem Schornsteinfeger - sinnlos. Das Wirtschaftsministerium - sprachlos. Der Ministerpräsident höchstselbst - aktionslos. "Inzwischen weiß ich nicht mehr, was ich noch machen soll", sagt er und zuckt mit den Schultern. Er hat den Eindruck, dass sich niemand des Problems annehmen will. "Mein Ärger und die Enttäuschung über die Behörden sind mittlerweile größer, als die Wut über den Schornsteinfeger", sagt Bähker. Die Mitglieder der Bürgerinitiative fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen.

Ein Blick in die Vergangenheit macht deutlich, wie lang die Liste der Streitfälle um den Schornsteinfeger bereits ist: Anfang 2007 verweigert der Handwerker einem jungen Paar die Abnahme ihrer Gasheizung. Nach langem Hin und Her verklagt das Paar den Mann, ein Gericht verurteilt ihn Ende 2008 wegen schwerer Nötigung zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung. Doch der Mann in Schwarz treibt weiter sein Unwesen. Anfang 2010 lässt er eine junge Familie in Klein Trebbow mit einem halbjährigen Baby im Kalten sitzen. Ein älteres Ehepaar verzweifelt fast an dem Streit - der Mann verweigert den beiden die Abnahme eines Kaminrohres. Nach einem drei Kilo schweren Papierkrieg ließ das Wirtschaftsministerium Landesinnungswart Uwe Gerath den Schornstein überprüfen. Dessen Urteil: "Ich sehe hier kein Problem."

Auch eine Abordnung des Wirtschaftsministeriums war bei dem Vororttermin im Dezember vergangenen Jahres dabei. Von Konsequenzen für den Schornsteinfeger hatte Ministeriumsmitarbeiter Josef Walber damals gesprochen. Doch passiert ist bis heute offenbar nicht viel. Keine Konsequenzen, keine Sanktionen, keine Zwangsmaßnahmen. Wie viel Macht hat ein Bezirksschornsteinfeger, wie wenig Macht ein Ministerium? Diese Frage stellen sich im Kehrbezirk des Mannes viele. Der ist meistens nicht zu erreichen. Auch unsere Zeitung bekam den Schornsteinfeger nicht ans Telefon.

Aber warum greift das Wirtschaftsministerium nicht härter durch? Ministeriumssprecher Gerd Lange versucht es mit einer Erklärung: "Es wurden bereits Aufsichtsmaßnahmen gegen den Bezirksschornsteinfeger in die Wege geleitet, diese sind jedoch nicht alle bestandskräftig geworden." Das Ministerium lasse Bürger nicht im Stich, es seien jedoch bei allen Verfahren Vorschriften einzuhalten. Überzeugen kann er die Opfer des schwarzen Mannes damit nicht wirklich.

Ganz abgesehen von solchen Streitigkeiten regt sich bereits seit Jahren Widerstand gegen die Monopolisten Schornsteinfeger. Denn in Deutschland gibt es das Kehrmonopol. Im Klartext: Hausbesitzer müssen bei den gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten wie dem Kehren und Messen den jeweiligen Bezirksschornsteinfeger beauftragen. Ausnahmen gibt es nicht. Gut für’s Geschäft des Schornsteinfegers, schlecht für den Hausbesitzer, dem keine freie Wahl bleibt. Ein Monopol im Namen des Staates. 2013 wird dieses Monopol gelockert. Dann kann der Hausbesitzer selbst entscheiden, welchen Schornsteinfeger er auf sein Dach schickt.

Die regelmäßigen Kontrollen eines Schornsteinfegers bleiben hingegen bestehen. Das stößt auf Widerspruch. Denn den Sinn der Schornsteinfegerarbeit ziehen Kritiker in Zweifel. "An modernen Feuerungsanlagen existiert keine Brandgefahr, die ein Schornsteinfeger verhindern könnte", lautet das Credo von Dirk-Gunter Herfurth. Der Ingenieur aus Stralsund gehört einer Interessengemeinschaft an, die gegen Schornsteinfeger mobil macht. Es reiche aus, wenn eine Heizungsanlage bei der Wartung kontrolliert werde, sind sich die Mitglieder der Initiative sicher. Früher galten Schornsteinfeger als Glücksbringer. Zeiten ändern sich.

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