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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 17:55 Uhr

Wenn Tierliebe zur Quälerei wird

vom

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erstellt am 23.Aug.2012 | 09:42 Uhr

Güstrow | Der Mann in grüner kurzer Hose und schwarzen Gummilatschen entschuldigt sich: Er hat es nicht mehr geschafft, seine 64 Hektar aufzuräumen. Weiße Plastikeimer türmen sich. Auf der Wiese liegen Zaundrähte, kreuz und quer stehen Kanister und Tonnen. Auf dem Gelände von Klaus Narjes (74) in Hohen Sprenz (Landkreis Rostock) sieht es nach viel Arbeit aus.

Und dann sind da ja noch die vielen Tiere. Der Hengst Ischawell, der Schafbock Frenzel, der Kampfganter Konrad, die Mischlingshunde Rexana und Aschgar. Dabei wird jedes Tier gleich behandelt. "Ich mag alle", sagt Klaus Narjes, der auch gern Bauer Klaus genannt wird, fast liebevoll. Sein Herz ist riesengroß. So tummeln sich auf dem Areal so groß wie etwa 90 Fußballfelder 16 weitere Hunde, schnattern über 80 Gänse, blöken und meckern mehr als 100 Schafe und Ziegen. Bauer Klaus umgibt sich auch gern mit Federvieh: Gut 500 Hähne, Hennen, Küken und Tauben stolzieren über den Hof. Nach seinen Schätzungen sind es insgesamt fast 1000 Tiere, "mal mehr, mal weniger", sagt der Bauer. Das liegt an der Fortpflanzungsfreude seiner nicht kastrierten Tiere. Klaus Narjes sagt aber: "Ich habe alles im Griff."

Dieter Ernst, Präsident des Europäischen Tier- und Naturschutzvereins nahe Köln, hat Bauer Klaus besucht. Er sieht das Treiben kritisch: "Das ist alles zu viel für einen einzigen Mann." Der Bauer schaffe es nicht, die Tiere regelmäßig und intensiv zu pflegen, so Ernst. Der Landwirt habe so viele Aufgaben, da blieben die Tiere auf der Strecke. Die Hunde seien abgemagert, die Schafe verwahrlost.

Schädel und Gerippe häufen sich

Klaus Narjes, dessen Lebensgefährtin vor vier Jahren verstarb, versteht den Rummel um seine Tiere nicht. Sie sind seine Familie. Täglich steht er um 4 Uhr morgens auf und besorgt Futter. "Einen Wecker brauche ich dafür nicht", sagt er. Im Sommer benötigt er 250 Kilogramm Futter in der Woche, im Winter muss er das Doppelte ranschaffen. Klaus Narjes lebt von einer kleinen 400-Euro-Rente, bekommt Aufforstungsprämie und auch Pachterlöse von Jägern. "Aber das Geld reicht nicht", sagt er und ist auf Spenden angewiesen. Von Bekannten bekommt er oftmals Fleisch- und Fischabfälle.

Besuchern gegenüber zeigt sich der Bauer gastfreundlich. "Den Fisch habe ich extra weiter weg abgeladen, damit das nicht so stinkt", sagt er. Durch die Sommerhitze würde das sehr riechen. Doch während eines Hofrundgangs führt der Weg auch an den Fischköpfen entlang. Noch steht der Wind günstig. Doch beim Anblick der Fischreste, von einer Heerschar dicker Brummer befallen, ist dann der Gestank überwältigend. Mund und Nase sind zugeschnürt. Das würde er später den Hunden zu fressen geben, sagt Bauer Klaus, der sei 1968 den elterlichen Hof betreut.

Doch was für den Landwirt selbstverständlich ist, birgt für Tierschützer Dieter Ernst echte Seuchengefahren. Nicht nur, dass der Fisch in der Hitze rumliege, sondern auch dass Tierkadaver in den Zwingern verwese. "Schädel und Gerippe häufen sich", sagt der Tierschützer.

Eigentlich müsste einmal sauber gemacht werden, räumt Bauer Klaus ein. Er versichert aber sofort: "Meinen Tieren geht es trotzdem gut, sie könnten es nirgends besser haben." Einen Tierarzt brauche er nicht. Alle Tiere seien gesund. "Der Tierarzt würde also nichts verdienen", sagt er.

Das Geflügel brütet in Plastikeimern

Aber bevor er zum Aufräumen komme, kämen ihm meistens so viele andere Dinge dazwischen. Er müsse Wetterschäden reparieren oder Zäune flicken. Oder neue Unterstände planen, vor einem Jahr ist der Stall abgebrannt. Die Tiere leben seitdem ohne Unterstand. Sommer wie Winter. Aus dem verfallenen Elternhaus soll zum Beispiel ein Obdach fürs Geflügel entstehen. Bisher brütet es in Plastikeimern und schläft auf Bäumen.

Für Tierschützer Dieter Ernst ist das allerdings unvorstellbar. Seiner Meinung nach müssten alle Tiere einen Unterstand haben. Er beruft sich dabei auf das Tierschutzgesetz. Täglich frisches Wasser ist außerdem das A und O. Bauer Klaus sagt, dass er den Tieren so viel Brunnenwasser gibt, dass es für zwei Tage reicht. Dieter Ernst sieht das mit Sorge, denn im Winter sei es gut möglich, dass der Brunnen zufriert. "Da hat er schon Verluste einstecken müssen. Letzten Winter sind Hunde erfroren", prangert der Tierschützer an.

Den Tieren etwas Böses zu wollen, liegt Bauer Klaus fern. Er liebt seine Tiere: "Man kann mich als tierfanatisch bezeichnen", sagt er. Das bestätigt Dieter Ernst: "Er kümmert sich aufopferungsvoll und will alles schaffen." Dabei stoße Bauer Klaus aber an seine Grenzen.

An die 18 Stunden ist Klaus Narjes täglich auf den Beinen, um für seine Tiere zu sorgen. Wasser vom Brunnen zu den Zwingern transportieren, Futter verteilen, die Hunde miteinander spielen lassen oder die geliebten Kanada-Gänse beobachten. Dann fällt er kurz vor Mitternacht müde ins Bett.

Eine richtige Schlafstelle hat Bauer Klaus nicht. Mehrere alte Wohnwagen stehen herum. Aufgebockt. Mit platten Rädern oder kaputten Fenstern. "Irgendwo hier schlafe ich, aber am liebsten ganz nah bei meinen Tieren", sagt er. An sich selbst denkt der 74-Jährige nur zur Mittagszeit. Da fährt er immer mit seinem roten Transporter nach Hohen Sprenz zur Imbissbude. "Ein warmes Essen am Tag muss sein", sagt er. Den Rest des Tages gibt es Stulle.

Noch viel mehr Tiere sollen es sein

Die Eier von seinen hunderten Hühnern rührt er nicht an. "Die sind zu wertvoll. Die werden alle ausgebrütet und verkauft", erklärt er und zeigt zu einem ausrangierten grünen Bienenwagen, in dem sich die Brutkästen befinden. Verkaufen will er eigentlich auch immer seinen geliebten Hunde-Nachwuchs.

Aber nur ungern trennt sich Bauer Klaus von seinen Tieren. "Nur wenn ich weiß, dass sie es anderswo gut haben, gebe ich sie her", betont er. Der Hohen Sprenzer möchte noch viel mehr Tiere. Allein die Hühner sollen über 500 Stück werden, vom Küken bis zur Legehenne.

Dieter Ernst dagegen fordert strenge Auflagen. Der Tierbestand müsse konsequent reduziert werden. Das obliege dem zuständigen Veterinäramt. Doch es passiert nichts. "Was soll mit den Tieren geschehen, wenn dem Bauern plötzlich etwas passiert?", fragt er.

Dafür sei gesorgt, beruhigt Bauer Klaus. Es würde einen Nachfolger geben. Und wenn nicht, müssten die Tiere eben wirklich nach und nach weg. Aber erst einmal soll die Familie vergrößert werden, "weil Tiere etwas so Dankbares sind".

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