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Theaterdebatte in MV : Wenn nur noch Gottschalk bleibt

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Es wirkt wie eine Verschwendung, dass in jedem mittelgroßen Städtchen ein Opernensemble finanziert wird. Die Kulturlandschaft hat sich von einer fantastischen Kreatur zu einem geldverschlingenden Monstrum entwickelt.

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erstellt am 21.Mär.2012 | 09:00 Uhr

Vier Opern-Premieren in Mecklenburg-Vorpommern allein im Januar - eine in Schwerin, eine in Stralsund, eine in Neustrelitz, eine in Rostock..., Sebastian Schröder, SPD-Politiker, Kultusstaatssekretär und derzeit Krisenmanager in der Theaterdebatte im Norden, lässt den Satz offen. Aber man ahnt, was er meint: Hat der Kulturstaat Deutschland von Allem zu viel und überall das Gleiche? So, wie es die Autoren im eben bei Knaus, München, erschienenen Streitbuch "Der Kulturinfarkt. Von Allem zu viel und überall das Gleiche" provozieren? Es erscheint wie eine unglaubliche Verschwendung, dass in jedem mittelgroßen Städtchen ein Opernensemble finanziert wird. Seit den 70ern entwickelte sich die Kulturlandschaft in Deutschland von einer fantastischen Kreatur zu einem geldverschlingenden Monstrum. Nicht erst in Zeiten knapper werdender Kassen stellt sich die Subventionsfrage für Museen, Opern und Theater. 3200 statt 6300 Museen, 4000 Bibliotheken statt 8200? 300 statt 600 Opern-Aufführungen, Konzerte und Musicals in MV pro Jahr, 600 statt 1200 Schauspielvorstellungen?

1. Der Unmut über den Kulturstaatsbetrieb

Die vier Autoren, die solches intendieren, sind selbst Kulturfunktionäre und Politikberater: Der Soziologe Dieter Haselbach, der Direktor der Schweizer Kulturstiftung "Pro Helvetia", Pius Knüsel, der Professor für Kulturwissenschaft, Armin Klein, sowie Stephan Opitz, der in Kiel das Grundsatz-Referat im Kultusministerium leitet. Sie haben in ihrer "Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubventionen" nicht nur ihren Unmut über den Kulturstaatsbetrieb zusammengetragen, sondern sich auch den Unmut des deutschen Feuilletons zugezogen. Seit Tagen sprühen die Gazetten Gift und Galle. Doch die Frage darf gestellt werden. Sie stellt sich auf Grund ökonomischer Zwänge von selbst, wie wir derzeit anhand der Theater- und Orchesterdebatte in Schwerin und Rostock, in Greifswald wie Stralsund, in Neubrandenburg wie Neustrelitz erleben. Es kommt allerdings darauf an, wie diese Frage beantwortet wird.

2. Schadet zu viel Geld der Kultur?

Von Allem zu viel und überall das Gleiche? Anders gesagt: Schadet zu viel Geld der Kultur nur? Wer den Kulturbetrieb in Wertschöpfungskategorien misst, mag durchaus zu dem Schluss kommen. Das Bundeswirtschaftsministerium fand in einer Studie 2009 heraus, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland eine Million Erwerbstätige beschäftigt und einen Beitrag von 63 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung leistet. Kunst als weicher Standortfaktor, als Begleitmusik der harten Faktoren Wirtschaft, Dienstleistung und Finanzwesen? Geht es darum in der Kultur? Der Künstler als die Ingenieur der Seele, wie es Stalin Ende der 30er-Jahre für den realsozialistischen Schriftsteller postulierte? Kultur als Stellschraube im wirtschaftlichen Getriebe einer Gesellschaft? Unsinn. Oder möchte jemand, dass die heutige Generation in 100 Jahren nur noch mit Thomas Gottschalk in Verbindung gebracht wird?

3. Orte des Zeitgeistes

Theater, Museen, Bibliotheken sind die Denkmale unseres gesellschaftlichen Gewissens. Sie sind Orte der Geschichtsdeutung und -bewahrung. Sie sind Orte der Erkenntnis genauso wie die Schulen. Und ihre Protagonisten sind die Bewahrer der Zeitgeschichte mit ihren Irrtümern und Lichtblicken. Nicht um Wertschöpfung geht es, sondern um den Zeitgeist. Es darf nicht um Geld gehen, wenn wir uns selbst erkennen wollen. Der Schrumpfungsprozess hat doch längst begonnen. "Auch wenn der Vorstoß der Kulturmarktliberalen sachliche Fehler und eine erstaunliche Ahnungslosigkeit aufweist, versorgt ihr Buch Hochkulturverächter mit Munition", schreibt Peter Laudenbach auf "Zeit online". Es mag eine Bedeutungserosion der Theater geben. Aber diese fiskalisch statt künstlerisch zu debattieren, bedeutet die Demontage der Kulturrepublik Deutschland. Die Kulturdebatte, die nicht nur Theater meint, ist eine Bildungsdebatte. Wenn die jüngste Bildungsstudie der Bertelsmann Stiftung zu dem Schluss kommt, dass deutsche Gymnasien Biotope der Oberschicht sind, und Kinder von Professoren ungleich bessere Bildungschancen haben, dann gilt das ebenso für den Kulturbetrieb. Und da ran sind nicht vordergründig die persönlichen finanziellen Voraussetzungen schuld.

4. Kultur braucht Qualität und Quantität

Schon heute ist es so, dass es ein Kind in Ueckermünde bis zum Abitur bringen kann, ohne einmal einen Klassiker im Theater gesehen zu haben, ja ohne einmal überhaupt im Theater gewesen zu sein. Zu behaupten, diese Situation verbessere sich, wenn man das Kulturangebot schrumpft, ist nicht nur eine Provokation, sondern eine Bedrohung für die deutsche Denkernation. Kultur braucht Qualität, aber ebenso Quantität.

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