ASB-Wünschewagen : Wenn nicht mehr viel Zeit bleibt

Nicht geplanter Abstecher: Korinna Lembke und Andreas Langberg fahren Günter Holz noch einmal zu seinem Garten.
Nicht geplanter Abstecher: Korinna Lembke und Andreas Langberg fahren Günter Holz noch einmal zu seinem Garten.

Ehrenamtler erfüllen Schwerkranken in Mecklenburg-Vorpommern ihre letzten großen Wünsche

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07. September 2017, 12:00 Uhr

Auf dem Quark leuchten rot die Erdbeeren. Günter Holz sticht ganz vorsichtig mit der Kuchengabel hinein, schiebt sich ein kleines Stück der Torte in den Mund – und strahlt. „Wer einmal vom Kuchen meines Bruders gegessen hat, will das immer wieder tun“, erklärt der 80-Jährige. Auch in der Pflegeresidenz Wutschke in Rostock, in der der Senior lebt, kennen die meisten seine Schwärmerei für die Leckerei – und den Wunsch des Schwerkranken, noch einmal in der Bäckerei seines Bruders in Zingst ein Stück davon zu essen. Weil „Holzi“ den Pflegekräften ans Herz gewachsen ist, wandten sie sich an das Team des Wünschewagens des Arbeiter-Samariterbundes (ASB).

„Wenn Menschen nur noch wenig Zeit bleibt, erfüllen wir ihren letzten großen Wunsch“, erklärt Projektleiterin Bettina Hartwig. In anderen Bundesländern sind Wünschewagen schon länger unterwegs, seit Juni gibt es nun auch in Mecklenburg-Vorpommern einen. Der ASB-Landesverband in Rostock fungiert zwar als Träger, tatsächlich aber sind es Ehrenamtler, die die letzten Wünsche erfüllen. „Mittlerweile haben wir schon an die 70 Freiwillige gewinnen können, allerdings sind erst 30 von ihnen geschult“, erzählt Bettina Hartwig. In erster Linie sind es Menschen aus medizinischen Berufen, die mitmachen: Rettungsassistenten, Intensivpfleger oder Krankenschwestern – „denn viele unserer Fahrgäste müssen unterwegs medizinisch versorgt werden“, erklärt die Projektleiterin. In den Schulungen wird ihnen vor allem der rechtliche Hintergrund der Einsätze erläutert. Ganz wichtig ist es, dass bestehende Patientenverfügungen beachtet werden – „auch, wenn es darin zum Beispiel heißt, dass keine Reanimation gewünscht wird“, betont Bettina Hartwig. Noch sei es allerdings nicht erforderlich gewesen, einen Fahrgast wiederzubeleben. „Das hören wir bei den Netzwerktreffen auch aus den anderen Regionen, in denen Wünschewagen unterwegs sind“, so die Projektleiterin. Womöglich versetzt die bevorstehende Erfüllung ihres Wunsches den Betroffenen noch einmal einen Adrenalinkick, vermutet sie.

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Auch Günter Holz wirkt regelrecht aufgekratzt, als die Wünschewagen-Besatzung ihn abholt. Bettina Hartwig hat er schon einige Tage zuvor kennengelernt, als sie mit ihm die Details der Fahrt absprach. Korinna Lembke und Andreas Langberg machen sich erst jetzt mit ihm bekannt. Die ausgebildete Krankenschwester und der Rettungssanitäter haben sich für diesen Einsatz melden können, weil sie gerade im Urlaub sind. Für Korinna Lembke, die im Sozialdienst des Krankenhauses Bad Doberan arbeitet, ist es sogar die erste Wünschefahrt überhaupt. „Ich habe nicht besonders gut geschlafen, weil ich nicht wusste, was mich erwartet“, gesteht sie.

Eine Woche zuvor hatte Bettina Hartwig, wie bei anderen Wünschefahrten auch, nur ganz allgemein Zeitraum und Ziel über einen SMS-Verteiler an die Ehrenamtler geschickt. Nur wer Zeit hat, meldet sich zurück – und erfährt dann von der Projektleiterin Näheres zum geplanten Einsatz. Bei der Übernahme des Wünschewagens, der in Bad Doberan steht, weist sie das Team dann detailliert ein.

Diesmal ist wenig zu beachten: Günter Holz muss nicht liegend transportiert werden, er muss unterwegs keine Medikamente bekommen. Auf direktem Weg soll es nach Zingst gehen. Doch der frühere Busfahrer sieht durch die Fenster des umgebauten Mercedes-Sprinters immer wieder Dinge, die Erinnerungen in ihm wach rufen. „Gleich sind wir in Klein Müritz. Da hatten wir unseren Garten. Ob wir da wohl vorbeifahren könnten?“, fragt der Witwer. „Aber ja“, sagt Bettina Hartwig, die am Steuer sitzt. „Unsere Fahrgäste haben keine Zeit mehr – wir ja“, erklärt sie später.

Brüdertreffen in Zingst:  Rudi, Günter und Karl-Heinz Holz  Fotos: karin koslik
Brüdertreffen in Zingst: Rudi, Günter und Karl-Heinz Holz Fotos: karin koslik
 

Günter Holz bringt von dem Zwischenstopp Pfefferminze mit ins Auto, an der er gedankenversunken riecht. Erst als der Wagen in die Zielstraße einbiegt und draußen sein Bruder aufgeregt auf die seit Stunden freigehaltene Parklücke weist, legt er sie beiseite.

Und dann wird der große Mann im Rollstuhl doch kurz von seinen Emotionen überwältigt. Denn sein Bruder Karl-Heinz, der Bäcker, und dessen Sohn Andreas, der inzwischen den Betrieb führt, haben ein richtiges Familientreffen organisiert. Rudi, der älteste Bruder, der in Zinnowitz lebt, und seine Frau sind gekommen, dazu eine Reihe von Neffen und Nichten. Zwar hatte Günter Holz die meisten von ihnen erst im Januar zu seinem 80. Geburtstag gesehen – aber hier in Zingst, wo auch seine Frau herstammte, war er schon jahrelang nicht mehr.

Wunsch erfüllt: Günter Holz wollte noch einmal in der Bäckerei seines Bruders in Zingst ein Stück Kuchen essen.
Wunsch erfüllt: Günter Holz wollte noch einmal in der Bäckerei seines Bruders in Zingst ein Stück Kuchen essen.

Während die Familie in Erinnerungen schwelgt, macht das Wünschewagen-Team einen Abstecher zur Seebrücke. Es seien, so erzählt Bettina Hartwig, oft vergleichsweise kleine Dinge, die gewünscht werden: noch einmal das Meer sehen, in der Ostsee schwimmen, die alten Mitschüler wiedertreffen… Meist seien es ältere Menschen, deren Wünsche von Angehörigen, Pflegeeinrichtungen oder Hospizen an das Wünschewagen-Team herangetragen werden. Zweimal waren aber auch schon Kinder an Bord – „das sind Situationen, die selbst ausgebildete Pflegekräfte an ihre Grenzen bringen“, weiß die Projektleiterin.

Auch wenn der Tod bei den Wünschefahrten gegenwärtig ist, gesprochen wird darüber so gut wie nie. „Wir fragen auch nicht nach, ob und wie lange jemand anschließend noch lebt“, betont Bettina Hartwig. „Der ASB Ruhr, der schon seit 2015 einen Wünschewagen betreibt, hat aber ermittelt, dass die Meisten binnen 14 Tagen nach der Fahrt loslassen können.“

Bei Günter Holz ist das schwer vorstellbar. Geistig hellwach erzählt er auf der Rückfahrt aus seinem Leben. Neben ihm steht ein großer Tortenkarton – damit er sich den Wunsch nach einem Stück Kuchen aus der Backstube seines Bruders noch öfter erfüllen kann.

So können Sie helfen

Das Wünschewagen-Team sucht ständig Unterstützung. Gebraucht werden einerseits medizinische Fachkräfte, die bereit sind, in ihrer Freizeit schwerkranke Fahrgäste des Wünschewagens zu betreuen. Helfen könne aber auch Menschen ohne medizinische Vorbildung – zum Beispiel als Fahrer.

Geldspenden ermöglichen, dass die Wünschefahrten für alle Fahrgäste kostenfrei durchgeführt werden können.

Spendenkonto Wünschewagen MV

Kontoinhaber: ASB-LV Mecklenburg-Vorpommern e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00
BIC: BFSWDE33BER
Verwendungszweck:
Wünschewagen MV

Wer seine vollständige Adresse angibt, bekommt eine Spendenbescheinigung. Weitere Auskünfte gibt Projektleiterin Bettina Hartwig

Telefon: (0381) 670 71 20
Mobil: (0172) 589 75 08

Auf der Internetseite des Wünschewagens können auch letzte Wünsche angemeldet werden.

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