Wenn Mama und Papa keinen Urlaub mehr haben

Kümmert sich um Engelchen und Bengelchen, wenn deren Eltern beruflich eingespannt sind: Agenturchefin Jana Stelzig
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Kümmert sich um Engelchen und Bengelchen, wenn deren Eltern beruflich eingespannt sind: Agenturchefin Jana Stelzig

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27. Juli 2012, 09:42 Uhr

Rostock/Kröpelin | Wer schwatzt abends am längsten in seiner Schlafkoje? Nick und Fabian. Und wer ist morgens als erster wieder wach? Nick und Fabian. "Zu Hause haben wir ja jeder ein eigenes Zimmer, da können wir nicht so viel reden", sagt der neunjährige Nick treuherzig. Und auch sein siebenjähriger Bruder hat eine Erklärung: "Ich würde keinen Tag alleine aushalten ohne meine Mama und Nicki oder ohne Papa und Nicki."

Mit der Familie waren die beiden Schweriner Brüder in diesen Ferien schon in Norwegen. "Aber jetzt müssen Mama und Papa arbeiten", erklärt Nick, bevor er sich wieder den Tieren auf dem Ferienhof Poggendiek zuwendet.

Kein ganz normales Feriencamp

Hier, unweit von Kröpelin, verbringen zurzeit elf Kinder aus ganz Mecklenburg-Vorpommern ihre Ferien. Sie schlafen im Heuhotel, toben in der Strohscheune, fahren mit dem Floß auf dem Teich, streicheln die Tiere, basteln, amüsieren sich auf der Wasserrutsche und entspannen am abendlichen Lagerfeuer. Ein "Wandertag" an die Ostsee nach Rerik steht ebenso auf dem Programm wie ein Neptunfest und eine Disco. Ein ganz normales Feriencamp, so scheint es.

Was das Camp von anderen unterscheidet, ist das Projekt, das dahinter steht: fambeKi - "Familienfreundliche betriebliche Kinderbetreuung in Ferien- und Schließzeiten". Die Rostocker Agentur "Engelchen & Bengelchen" hat es auf die Beine gestellt. "Das Land suchte im Rahmen eines Aktionsprogramms Projekte, die die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienleben fördern", erinnert sich Jana Stelzig, die Inhaberin der Agentur. "Wir haben unseren Vorschlag eingereicht und kamen so gut an, dass wir nun zwei Jahre lang vom Land gefördert werden."

Das Problem, für das die Rostocker Agentur Lösungen anbietet, kennen viele Eltern: Wie kann man in 13 Ferienwochen und an weiteren frei beweglichen Ferientagen die Betreuung der Kinder sicherstellen, wenn man selbst nur sechs, fünf oder vier Wochen Urlaub im Jahr hat?

Beruf und Familie unter einen Hut gebracht

Auch Jana Stelzig selbst kennt dieses Problem nur zu gut, schließlich ist sie Mutter von drei Kindern. 2004, nach der Geburt ihres zweiten Kindes, sah sich die Rostockerin vor die Wahl gestellt, in die Arbeitslosigkeit zu gehen oder etwas ganz anderes anzufangen. "In meinen Beruf als Hotelfachfrau hätte ich nicht mehr zurückgehen können." Mit zwei Kindern im Drei-Schicht-System zu arbeiten, das hätte sie nicht hinbekommen. "Aber ich wollte meinen Kindern auch vorleben, dass es wichtig ist, nicht nur zu Hause zu sitzen, sondern zu arbeiten."

Der eigene Wunsch, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, brachte sie schließlich auf ihre Geschäftsidee. Schließlich mussten auch andere Eltern den Spagat zwischen Kinderbetreuung und beruflicher Belastung unter einen Hut bekommen: Zum Beispiel, wenn die Tagesmutti in den Sommerferien Urlaub machen wollte. Oder wenn ein Kind zwar zu alt für die Hortbetreuung war, aber noch zu unselbstständig, um allein zu Hause zu bleiben. Ganz zu schweigen von den Eltern, deren Arbeitgeber eine Urlaubssperre ausgerechnet für die Sommerferien verhängte.

Auswahl zwischen Leih-Omi und Studenten

"Es gab schon vor Jahren in Rostock Projekte zur Randzeitenbetreuung, also zur Kinderbetreuung vor oder nach der regulären Öffnungszeit von Kindertagesstätten. Aber sie waren befristet - und die Eltern mussten einen Nachweis darüber vorlegen, dass ihre Arbeitszeiten tatsächlich über die Öffnungszeiten der Kitas hinausgingen. Das fand ich sehr bürokratisch", erinnert sich Jana Stelzig. Als eins dieser Projekte auslief, konnte sie einen relativ festen Kundenstamm übernehmen, der auch bereit war, eine privatwirtschaftlichen Preis für die Kinderbetreuung zu bezahlen. Seitdem bietet "Engelchen & Bengelchen" Kinderbetreuung im häuslichen Umfeld an - morgens vor allem zwischen 5 und 6.30 Uhr, abends ab 17 Uhr so lange, bis die Eltern zu Hause sind. "Das kann um 19 oder auch um 22 Uhr sein, in manchen Fällen sogar noch später", so die Agenturchefin. Wichtig ist ihr, dass die Kinder einer Familie möglichst immer von derselben vertrauten Person betreut werden. Eltern haben die Auswahl zwischen der erfahrenen "Leih-Omi" oder engagierten Studenten - zwischen 30 und 40 werden von der Agentur im Nebenerwerb beschäftigt.

Ferienlagerbetreuer im Nebenjob

Clara Prause ist eine von ihnen. Die 21-jährige Studentin der Sonderpädagogik arbeitet regelmäßig als"Kindermädchen" in einer Familie. Außerdem lässt sie sich, wenn dafür neben dem Studium genug Zeit bleibt, von der Agentur als Kinder-Animateurin an Familien und Unternehmen vermitteln. Als Betreuerin im Ferienlager ist sie in diesem Sommer zum ersten Mal dabei - und total begeistert. Von ihrem "Kollegen", dem Rostocker Gymnasiasten Johannes Reiche, konnte sie sich eine Menge abgucken, denn er war schon im letzten Sommer im Feriencamp für fambeKi im Einsatz. "Wenn man die Wasserrutsche aufbaut, toben die Kinder so lange, dass sie abends völlig fertig sind - dann herrscht in den Schlafkojen auch ganz schnell Ruhe", erzählt er. Langweilig werde es den Kindern auf dem Ferienhof nie - und deshalb hätte auch nur ganz selten eines Heimweh.

Das sei auch in den früheren Camps von fambeKi nicht anders gewesen, weiß Projektbetreuerin Jessica Homuth. "71 Kinder waren in diesen Sommerferien für eines unserer vier Camps angemeldet. Letztes Jahr haben wir in drei Camps 59 Kinder betreut. Einige, wie Greta-Marie oder Jolina, machen schon zum zweiten Mal mit uns Ferien."

Service der Agentur seit Jahren geschätzt

"Greta-Marie soll in den Ferien einfach auch die Möglichkeit haben, andere Kinder kennenzulernen", sagt ihr Vater Olaf Scheer. Zwar sei die Familie, zu der auch noch eine jüngere Tochter gehört, auch schon zusammen weggefahren. Aber nun sei der Urlaub der Eltern vorbei. "Und ich finde, Kinder sollten in den Ferien auch Zeit mit anderen Kindern verbringen. "

Die Familie nutzt den Service von "Engelchen & Bengelchen" quasi schon seit der ersten Stunde - und nicht nur in den Ferien. "Wir sind beide beruflich sehr eingespannt - ich arbeite bei der Ecolea, einem privaten Bildungsträger, und meine Frau im Schichtdienst und auch an Wochenenden", erzählt Olaf Scheer. Morgens kommt deshalb, wenn nötig, ein Kindermädchen ins Haus, das die Töchter weckt und für den Tag fertigmacht. "Außerdem lassen wir Greta-Marie nachmittags von der Agentur zum Klavierunterricht bringen. Und manchmal holen wir auch abends jemanden, der auf die Kinder aufpasst, um mal Zeit für uns zu haben."

Betreuungsengpässe vor allem auf dem Land

In den Ferien, so Jana Stelzig, potenzieren sich in vielen Familien die Probleme mit der Kinderbetreuung noch. "Für fambeKi haben wir deshalb schon Anfang vergangenen Jahres in Unternehmen in und um Rostock nach dem Betreuungsbedarf im Sommer gefragt." Herauskristallisiert habe sich, dass es vor allem auf dem Land Probleme gibt. "Dort machen im Sommer eine Reihe Kitas Betriebsferien."

In Rostock selbst sei das vor allem in der Woche zwischen Weihnachten und Silvester ein Problem, fanden Jana Stelzig und Jessica Homuth heraus. Die Lösung dafür: Im vergangenen Winter stellte die Rostocker Arbeitsagentur dem Projekt kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen Kinder betreut werden konnten, deren Eltern zwischen den Jahren nicht frei hatten.

"FambeKi basiert auf einem Sponsoringsystem", erläutert Jana Stelzig. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin wirbt sie bei Firmen um Geld- oder Sachleistungen, mit denen dann die - in diesem Sommer insgesamt vier - Feriencamps sowie in den letzten drei Ferienwochen auch eine Tagesbetreuung für Kinder zwischen 8 Monaten und fünf Jahren in Rostock gestützt werden kann. "Dank eines größeren Betrages von der Warnowquerung GmbH konnten wir zum Beispiel unser Camp auf Sylt bezahlbar halten. Auch das Südstadtklinikum hat uns unterstützt", so Jana Stelzig. Vorstellbar wäre aus ihrer Sicht, wenn Verkehrsbetriebe Transportleistungen oder Gaststätten Verpflegung zur Verfügung stellten - schließlich könnten ihre Mitarbeiter dann ja auch von den Kinderbetreuungsangeboten profitieren. So etwas wird in Zeiten drohenden Fachkräftemangels immer wichtiger. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge ist 90 Prozent der Beschäftigten mit Kindern die Familienfreundlichkeit bei der Arbeitgeberwahl genauso wichtig wie das Gehalt. Mehr als drei Viertel der Befragten in der Altersgruppe zwischen 25 und 39 würden für mehr Familienfreundlichkeit sogar den Betrieb wechseln.

Umsatzsteuer macht Angebote teurer

Mit solchen Argumenten rennt Jana Stelzig bei immer mehr Unternehmen offene Türen ein. "Wir übernehmen zeitweise auch die Kinderbetreuung bei der Arbeitsagentur in Schwerin, beim Callcenter BUW und in anderen Unternehmen, in denen abends und an Wochenenden gearbeitet wird." Ein Wermutstropfen sei aber, dass Betreuungsangebote in Randzeiten mit 19 Prozent Umsatzsteuer belegt würden. "Die Kitabetreuung dagegen ist umsatzsteuerfrei", weiß Jana Stelzig. "Würde das auch auf uns zutreffen, könnten wir Betreuungsleistungen sehr viel preiswerter anbieten - und noch mehr Familien helfen."


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