Aus dem Gerichtssaal : Wenn Liebe in Gewalt endet

Handwerker traktiert und würgt seine Ex-Frau – Gericht verhängt zehn Monate Gefängnis auf Bewährung

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21. Juni 2016, 21:00 Uhr

Selbstbewusst schaute der Angeklagte zu seiner Ex-Frau hinüber, die als Nebenklägerin im Gerichtssaal saß. Meist hielt sie den Kopf gesenkt, als könne sie dem herausfordernden Blick ihres einstigen Ehemannes nicht standhalten. Der Handwerker und die Angestellte hatten sich als Jugendliche kennen und lieben gelernt. Zwanzig Jahre später war er am Amtsgericht Wismar wegen Körperverletzung angeklagt.

Ein Fall von häuslicher Gewalt, wie er oft in Mecklenburg-Vorpommern vorkommt. Allerdings ist die Dunkelziffer hoch und nicht alle bekannten Fälle landen vor Gericht.

Es ist ein Jahr her, dass in einem Dorf in Nordwestmecklenburg die Frau mit der einen Tochter zu ihrem Ex-Mann kam, um die andere Tochter von ihm abzuholen. Beide Kinder waren noch im Grundschulalter. Der Vater war, so heißt es, angetrunken und weigerte sich, das Kind herauszugeben. Laut Anklage packte er die Mutter am Hals und drückte sie vor der Haustür an die Wand eines Vorbaus. Er zerrte an ihren Haaren, riss sie zu Boden und würgte sie, bis ihr fasst die Luft wegblieb. Die Frau fürchtete um ihr Leben. Das alles geschah vor den Augen der beiden Töchter. Eine Nachbarin alarmierte die Polizei. Bevor die Beamten eintrafen, schafften es drei zufällig vorbeikommende Passanten, die traktierte Frau von ihrem Ex-Mann zu befreien.

Die Würgespuren am Hals der Frau sah man noch Tage später, berichtete eine Ärztin vor Gericht. Die linke Schulter war lädiert, die Arme voller Schürfwunden. Der Kopf schmerzte, weil er so heftig an ihren Haaren gezogen hatte. Die Schlafstörungen und Albträume halten immer noch an.

Die Staatsanwaltschaften in MV bearbeiten Jahr für Jahr rund 1600 Fälle häuslicher Gewalt. Meist geht es um Körperverletzung, oft auch um Nötigung, Bedrohung, Freiheitsberaubung und Beleidigung. Vier von fünf der Opfer sind Frauen. Fachleute nennen die Opfer allerdings inzwischen „Betroffene“, denn sie als „Opfer“ zu bezeichnen, sei eine zusätzliche Demütigung.

Er schäme sich, beteuerte der angeklagte Handwerker. Er könne sich seinen Gewaltausbruch nicht erklären. Er wollte seiner Ex-Frau nicht wehtun, erst recht nicht vor den Augen der Kinder. Das alles ließ er von seinem Verteidiger vortragen. Wäre er selbst zu Wort gekommen, hätte er sich vielleicht nicht so beherrschen können.

Es war nicht das erste Mal, dass er zuschlug. Vor drei Jahren versetzte er seiner ehemaligen Partnerin einen Faustschlag ins Gesicht. Ihre Lippe musste genäht werden, mehrere Zähne waren locker. Auch das passierte vor den Augen einer der beiden Töchter. Sechs weitere Vorfälle habe die Frau angezeigt, sagt ihre Anwältin Christine Habetha. Sie wurden nicht vor Gericht verhandelt. Schon vor der Scheidung vor sechs Jahren habe es Übergriffe gegeben, aber danach sei es schlimmer geworden.

Amtsrichter Hinrich Dimpke verhängte zehn Monate Gefängnis, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, und 5000 Euro Schmerzensgeld, die der Angeklagte an seine Ex-Frau zahlen muss. Außerdem verdonnerte der Richter den Mann, an einem Anti-Aggressionstraining teilzunehmen. Vor Gericht wird das Ex-Paar sich dennoch wiedersehen. Das Familiengericht hat beiden das Sorgerecht für die Töchter überlassen. Geklärt werden muss aber noch, wann der Handwerker seine Kinder sehen darf.


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