zur Navigation springen

Trend Cosplay : Wenn Jessica zu Heldin „Linkle“ wird

vom
Aus der Onlineredaktion

Sie verkleiden sich wie die Charaktere aus ihren Lieblingsserien: Die Anime-Fangemeinde wächst und sie trifft sich nicht nur auf der Leipziger Buchmesse

„Du kannst mich Shiro nennen. Das ist mein Cosplay-Name. Oder Shane. Das ist mein Künstlername.“ Laura Betti lächelt freundlich. Unter dem Pony ihrer feuerroten Perücke luschern ihre dunklen Augen hervor. Sie trägt schwarze Kontaktlinsen. Ihre Nase ist angemalt, so als sei sie eine Katze. Bereit zum Angriff. Oder zum Schmusen. „Ich suche nach Liebesgeschichten. Ich tausche auch.“ An ihrem Tisch steht ein Mädchen mit einem Stapel Manga-Hefte in der Hand. Auf der „AniMa Haro“ am vergangenen Sonnabend in Rostock suchen Fans nach Unikaten – und nach Gleichgesinnten, die Freunde werden könnten. „Ich habe 2005 angefangen, Mangas zu lesen. Das Hobby ist zu einer Lebenseinstellung geworden“, erzählt Laura Betti. „Viele Mangas zeigen, wie Freundschaften und Familienkonstellationen sein sollten. Daraus kann man viel lernen.“ Drei Mal im Jahr gibt es die Comic-Conventions in der Hansestadt. Drei Mal im Jahr ist Laura Betti dabei – immer in einem neuen Kostüm.

Sich wie ein Held aus einer japanischen Zeichentrickserie, einem Computerspiel oder eines Comics zu verkleiden und dabei den Charakter und das Verhalten des Heldens zu adaptieren, wird in der Szene als „Cosplay“ (zu deutsch: Kostümspiel) bezeichnet.

Eine der größten Events für Cosplayer ist die Leipziger Buchmesse. Bereits seit 15 Jahren gehören Mangas und Comics zu dem Event dazu, seit 2014 werden diese sogar in einer eigenen Halle präsentiert. Die Umsätze für Mangas seien in Deutschland zuletzt um zehn bis 15 Prozent gestiegen, weiß Kerstin Libuschewsk, die zum Veranstalterteam der Buchmesse gehört. Die Zeichner können zunehmend von ihren Arbeiten leben.

Die Frage, warum man sich wie eine Comic-Figur verkleidet, bekommt auch Samantha oft gestellt. Die Mediengestalterin pflegt zusammen mit ihrer Schwester den Youtubekanal „Kyoko & Saphira“. Dort veröffentlichen die Geschwister Videos von Messen, zeigen ihre Outfits oder die Kostüme anderer Cosplayer. „Vor allem geht es dabei um den Spaß. Für mich ist Cosplay eine Form der Auszeit, die Flucht in eine bunte, andere Welt. Man spielt einfach eine Rolle“, erklärt die 25-Jährige. Die Kostüme nähen Samantha und ihre 13-jährige Schwester Xandra selbst. An Cosplayfreien Wochenenden.

manga
Foto: Joro/dens

Die meisten Cosplayer sind älter als 25 Jahre – das hat eine Umfrage auf der Leipziger Buchmesse ergeben. Ronny Piechulek, Veranstalter der Rostocker „AniMa Haro“ unterstreicht das Umfrageergebnis: „Das Gros in unserem Animexx-Verein ist in den Zwanzigern.“ Dabei entdeckte Piechulek selbst seine Leidenschaft für Anime-Filme und Mangas bereits im Kindesalter.

„Als kleiner Junge schaute ich „Biene Maja“ und „Heidi“, ohne zu wissen, dass es sich dabei um japanische Serien handelt.“ Mit dem Zugang zum Internet konnte er sich organisieren, inzwischen ist er Schriftführer in dem deutschlandweit agierenden Animexx-Verein. Als solcher reist er im Drei-Wochen-Rhythmus zu Conventions. Inspiriert durch die Veranstaltungen in anderen Großstädten hat Piechulek im Winter 2008 die erste Comic-Con in Rostock auf die Beine gestellt. „Damals waren wir 16 Leute. Wir hatten eine Spielekonsole, einen Beamer und Singstar“, erinnert sich der 32-Jährige.

Mittlerweile ist die Besucherzahl auf 200 angestiegen und nebst der Spielekonsole, gibt es unter anderem Tanz-, Näh- und Zeichenkurse sowie einen Cosplay-Wettbewerb. Die Teilnehmer kommen aus ganz MV, aber auch aus Hamburg und Berlin. „Man kann die Gemeinschaft als Freunde der japanischen Popkultur bezeichnen. Zuerst ging es nur ums Zeichnen, mittlerweile beschäftigen sich die Fans auch mit japanischem Essen, mit Modetrends oder traditioneller Musik“, sagt Piechulek. Generell würden ihm zufolge japanische Kulturgüter zunehmend Raum in Deutschland finden: Die Regale der Buchhandlungen seien voll mit Mangas und die Filmproduktion KSM würde inzwischen monatlich einen Anime-Film in die Sparten-Kinos bringen.

Dabei ist der Comic-Kult keine Neuerscheinung: „Die Mangas sind ein Ergebnis der in Japan angewandten Holzdrucktechnik. Weil es auch dort viele Analphabeten gab, versuchte man die Welt mit Bildern zu erklären. Künstler wie Katsushika Hokusai und Utagawa Hiroshige haben die Technik dann im 18. Jahrhundert zur Hochkultur gebracht“, verdeutlicht Johannes Kunze, Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Mecklenburg-Vorpommern zu Rostock. „Mangas sind weder oberflächlich, noch effekthaschend, stattdessen oft sehr emotional. In den Bildern stecken häufig Botschaften, die auf Missstände hinweisen. Es gibt die Hefte für jede Altersklasse und jede Gesellschaftsschicht“, verdeutlicht Kunze. Cosplay sei ein Ausdruck der Identifizierung mit den Helden der Geschichten, die Kostümierung gehöre in Japan zum Alltag dazu.

Für Jessica Hennings ist das Auftreten als „Linkle“ aus „Zelda“ fast noch Neuland. „Vor etwa zwei Jahren habe ich wieder mit Cosplay angefangen. Das Kostüm und auch die Waffen habe ich selbst gemacht.“ Die 24-Jährige kommt ursprünglich aus Röbel an der Müritz. „Da weiß man nichts von Conventions.“ In Rostock sei die Community größer. Aber auch in Schwerin und Greifswald gebe es Fantreffen. „Ich versuche allerdings auch mindestens eine große Comic-Ausstellung wie die „MagicCon“ pro Jahr mitzunehmen.“ Diese findet dieses Mal zwischen dem 21. und 23. April in Bonn statt. Erwartet werden Stars wie Ian Somerhalder, bekannt aus der Hitserie „Vampire Diaries“, Jason Issacs, der demnächst in „Star Trek Discovery“ mitspielt oder Andrew Scott und Louise Brealey aus der Erfolgsserie „Sherlock“.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Apr.2017 | 11:55 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen