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Herbstwetter nutzen : Wenn Frösche mit Fischen fliegen

vom
Aus der Onlineredaktion

Schweriner Uwe Gladrow hat über 200 Drachen selbst gefertigt, sie sind bis zu elf Meter hoch

von
erstellt am 09.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Uwe Gladrow wirkt eher wie der Typ Mensch, der nicht so viel redet. Wie ein harter Kerl. Mit einer Hand in der Hosentasche lehnt er an seinem Auto. Mit der anderen raucht er E-Zigarette. Die Stirnmütze hat er tief in sein Gesicht gezogen. Wenn man ihn so sieht, kann man nur schwer erahnen, was er in den Säcken in seinem Auto lagert: Nämlich Drachen. So genannte „Stablose“, die mit Luft gefüllt am Himmel zu überdimensionalen Fabelwesen, Tieren und Comicfiguren heranwachsen. 200 Stück sind es. Sie alle hat Gladrow in stundenlanger Arbeit selbst genäht.

„So ist das mit den Hobbys“, sagt der Schweriner und zuckt mit den Schultern. „Die einen sammeln Lokomotiven und ich eben Drachen.“ Gleich mehrere kreisen über seinem Kopf hoch oben in der Luft: bunte Rauten, Adler, Möwen oder auch Quallen, deren Tentakeln aus langen bunten Flatterbändern bestehen. Im Bürgerpark Wismar ist Drachenfest. Mitten in dem Treiben steht ein großer weißer Drachen fast still am Himmel. „Das ist meine Bonbon-Fähre“, sagt Gladrow. Was genau das ist, erfährt man erst später.

Kites – so der Fachbegriff – haben eine lange Tradition. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus wurden die ersten Drachen aus Bambus und Seide, später Papier gebaut. Auch die Römer ließen zu besonderen Anlässen verzierte Windsäcke in die Luft steigen. Doch Drachen, wie wir sie heute kennen, kamen erst im 16. Jahrhundert mit Handelsleuten aus Fernosten nach Europa. Seitdem gehören die bunten Stoffsegel zum Herbst dazu.

„Es fliegt alles. Es muss nur genug Wind da sein“, sagt Gladrow. „Auch Telefonzellen oder ein Maulwurf zum Beispiel.“ Zumindest wenn sie aus Stoff sind. Der Kraftfahrer kam vor 20 Jahren zu seinem Hobby. Damals faszinierten ihn noch Lenkdrachen. Diese kann man steuern, in dem man an verschiedenen Leinen zieht. Er kaufte sich einen Buggy, eine Art Dreirad und ließ sich mit den Kites über den Strand der Nordsee ziehen. Doch dann sah er eines Tages eine riesige Robbe am Himmel fliegen. Keine Halluzination, sondern ein riesiger Drachen. „Von da an wollte ich immer mehr. Schöner. Größer. Ich war infiziert“, sagt Gladrow.

Sein erster „Stabloser“, wie die Windsäcke von Profis genannt werden, war ein acht Meter großer Teddybär. Den fertigte er erst selbst an. Eine Anleitung hatte er damals nicht. Genauso wenig wie Ahnung vom Nähen. „Du nimmst ein Plüschtier, schneidest es auseinander und baust das dann nach.“ Schnüre im Inneren sorgen für die nötige Stabilität. Bei deutschlandweiten Workshops erschaffen die Windfans komplizierteste fliegende Figuren. Rochen, Einhörner, Schlümpfe oder auch schon einmal einen Bagger. Bis zu 20 Meter sind sie groß. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, so Gladrow.

Insgesamt 70 Meter Stoff benötigte er für seinen fliegenden Teddybär. Der Meter kostet zwischen drei und 20 Euro. Je nachdem, wie hochwertig und leicht das Material ist. „Da geht schon sehr ins Geld.“ Gladrow selbst näht mehrere Drachen pro Jahr. Mal kleinere, mal größere. Allein in diesem waren es sechs Stück. Sein größter ist ein weißer Frosch. Er misst elf Meter.

Doch heute ist die Bonbon-Fähre Gladrows Highlight. Noch immer steht der weiße Drachen still in der Luft. An der Leine ist ein weiterer Kite mit einem Sack befestigt. Auf Kommando lässt der Schweriner ihn Fliegen. Die Gäste im Park schauen gespannt. Langsam steigt der zweite Drachen in die Höhe. Und dann „klack“ öffnet sich der Sack. Hunderte Bonbons und kleine Kuscheltiere rieseln zu Boden. Bonbon-Fähre – Jetzt ergibt es Sinn.

Mit seinem Hobby steht der Schweriner nicht alleine da. Auf der Website www.windfans2.de tauschen sich Drachenbegeisterte „De fleigend Fischköpp“ aus ganz Norddeutschland über ihre Erfahrungen aus. „Früher gab es noch viele Vereine“, erinnert sich Gladrow. Der Altersdurchschnitt sei gestiegen. Viele kämen inzwischen erst durch ihre Kinder zum Drachensteigen. Doch regelmäßige Treffen gibt es trotzdem. Erst am Wochenende kamen Drachenfans aus ganz Norddeutschland nach Boltenhagen. „Die größte Veranstaltung Europas findet jedoch in Dänemark statt“, sagt Gladrow. Bis zu 5000 Menschen treffen sich dort jedes Jahr im Juni, um den Himmel neu zu bevölkern. Für den Schweriner ein fester Termin im Kalender.

Doch für dieses Jahr ist für ihn fast schon Schluss. Am Wochenende will er noch einmal nach Bansin auf Usedom zum Drachenfest. Und im Winter? „Dann habe ich hoffentlich etwas Zeit zum Nähen“, sagt Uwe Gladrow und schaut in den Himmel.

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